Home
http://www.faz.net/-gsd-ojei
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Adam Green Fast eine Mischung aus Sinatra und Morrison

25.02.2004 ·  Adam Green wirkt mit seinem angenehmen Bariton, seinen lässigen Bühnenmanieren und seiner ganz außerordentlichen Songschreiberkunst wie eine Erscheinung, die nicht von dieser Popwelt ist.

Von Edo Reents
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Glaubt man an die These, der zufolge das Leben des begabten Kindes ein einziges Drama ist, dann müßte man um Adam Green Angst haben. Doch dieser Hochtalentierte, der geboren wurde, als es den Punk fast schon nicht mehr gab, taugt wenig zur Bestätigung Alice Millers.

Es gab Little Stevie Wonder, Steve Winwood, Alex Chilton und Michael Jackson, die alle als Halbwüchsige reüssierten und eine Welt in Staunen versetzten, indem sie sangen, wie normalerweise erst Erwachsene singen, von Dingen, von denen normalerweise erst Erwachsene etwas wissen sollten - doch Adam Green, Jahrgang 1981, wirkt mit seinem angenehmen Bariton, seinen lässigen Bühnenmanieren und seiner ganz außerordentlichen Songschreiberkunst wie eine Erscheinung, die nicht von dieser Popwelt ist: ein richtiger Bubi noch, den frechen Augen und dem Schmollmund nach zu urteilen, aber in seiner Musikalität ein ganz Großer, fast eine Mischung aus Frank Sinatra und Jim Morrison, wenn dieser Vergleich nicht zu großspurig wirkt.

Unerwartet glänzend

Seine Intonationssicherheit, seine Einsicht in die Notwendigkeit, daß man einen Song nicht aussingen, stimmlich nicht zum Äußersten gehen und also keineswegs kreischen oder brüllen muß, um Wirkung zu erzielen, und der leicht bitterherbe Klang seines Organs lassen jedenfalls an Sinatra denken. Und daß er es mit dem verstorbenen "Doors"-Leader Morrison aufnehmen kann, deutet er an, indem er bei Life-Auftritten in letzter Zeit den schwer zu singenden "Doors"-Song "The Crystal Ship" als Zugabe zum besten gibt.

Dies tat er auch bei seinem Auftritt im Heidelberger Karlstorbahnhof, wo er auf seiner kurzen Deutschland-Tournee Station machte. Wer bis dahin gedacht hatte, Green halte den Ball lieber in der eigenen Hälfte und lasse es mit einer Anderthalbdutzendkollektion von Eigenkompositionen gut sein, der fühlte sich angenehm überrascht. Ohnehin war es nicht unbedingt zu erwarten gewesen, daß der Musiker auf der Bühne so glänzen würde. Sein zweites, im vergangenen Sommer erschienenes Soloalbum "Friends Of Mine", das in vielen Musikredaktionsstuben zum Popalbum des Jahres erklärt wurde und nun als Grundlage eines bejubelten Abends diente, geht einem ja schon fast auf die Nerven, so makellos ist es.

Giftig süß wie Maupassant

Wozu will man diese fünfzehn Lieder mit den schmutzigen Phantasien, die in zwei Minuten abschnurren und dabei wie ein süßes Gift wirken, als wären es Novellen von Maupassant, auch noch live hören? Das sollte man lieber so lassen.

Aber es funktionierte. Mit jener "unglaublichen Mixtur aus Phlegma, Katarrh und physischem Humor", die das Magazin "Rolling Stone" einst dem jungen Rod Stewart attestierte, beeindruckte Green den Saal, den auch die bestens eingestellten Begleitmusiker an akustischer Gitarre, Keyboard, Baß und Schlagzeug von Anfang an im Griff hatten.

Liebesempfehlungen

Adam Green verausgabt sich nicht. Der Reiz seiner Kunst besteht in kluger Dosierung, prototypisch vorgeführt in dem Song "Broken Joystick", der nach dem Höhepunkt rasch Platz für das nächste Glanzstück macht. Der Kontrast zwischen Form und Inhalt tritt unter Lifebedingungen durch die teilnahmslose Darbietung noch deutlicher hervor. Zu zwingenden Melodien und Harmonien, die man schon nach dem ersten Hören nicht mehr aus den Ohren kriegt, singt er ungelenk tänzelnd vom Freitod, als wäre das die schönste Sache von der Welt: "Suicide, suicide", trällert er in "Bluebirds", wo man erst dachte, so ein Milchgesicht könnte kein Wässerchen trüben.

Green empfiehlt die Liebe mit einer Frau ohne Beine ("No Legs") als Genuß ohne Reue ("You'll never be sad again") - ein anrührender Folksong, den auch Loudon Wainwright oder Arlo Guthrie nicht besser hinbekämen - und nimmt scheinheilig Anteil an den Sorgen derer, die noch an etwas glauben: "I wanna die because the government lied." Er spielt das Kind, das aller Dinge überdrüssig ist und nur seinen Rubik's Cube mit ins Grab nehmen will, das Modespielzeug aus der Zeit, in der Green geboren wurde.

Kein Chronist seiner Generation - zum Glück

Das alles sind Perlen, die der kleine Prinz indes nicht vor Säue wirft. Längst ist das Publikum damit vertraut wie mit einem von Generation zu Generation weitergegebenen Kanon. Ein eigenartiger, wissender Ton ist darin, der das Abseitige, dem seine ganze Aufmerksamkeit gilt, indes nicht triumphierend herausposaunt, sondern in den lockeren, wie luftdurchlässigen Arrangements halbwegs diskret verpackt. "Salty Candy" heißt ein Song, und das ist es auch, was er den Leuten ungerührt verabreicht.

Seine Zeit als Speerspitze der musikalisch ganz anders ausgerichteten New Yorker Anti-Folk-Bewegung, der er mit seiner rasch eingemeindeten Außenseiter-Band "Moldy Peaches" vorstand, dürfte er hinter sich haben. Zum Chronisten seiner Generation ist er deswegen noch lange nicht geworden; dazu ist, was er zu sagen hat, zu speziell, so erfolgreich er damit auch ist. Ein Mann wie Frank Sinatra hätte vermutlich seine Freude an diesem Burschen, der auch swingen kann. "Adam Green? Laßt mir den Jungen zufrieden, aus dem wird noch mal was!"

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2004, Nr. 47 / Seite 35
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr