21.10.2008 · Die neue Platte der australischen Hardrock-Gruppe AC/DC ist die beste seit achtundzwanzig Jahren und stellt schon insofern ein Ereignis dar. Edo Reents bedeutet sie noch mehr: Eine Erinnerung an Ferien in Cuxhaven, die jugendliche Trauer um Bon Scott und eine Feier bei Dieter Bohlen.
Von Edo ReentsDie neue Platte der australischen Hardrock-Gruppe AC/DC ist die beste seit achtundzwanzig Jahren und stellt schon insofern ein Ereignis dar. Inwiefern sie das außerdem tut, auf diese Frage wird jeder Anhänger dieser seit fünfunddreißig Jahren ununterbrochen bestehenden Gruppe eine unterschiedliche Antwort finden.
Was mich betrifft, so hörte ich die Band zum ersten Mal bewusst Anfang Januar 1980 auf der Geburtstagsfeier von Dieter Bohlen; so hieß ein damaliger Schulfreund, der an diesem Tag vierzehn Jahre alt wurde, und als wir Kartoffelsalat und Würstchen hinter uns hatten und meinten, der Abend müsse noch etwas hergeben, das Radio einschaltete. Wir hörten lang nicht richtig hin, bis auf einmal Musik kam direkt wie aus der Steckdose. Es war, natürlich, der aktuelle Hit „Highway To Hell“ von der gleichnamigen, im Spätsommer 1979 erschienenen Platte.
Ich hatte es vorher schon gehört, wusste aber nicht, von wem das war, und es interessierte mich auch nicht, denn diese Musik war mir nicht geheuer. Die buchstäblich wie Starkstrom elektrisierenden Gitarrenakkorde; das mit dumpfer Kraft einsetzende Schlagzeug und vor allem die schneidend-aufsässige Stimme, die ziemlich hoch, wie stranguliert und irgendwie auch leidend klang; dazu der mit geradezu selbstmörderischer Euphorie skandierte Refrain, der immerhin darauf hinauslief, dass das singende Ich auf dem direkten Weg in die Hölle war – wozu sollte das gut sein? Ich dachte, es wäre Sünde und man mache sich irgendwie schuldig, wenn man sich so etwas anhöre. Ich war aber auch denkbar unvorbereitet und hatte mir bis dahin immer nur Sachen von meiner älteren Schwester überspielt und sehr halbherzig vielleicht einmal eine Beatles-Kompilation auf Kassette gekauft, die ich aber kaum hörte, weil mich „Ob-la-di, Ob-la-da“ so irritierte.
Bedrohliche Posen
Lange ließ ich das auf sich beruhen und vergaß das Hörerlebnis sogar komplett, bis ich die folgenden Osterferien, im April 1980, bei Verwandten in Cuxhaven verbrachte. Mein gleichaltriger Vetter, der in jeder Hinsicht besser informiert war als ich, hatte „Highway to Hell“ natürlich, allerdings auf Musikkassette. Ob ich mal hören wolle, fragte er; aber ich verband schon gar nichts mehr mit dem Namen und starrte nur auf das Cover, das die Gruppenmitglieder in einer Pose zeigte, die mir bedrohlich vorkam; der Kleinste von ihnen trug eine Schuluniform, hatte Teufelshörner auf dem Kopf und einen gezackten Schwanz in der Hand.
Wir hörten das Lied „Highway to Hell“, das gleich als allererstes kommt, dann sehr oft hintereinander, bestimmt fünfzehn, zwanzig Mal, und da wusste ich, ohne noch weiteres abwarten zu müssen, dass diese simple, rüde Musik mit diesem Kellerkindergehabe meine Musik ist. Da ich wenig Geld hatte, schlug ich meinem Vetter einen Tausch vor, worauf dieser sogar einging: „Highway to Hell“ gegen „Whatever You Want“ von Status Quo, die ich im Gepäck hatte.
Schneidende Schärfe
Das Frühjahr verbrachte ich im Wesentlichen damit, die Tage und Wochen zu zählen, die vergehen mussten, bis ich mir wieder eine neue AC/DC-Kassette von meinem Taschengeld leisten konnte; insgesamt gab es sechs, alle in aggressivem Orange gehalten. Die ersten drei, leicht blueslastigen Platten waren noch etwas unterproduziert, hatten aber schon diese schneidende Schärfe, dieses lauernde, kleinkriminelle Halbstarkentum, das der Sänger Bon Scott so unnachahmlich verkörperte, der aussah, als hätte er seine Jugend hauptsächlich mit dem Frisieren von Mofas verbracht. Mit der Platte „Powerage“ kam 1978 das Stadium der Meisterschaft: gediegene Produktion, ein sehr harter, aber, dank Bon Scotts Stimme, warmer Klang. Malcolm Young, der mit seinen langen Haaren frisurtechnisch mein Vorbild wurde, drosch seine gewaltigen Rhythmusgitarrenakkorde; Bruder Angus spielte, grundsätzlich in Schuluniform, seine Soli, in denen ich den Gipfel der Gitarrenkunst zu erkennen meinte, obwohl sie technisch anspruchslos waren.
Um tiefer in dieses Phänomen einzudringen, dem ich die wohl beglückendsten, weil Aggressionen abbauenden musikalischen Momente meines Lebens verdankte, schnitt ich aus alten Bravo-Heften sämtliche AC/DC-Artikel aus und klebte sie in eine Mappe, die ich sorgfältiger verwahrte als meine Schulsachen. Leider entnahm ich diesen Unterlagen auch, dass der Sänger inzwischen gestorben war. Bon Scott wurde nur dreiunddreißig Jahre alt, wie Jesus Christus. Und als ich mir die ganzen Fotos noch einmal ansah, wusste ich auch, was der Grund für diesen, wie ich es sofort empfand, unersetzlichen Verlust war: Bon Scott hatte in jeder Lebenslage ein Glas oder gleich eine ganze Flasche Schnaps in der Hand.
Trauer in schwarzen Pullovern
In einem Bravo-Artikel wurde sogar ausführlich sein Lieblingsgetränk beschrieben; Scott selber nannte es Rusty, eine Mischung aus Bourbon, Scotch und Gin, soweit ich mich erinnere. Das schüttete er dann in sich hinein, es sah aus wie Cola mit Limonade. Bon Scott war an einem Februarmorgen 1980 gestorben, einsam in einem Auto irgendwo in London, erstickt an seinem eigenen Erbrochenen; sein Freund, ein gewisser Alistair Kinnear, hatte ihn nachts einfach liegen lassen, weil er so betrunken war, und ihn am anderen Tag tot aufgefunden. Nicht davor und nicht danach war ich auf jemanden so wütend wie auf diesen Alistair Kinnear. Als Bon Scotts erster Todestag kam, erschienen wir in der Schule in schwarzen Pullovern, und die Mutter von einem von uns sagte nur, wenn wir um nahe Angehörige irgendwann auch nur annähernd so trauern würden wie um diesen Halbaffen, dann sei es ja gut.
Nunmehr über einen nicht sonderlich ausdifferenzierten, aber doch recht gefestigten Musikgeschmack verfügend, trat ich die Sommerferien an, die ich wieder in Cuxhaven verbrachte und an die ich mich deswegen so gut erinnere, weil in jenem August 1980 die erste AC/DC-Platte ohne Bon Scott erscheinen sollte. Darauf war ich, trotz der Bravo-Berichte, die ich das ganze Frühjahr über studiert hatte und die mir das Gefühl gaben, mit meiner Trauer nicht allein zu sein, innerlich nicht vorbereitet. Es erschien mir stil- und pietätlos, dass man ohne diesen einzigartigen Sänger weitermachte. Aber die neue Platte, auf der ein gewisser Brian Johnson singen sollte, der wie ich ebenfalls aus der Bravo wusste, seine australischen Kollegen mit seinem englischen Humor und entsprechenden Essensvorlieben bereits bestens unterhielt, konnte ich ja nicht verhindern.
Nichtsnutziger Nihilismus
So kam sie denn, fast auf den Tag genau ein Jahr nach „Highway to Hell“. Ich hatte der Cuxhavener Gang meines Vetters lange damit in den Ohren gelegen, sicherlich auch, um mit dieser schon fast krankhaften, aber nicht untypischen Leidenschaft meinen Landeistatus zu kaschieren, und so saßen wir eines Nachmittags im Jugendzimmer. Mein Vetter hatte inzwischen umgerüstet auf Plattenspieler, und so knisterte die Nadel auch schon los. Wir hatten mit allem möglichen gerechnet, nicht aber mit den düsteren Glockenschlägen, mit denen das erste Lied eingeleitet wurde: Es war „Hell’s Bells“. Und es klang gewaltig. Von Brian Johnson war lange nichts zu hören, bis er dann doch loslegte: „I’m a rolling thunder, a pouring rain / I’m coming on like a hurricane.“ Im Grunde war das der nichtsnutzige Nihilismus von „Highway to Hell“. Die Stimme klang hoch, höher noch als die Bon Scotts und schriller; sie passte zur Musik. Wir atmeten auf: Johnson hatte seine Sache gut gemacht, auch auf den anderen Stücken der recht muskulös geratenen Platte, die „Back in Black“ hieß, wie wir erst sahen, als wir das Cover gegen das Licht hielten, denn Band- und Albumname standen in schwarzer Schrift auf schwarzem Hintergrund. Es war eine sehr gute Platte mit viel Wucht. Aber Bon Scott fehlte doch.
Zum Abschied hatte mir mein Vetter, der fabelhaft malen konnte, noch den Schriftzug der Band auf ein weißes Stück Leinen gemalt, das nähte ich mir eigenhändig hinten auf meine Mustang-Jeansjacke, und mit der erschien ich dann im neuen Schuljahr auf dem Pausenhof, mein bester Freund, der eher geistige Interessen hatte und höchstens einmal Miles Davis hörte, sagte mit einer Stimme, die mindestens so schneidend klang wie die von Bon Scott: „Lä-cher-lich!“ Ich knickte sofort ein und machte das Schild noch am selben Tag mit einem Fadentrenner wieder ab – ein richtiges Verräterschwein.
Das kratzte mich nicht mehr
Für das Bremer Konzert im Oktober 1980 nahm ich Kontakt mit dem Busunternehmen in unserem Dorf auf: Wie teuer es wohl für jeden Einzelnen würde, wenn man dreißig Leute zusammenbekäme? Denn so viele würden sich ja wohl mindestens finden. Auf den Aushang hin, den ich am Schwarzen Brett unserer Schule machte, meldete sich ein Einziger; selbst aus meiner Klasse, der ich schon ausgiebig auf der Luftgitarre vorgespielt hatte, wollte niemand mit. Ich fuhr dann auch nicht hin, was mir bis heute leid tut.
Ich baute danach AC/DC-mäßig aber sehr schnell ab. Ein Klassenkamerad, mit dem ich mich bis dahin in allem einig wusste, deprimierte mich eines Tages mit der Auskunft, dass er nun auf Barcley James Harvest umgesattelt habe und höchstens noch die zweite Seite von „Powerage“ auflege. Ich selber war im Prinzip nicht besser und kaufte mir die nachgemachte Bluesmusik zusammen, die in meiner Dorfdisko lief, und ließ mir zu Weihnachten 1981 noch die zweite Platte mit Brian Johnson, schenken, hörte sie aber schon gar nicht mehr richtig. Ich dachte, das müsse nun alles aufhören, man müsse auch mal erwachsen werden. AC/DC machten natürlich weiter und verkauften in den zwanzig folgenden Jahren viel mehr Platten als in der Bon-Scott-Zeit. Aber das kratzte mich nicht mehr.
Zurück auf dem Weg zur Hölle
Später kam ich zur Besinnung und kaufte die frühen Sachen, die ich bis dahin nur auf Musikkassette hatte, auf Vinyl nach und war überglücklich, als ich im Herbst 2000 für eine Zeitung Angus Young interviewen durfte. Es war in einem Hotel, ich glaube, in Halle, nachmittags gegen vier. Der extrem kleine Mann kam offenbar gerade aus dem Bett, die Haare strubbelig, rauchte eine Zigarette nach der anderen, und ich wusste nicht, was ich fragen sollte. Erst erzählte ich ihm von meinem Bremer Busfiasko 1980 und fragte ihn dann, ob er nicht auch sagen müsse, dass Bon Scott unersetzlich sei. „Well“, sagte der Gitarrist mit unglaublich tiefer Stimme, „Brian does his best.“ Das anschließende Konzert war großartig und ich wieder in der Spur, nämlich auf dem „Highway to Hell“.
Das war’s im Wesentlichen. Ich gebe zu, es gibt interessantere Geschichten. Aber ist Rockmusik dazu nicht da: ein normales Leben für kurze Momente aufregend zu machen? Nietzsche hat gesagt, wenn man sich über sich selbst im Klaren werden wolle, müsse man sich bloß fragen, was man richtig geliebt habe. Bei mir waren das AC/DC. Aber von Nietzsche-Zitaten wird Bon Scott auch nicht wieder lebendig.
Die neue Platte „Black Ice“, die erste nach acht Jahren, wird, dessen bin ich mir sicher, vielen Menschen etwas bedeuten. Sie knüpft direkt an die ganz große Zeit zwischen „Powerage“ und „Back in Black“ an, in welcher der Hardrock gleichsam zu sich selber kam. Auf dem schwarzen Cover prangt in bedrohlichen, blutroten Buchstaben der Bandname. Der Produzent Brendan O’Brian, zuständig für die Rockprominenz der harten oder mittelharten Sorte, hat das Beste aus allen fünf Musikern herausgeholt und für einen erfreulich rauhen, druckvollen und ungemein kompakten Klang gesorgt, aus dem sich alle Instrumente gut heraushören lassen, sogar die Slidegitarre auf „Stormy May Day“, die Angus Young hier meines Wissens erstmals spielt. Und Brian Johnson rutscht mit seiner Stimme mehrere Etagen tiefer und knurrt dazu wie ein alter Blueser. Sagen wir es so: Dies ist die Platte, auf die man achtundzwanzig Jahre lang gewartet hat, ohne es zu wissen; eine merkwürdige Erfahrung. Daran denke ich jetzt – und an Bon Scott.
Toll geschrieben.
fernet punker (fernetpunker)
- 17.10.2008, 17:42 Uhr
Weniger über "ich", mehr über "AC/DC" bitte
Gregor Deckers (Dreizack)
- 21.10.2008, 14:25 Uhr
@fernet punker:
Alexander Hilsbos (hilsbos)
- 21.10.2008, 15:04 Uhr
Danke...
T Jak (TiJak)
- 21.10.2008, 16:20 Uhr
Barclay James Harvest
Volker Klueting (Betailgeuze)
- 21.10.2008, 17:33 Uhr