24.05.2006 · Den jüngsten Schlägen gegen die Besucher von Tauschbörsen zum Trotze: Der Krieg gegen die freie und kostenlose Verbreitung von Musik oder Filmen im Internet kann nicht gewonnen werden.
Von Richard Kämmerlings„Kein Track ist illegal“ - mit diesem Slogan warb jemand auf der gerade in Leipzig veranstalteten Musikmesse „Popup“ für ein Download-Portal im Netz. Hinter der ironischen Aufnahme des alten Asylrechts-Slogans verbarg sich wohl keine ideologische Botschaft, dennoch dürfte er eine unter Internetnutzern verbreitete Einstellung wiedergeben: Das Netz gilt als Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, das irgendwie auch außerhalb der Gesetze steht.
Wenn der Naturzustand nach Rousseau dort endet, wo einer den ersten Zaunpfahl einschlägt, dann scheint mit der Aufhebung der räumlichen Grenzen im Netz auch das Eigentum wieder als öffentliches Gut. Wer urheberrechtlich geschützte Musik kopiert, mag es vielleicht subjektiv aus reiner Gedankenlosigkeit, Bequemlichkeit oder eben Geiz tun, dahinter aber lauert eine antikapitalistische Utopie, die so alt ist wie das Internet selbst.
Der Krieg kann nicht gewonnen werden
Die Staatsanwaltschaft Köln hat gestern eine bundesweite Großrazzia durchgeführt und gegen 3500 Nutzer des Dateientauschprogramms „eDonkey“ Strafverfahren wegen Urheberrechtsverletzung eingeleitet. Damit hat der Kampf der Phonoindustrie gegen illegale Downloads eine neue Stufe erreicht, die manchen Raubkopierer schockieren oder einschüchtern wird. Doch im Grunde ist allen Beteiligten klar, daß dieser Krieg gegen die freie und kostenlose Verbreitung von Musik (oder auch Filmen) nicht gewonnen werden kann. Allenfalls kann die - anachronistischerweise immer noch „Plattenindustrie“ genannte - Musikbranche etwas Zeit gewinnen, um selbst funktionierende Geschäftsmodelle fürs Internet zu entwickeln und das, was dort längst blüht, an eine ausbruchssichere Verwertungskette zu legen.
Denn die Krise der Musikindustrie, deren Umsätze in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt um etwa vierzig Prozent geschrumpft sind, kann bislang durch legale kostenpflichtige Downloads allenfalls gelindert werden. Zwar steigen die Umsätze, vor allem beim bisher erfolgreichsten Anbieter Apple mit seinem i-Tunes-Store, doch ob man wirklich mit dem Verkauf der Musik selbst (und nicht nur mit neuer Abspieltechnik) Geld verdienen kann, ist mehr als fraglich. Die Industrie selbst weiß längst, daß die physischen Tonträger endgültig der Vergangenheit angehören. Jörgen Larsen, Chef von Universal Music, gab schon vor einem Jahr zu, daß es im CD-Geschäft keinen „signifikanten Aufschwung“ mehr geben werde. Nur was dann?
Bekannt nur durchs Netz
Für die Popmusikbranche ist das Internet längst unentbehrlich geworden - als Promotion-Instrument, als Talentschuppen und ganz allgemein als Teil der Musikszene: Ein neuer Vertriebskanal ist das Netz auch, doch vor allem ist es längst für subkulturelle communities zu einer virtuellen und globalen Heimat geworden. Auf Websites wie „Myspace.com“, den Bandhomepages oder Musik-Blogs organisiert sich die Popwelt, ob mit oder ohne Beteiligung irgendwelcher Plattenfirmen. Die britische Band „Arctic Monkeys“ wurde im vergangenen Herbst allein durch eine solche PR im Schneeballsystem - in analogen Zeiten hätte man das Mund-zu-Mund-Propaganda genannt - so bekannt, daß die erst später erscheinende CD auf der Insel zum rekordverdächtigen Kassenschlager wurde.
Immerhin wurden hier noch Hunderttausende von Platten verkauft. Doch dürften solche kaum planbaren Verkaufserfolge die Ausnahme bleiben, ebenso wie das aufsehenerregende Vorgehen der Hamburger Band „Kante“, die im Januar ihr neues Werk nur als Download im Netz, und gar nicht mehr als Platte anbot. Die Musiknutzung selbst scheint sich zu ändern, und das Album als künstlerische (und eben auch kommerziell verwertbare ) Einheit wird dabei langfristig auf der Strecke bleiben. Denn selbst wer für einzelne Stücke zahlt - bei i-Tunes 99 Cent pro Song -, stellt sich sein eigenes Programm zusammen. Das gute alte Mixtape ist längst in digitaler Form wiedererstanden. Und keine Staatsanwaltschaft kann einen daran hindern, eine neue Platte im Geschäft oder als Sound-Schnipsel bei Amazon durchzuhören und danach ganz legal nur die drei schönsten Rosinen herunterzuladen - das Modell wird sich für niemanden rechnen.
Die Musikwelt wird sich aufteilen
In die Röhre gucken dann nicht nur die Plattenfirmen, seien es Majors oder Indie-Labels, sondern auch die Bands selbst. Denn so attraktiv die Möglichkeit ist, als newcomer aus der tiefsten skandinavischen Provinz ohne Plattenvertrag oder Vertrieb übers Netz und seine My-Space-Freunde bekannt zu werden - irgendjemand muß auch für die Studiozeit und das Equipment bezahlen.
Wenn es ganz dumm läuft, und danach sieht es leider aus, wird sich die Musikwelt aufteilen: auf der einen Seite wenige, mit gewaltigem Aufwand produzierte und beworbene Hochglanzprodukte, die kopiergeschützt und strafbewehrt von großen Firmen mit streng geheimen Pre-Listening-Sessions für Journalisten auf den Markt gedrückt werden - und auf der anderen Seite eine frei flottierende Flut an preiswerter, durch ein neues Pop-Proletariat im Heimstudio oder mit Schrammelgitarren eingespielter, kostenlos zugänglicher Musik, an der ihre Schöpfer allenfalls per T-Shirt-Verkauf auf Tournee ein paar Kröten verdienen. Kurz: bessere Klingeltondateien hier und Neo-Straßenmusik dort, dazu ein paar nostalgische Tonträgerreste für die Vinylfreaks. Vielleicht wird dann im Rückblick unser Jahrzehnt als Goldenes Zeitalter des Pop erscheinen - als sogar die Polizei zur Rettung der Musik anrückte.