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Pop : Wie „deutsch“ kann Rammstein bleiben?

  • -Aktualisiert am

Rammstein Bild: AP

Rammstein hat das dritte Album produziert. Mit „Mutter“ spielen die „bösen Deutschen“ aus dem Osten ihr erfolgreiches Image weich.

          Soviel ist sicher: Am Anfang waren die Musiker um den Sänger Till Lindemann keine Boygroup, die sich von irgendeinem Label zu dem Zweck zusammenbauen ließ, mithilfe des Images „bös, hässlich und deutsch“ möglichst schnell in die oberen Charts einzusteigen. Wider den Spekulationen leben die sechs Musiker aus Schwerin und Ost-Berlin auch keine deutschnationale Identität aus, wenngleich sie die rechte Szene erreichen.

          Sicher ist aber auch, dass Plattenfirmenstrategen die Jungs nach und nach zu naziästhetischen Standbildern formten, und dass spätestens seit Rammsteins erster US-Tournee 1997 auch im Ausland wieder bewusst deutsche Texte gehört und diskutiert werden. Dem Wall Street Journal entfuhr ein wissendes „Woah, that´s German!“.

          Deutsche Effizienz

          Rammstein ist mit rund drei Millionen verkauften Alben die international erfolgreichste deutschsprachige Band seit Kraftwerk Ende der 70er Jahre. Der Regisseur David Lynch adelte zwei ihrer Songs, indem er sie für den Soundtrack seines Films „Lost Highway“ verwendete. Und es sind Kraftwerk ähnliche Landespunkte, die das Ausland für Rammstein verbucht: deutsche Technik - auf der Bühne kracht und fackelt es, deutsche Effizienz - lapidare Texte, die knallhart sagen, worum es geht und meist stoisch vorgetragen werden, und dann doch ein wenig deutsche Melancholie neben all den brachialen Gitarrenriffs - wie in „Engel“ (1997), die bei Rammstein einsam und allein im Himmel schweben.

          Das „Böse“ an Rammstein - die Provokation des Namens, die proletenhafte Fixierung auf tabuisierte Themen wie Inzest und Kindesmissbrauch, die unheimliche Aura des Auftritts mit Bildern aus Leni Riefenstahls Olympia-Film, das tiefgerollte „R“ - all dies sind keine Zeichen eines politischen Statements, sondern Labels, die wie Statements getragen werden und - wie Lindemann und sein Schlagzeuger Christoph Schneider kürzlich noch in einem Interview des „Stern“ erklärten - der Selbsthilfe dienlich sind.

          Allerdings ist mit dieser kathartischen und lustbringenden Eigentherapie dann doch ein Stück echter, deutscher Vergangenheit verbunden, DDR-Vergangenheit: „Wenn wir aus dem Westen kämen, gäbe es Rammstein nicht.“ Der ehemalige, musikalische Underground östlich des „antiimperialistischen Schutzwalls“ - kotzt mit harter Metal-Musik endlich aus, was niemals gesagt werden durfte und überholt die weichspülenden, nach Amerikas Sound hin orientierten West-Bands.

          Deutsch in diesem Sinne also: Muttersprache und Vaterland sind Steinbruch zur martialischen Selbstinszenierung, das Pathos schlägt um in Parodie. Wie lange lässt sich so ein Image aufrechterhalten. Wie lange trägt die Wut der eigenen Biographie?

          Deutsches Sentiment

          Zumindest einige der Texte des dritten Albums „Mutter“, das seit diesem Montag auf dem Markt ist, könnten den guten schlechten Ruf ins Wanken bringen. Im Titelstück beklagt die Kreatur: „Ich durfte keine Nippel lecken / und keine Falte zum verstecken / niemand gab mir einen Namen / gezeugt in Hast und ohne Samen...“. Man denkt an biotechnologische Manipulation und vernimmt sogleich das Sentiment in der Gen-Debatte. Experimente am und mit dem Menschen irrlichtern durch den Kopf, man schwört, so etwas nicht (noch einmal) zuzulassen und fällt ein in Lindemanns Hass-Tirade auf die Mutter.

          Der Deutschanteil, das Nationalitätenklischee, scheint gesichert. Die Populareffekte sind soweit erhöht, dass sie schon wieder global treffen. Geboren wird jeder auf dieser Welt - misshandelt, Gott sei Dank, nicht. Doch zu viel guter Ruf könnte schaden und vom künstlerisch spannenderen Image des „bösen Deutschen“ wegführen.

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