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Al Green Soul zum Sofortverlieben

10.06.2008 ·  Al Green, der vielleicht größte Soulsänger der siebziger Jahre, hat sein neues Album zusammen mit jungen Musikern aufgenommen, die noch nicht einmal auf der Welt waren, als er seine ersten Erfolge feierte: Direkt aus dem Herzen und handgemacht.

Von Stephan Herzceg
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In Zeiten wie diesen, in denen neue Musik oft so klingt wie irgendetwas, das es irgendwann schon einmal gab, nur heute etwas schlechter und seelenloser als damals, freut man sich umso mehr, wenn einem unverhofft eine gerade erschienene Platte in die Hände fällt, die sich so schön und wunderbar altmodisch nach Al Green anhört, dass es sich tatsächlich um niemand anderen als Al Green, den vielleicht größten Soulsänger der siebziger Jahre, handeln kann. „Lay It Down“ heißt sein neues Album, das er zusammen mit jungen Musikern aufgenommen hat, die noch nicht einmal auf der Welt waren, als er seine ersten Erfolge feierte.

Geboren wurde Al Green 1946 als Sohn eines Farmers in Arkansas. Bereits als Neunjähriger singt er mit seinen Brüdern in der Gospelgruppe seines strengen Vaters, den Green Brothers, die er im Streit als Jugendlicher verlassen musste, weil ihn seine Eltern beim Hören einer Schallplatte des R-'n'-B-Sängers Jackie Wilson erwischt hatten. Anfang der Sechziger gründet er die Soulgruppe Al Green & The Creations, die sich später in Al Green & The Soul Mates umbenennt und 1967 ihren ersten und einzigen Charts-Hit landet. Doch erst ein paar Jahre später als Solokünstler kommt der ganz große Erfolg, den Green wohl vor allem seinem Produzenten Will Mitchell, dem musikalischen Direktor des legendären Memphis-Soul-Labels Hi Records, zu verdanken hat. Seine in den siebziger Jahren erschienenen Soloalben, darunter Welterfolge wie „Let's Stay Together“ und „I'm Still in Love with You“, verkauften sich millionenfach und machten Al Green zu einem der bekanntesten Sänger dieser Zeit.

Magischer Touch

Er verkörpert wie kein anderer die Musikrichtung des Memphis Soul - dieser sanft-beschaulichen, von leiser Orgel, unaufdringlichem Schlagzeug und ruhigen Bläsersätzen dominierten Südstaatenvariante der Soul Music. Al Green verleiht ihr mit seiner einzigartigen, sich gelegentlich in Falsett-Höhen hinaufschraubenden Stimme den ganz besonderen magischen Touch.

Nach tragischen Geschehnissen im Jahr 1974 - er wird im Badezimmer von seiner Freundin absichtlich mit kochend-heißer Grütze überschüttet, erleidet dadurch schwere Verbrennungen am Oberkörper und muss mit ansehen, wie sich seine Freundin unmittelbar nach dieser Tat mit einer Pistole selbst erschießt - wendet sich Al Green der Religion zu. Er kauft ein Kirchengebäude in Memphis und wird 1976 Priester an dieser seiner „Full Gospel Tabernacle-Church“, in der er bis heute als Reverend Green Gospelmessen abhält.

Rückzug aus dem Musikgeschäft

Drei Jahre später stürzt er während eines Konzerts von der Bühne, was Green als göttliches Zeichen interpretiert, sich ganz aus der säkularen Welt des R-'n'-B-Musikgeschäfts zurückzuziehen, um sich ausschließlich der Kirche und der Gospelmusik zu widmen.

So nimmt Al Green zwischen 1980 und 1995 fast nur noch Platten mit traditionellem Gospel auf, für die er im Laufe der Jahre mit insgesamt acht Grammys ausgezeichnet wird. Sein Comeback als Soulsänger, das er 2003 mit dem Album „I Can't Stop“ feierte, setzt er nun mit seiner neuen Platte „Lay It Down“ fort. Sie ist im Teamwork mit jungen R-'n'-B- und Hip-Hop-Musikern entstanden, darunter Schlagzeuger Ahmir „?uestlove“ Thompson von der Alternativ-Hip-Hop-Band The Roots und Erykah-Badu-Keyboarder James Poyser, die sich wohl nicht lange bitten ließen, am neuen Album des Idols ihrer Eltern mitzuwirken.

Nähe und Unmittelbarkeit

Ganz altmodisch und handgemacht klingt es, kommt ohne Synthesizer und Drum-Machine aus und wird vor allem von Al Greens wunderbarer Stimme getragen, die sich in den letzten vierzig Jahren kaum verändert hat. In zahlreichen Studiosessions aufgenommen, vermittelt Greens Musik ein solches Gefühl von Nähe und Unmittelbarkeit, als ob man direkt im Studio neben dem Schlagzeuger säße, um diesen von Green mit unglaublicher Leichtigkeit dahingejubelten Vokalkaskaden zu lauschen.

Fast alle Titel des Albums sind langsame Liebesballaden und somit die Art von Musik, die Al Green schon immer am besten beherrschte. Doch keiner seiner Lovesongs klingt kitschig oder billig, auch wenn einige davon von schmelzenden Violinen begleitet werden. Mit Stücken wie „Just for Me“ oder „What More Do You Want from Me“ beweist Green vielmehr, worin noch immer seine große Stärke liegt: sich auf vollkommen unpathetische Weise durch tieftraurige Liebesangelegenheiten zu singen, zu sprechen und zu jauchzen. Seine Stimme, die wirklich direkt aus dem Herzen zu kommen scheint, verleiht den Songs dabei einen zusätzlichen, perfekt auf Schlagzeug, Gitarre und Orgel abgestimmten Groove, der Al Greens Musik zu etwas ganz Unverwechselbarem macht.

Nicht nur als Solosänger, auch im Duett brilliert Al Green auf „Lay It Down“. Ein paar der talentiertesten Newcomer des Neo Soul hat er sich hierfür ins Studio geladen. Zusammen mit den amerikanischen R-'n'-B-Sängern Anthony Hamilton („You've Got the Love I Need“) und John Legend („Stay with Me“) sowie mit der jungen englischen Soul-Sängerin Corinne Bailey Rae („Take Your Time“) hat er einige der schönsten Stücke des Albums eingespielt.

Musik, in die man sich, wenn man Soul mag, sofort verliebt - und deren größter Vor- und Nachteil darin besteht, dass sie sich in den letzten dreißig Jahren quasi nicht verändert hat. Nichts für Freunde der musikalischen Evolution also, aber wertkonservative Old-School-Menschen werden sich an „Lay It Down“ nicht satthören können.

Al Green: „Lay It Down“, erschienen bei Blue Note (EMI)

Quelle: F.A.S.
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