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Pompeji Die Götter und Faune haben Pompeji verlassen

Von Franziska Augstein
23.04.2007
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Als der Vesuv sein Inneres über das reiche Pompeji hinwarf, war die Stadt schon sechshundert Jahre alt. Die Bauern der Umgebung hatten, ohne Gedanken an die Gründe des Berges, seine hitzigen Kräfte genutzt, und an seinen warmen Hängen erstreckten sich die Weingärten weit zum Kraterrand hinan. Der Boden in der Gegend ist heute noch fruchtbar. Aber das Land an der neapolitanischen Bucht ist so zersiedelt, als hätten die Bewohner es darauf angelegt.

Pompeji ist heute eine Ortschaft wie andere auch. Die Arbeitslosigkeit ist groß, trotz des Fremdenverkehrs, und die Armut ist es auch. Morgens zwischen neun und zehn kommen die Busse und speien ihre Insassen aus, dann wälzen sich die Ströme der touristischen Reisegruppen in zähem Fluß durch die von hohen Zäunen eingefriedete alte Mutterstadt. Ist der Zenit des Mittagessens überschritten, läuft das Geschehen rückwärts, bis die endenden Schübe der Flut sich wieder in die klimatisierten Höhlen zurückgezogen haben und die letzte Tür des letzten Busses ins Schloß fällt. Die wenigsten Besucher bleiben länger als ein paar Stunden.

Weites Meer, hohe Gipfel und heiße Wüsten

Das hatte Johann Gottfried Seume vor fast zweihundert Jahren auch schon so gemacht: „Ich lief eine Stunde in Pompeji herum und sah, was die anderen auch gesehen hatten, und lief in den aufgegrabenen Gassen und den zutage geförderten Häusern hin und her. Die Alten wohnten doch ziemlich eng“, bemerkte Seume in seinem „Spaziergang nach Syrakus“.

Sehen, was andere auch gesehen hatten, oder suchen, was andere nicht fanden: Seitdem im achtzehnten Jahrhundert die Ausgrabungsarbeiten in Pompeji begannen, ist es eine phantastische Kulisse gewesen. Das weite Meer, hohe Gipfel, heiße Wüsten und eisige Pole: das sind Ziele für Abenteurer, die sich im Erleben verschwenden wollen. Pompeji bietet die Erfahrung der Entgrenzung auf andere Weise, im Lauf des neunzehnten Jahrhunderts wurde es zum Dorado des Kleinbürgertums: Hier können wir uns aus sicherer Distanz an den Mächten des Schicksals berauschen.

Lauer Wind durch verwaiste Straßen

An einer Mauer des Tempels der Isis macht sich ein Arbeiter im blauen Overall zu schaffen. Die ägyptische Göttin hatte auch zur Kaiserzeit ihre Stelle in Pompejis Pantheon, genauso wie Dionysos, dessen Verehrung Rom ausdrücklich verboten hatte, weil die dazu erforderlichen weinseligen Ausschweifungen den Herrschern nicht geheuer waren. Seit dem Vulkanausbruch haben Pompejis Orakel keine Stimme mehr. Aber mitunter leihen Leute wie der Arbeiter im Overall ihnen die Zunge. Der Mann ist alt genug, um erlebt zu haben, wie das alte Pompeji allmählich wiederaufersteht. Diese Mauern, sagt er und tätschelt die Steine, die er selbst aufgeschichtet hat, erzählen Geschichten. Aber wenn er, der Maurer, nicht auf sie acht gäbe, „sie würden umfallen, wie die Seiten eines Buches“. Was wäre das für ein Buch, dessen Inhalt umfiele, sowie man die Seiten umwendet? „Es ist soviel Unheil in der Welt geschehen“, schrieb Goethe in der „Italienischen Reise“, „aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres.“

Oft, vor allem auf den Abend zu, geht ein lauer Wind durch die kurz vor der Sperrstunde verwaisten Straßen der Ruinenstadt. Um die Ecke steht Johann Gottfried Seume und wirft einen letzten gleichgültigen Blick die enge Gasse hinab. Zwei Straßen weiter rumort es, Stimmen werden lauter. Winckelmann legt sich wohl wieder mit seinen Führern an. Aus einem Kellerschacht dringt ein Klopfen: Der englische Gesandte William Hamilton läßt eine Mauer durchbrechen, auch diese neue Antikensammlung wird er bald verkaufen müssen. Dazu Vogelstimmen, ein Keckern, ein Kichern: Emma Hamilton gebärdet sich vor einem Fresko und schaut einer Bacchantin eine Attitüde ab. Von fern her hört man Glas zerklirren. Irgendwo muß auch Malcolm Lowry sein.

Stadt der Neureichen

Es ist die Zeit, in der sogar die Mauerstummel lange Schatten werfen. Im Licht der sinkenden Sonne erglühen die Steine, und in den dunklen Pinien, die aus den Ruinen emporwachsen, zwitschern die Vögel, wie sie es seit bald zweitausend Jahren hier tun. Einige Straßen sind abgesperrt, zahlreiche einsturzgefährdete Anwesen verbarrikadiert. Jenseits eines festen Lattenrostes liegt ein zartes Marmorärmchen am Boden, die Finger der winzigen weißen Hand in kleinkindhafter Weise gespreizt. Kein Tourist hat sich das Ärmchen angeln können. Kein Wärter kam auf die Idee, das Händchen vor der Sonne und dem Regen in Schutz zu nehmen. So liegt es da, greift ins Leere und in ferne Vergangenheiten zurück.

Pompeji wurde im achten vorchristlichen Jahrhundert von den Oskern gegründet, einem Stamm von Bauern, die sich willig an die Kultur gewöhnten, welche die hellenischen Kolonisatoren im Golf von Neapel verbreiteten. Das alte Pompeji war von Oskern, Samniten und vor allem vom Griechentum geprägt. Mit der Einnahme durch die Römer um 290 vor Christus veränderte sich das Stadtbild: Binnen kurzer Zeit vervielfachte sich die Zahl der Einwohner, und während die Altstadt aus engen, verwinkelten Gassen bestand, legten die Römer ihre neuen Straßen in einem Raster rechter Winkel an.

Als Pompeji und Herculaneum am 24. und 25. August des Jahres 79 untergingen, waren viele Gebäude schon mehr als dreihundert Jahre alt. Man sieht es am Brunnenaufsatz im Atrium einiger Wohnhäuser: Im Laufe der Jahrzehnte hatten die Seile, an denen die Eimer hingen, tiefe Kerben in den steinernen Rand gegraben. Pompeji war eine Stadt der Neureichen. Aber selbst sie müssen ein natürliches Verständnis von Tradition besessen haben, das in der europäischen Geschichte seinesgleichen sucht.

Lust am pittoresken Verfall

Danach hatten die Bewohner der Stadt sich eingerichtet. Sie umgaben sich mit Zitaten ihrer Weltliteratur, mit künstlerischen Anspielungen auf vergangene Epochen und fremde Länder: Reiche Pompejaner erfreuten sich an bepflanzten Wasserbecken, die in ihren Gärten die Ufer des Nils präsentierten. Szenen aus der Ilias schmückten die Wände in öffentlichen und privaten Bauten. Im nahe gelegenen Herculaneum befindet sich ein öffentliches Bad, es ist eines der wenigen Gebäude, deren Dach nicht unter dem Gewicht des vulkanischen Auswurfs eingestürzt ist: So kann man heute noch sehen, daß die Decke inwendig das Gewölbe einer Grotte imitierte. Es ist nicht erst das achtzehnte Jahrhundert, das der Natur hinterherträumte. An Pompejis „Dreieckigem Forum“ steht ein dem Herakles und der Athene geweihter dorischer Tempel, er war schon zur Zeit des Vulkanausbruchs von 79 eine Ruine: Auch die Lust am pittoresken Verfall wurde nicht erst im achtzehnten Jahrhundert entdeckt.

Von vielen kunstsinnig Gestimmten ist die Stadt bis in unsere Tage nachgerade verachtet worden: Wer es mit einer idealisierten Vorstellung vom weißen, reinen Griechentum hielt, der mußte das oskisch-hellenisch-römische Pompeji für einen zweitklassigen Abklatsch halten. Die Anhänger einer weißen Antike stritten gegen die Banausen, die zu behaupten wagten, daß es bei Griechen und Römern farbenfroh zugegangen sei. Und als dieser Streit endlich entschieden war, konnten die Kritiker des Bunten sich nur schwer damit abfinden. Der Mediziner und Kunstkenner Carl Gustav Carus zum Beispiel fand, „daß der kleinliche Baustil im allgemeinen, die engen Zimmer, die bunte Ausmalung, bald schlechter, bald besser, aber in einem gewissen bunten, mesquinen, man möchte sagen chinesischen Geschmacke, allein im Stande sind, die Großartigkeit des Gesamteindrucks etwas herabzustimmen“ - nachzulesen in seinem Buch „Reise durch Deutschland, Italien und die Schweiz im Jahre 1828“.

„Von der heißen Asche des Vulkans überwältigt“

Goethe, der Farben liebte, hatte keine Vorbehalte gegenüber den bunten Fresken. Das satte Rot, die pompejanische Grundfarbe, assoziierte er mit „Kostbarkeit und Herrschaftlichkeit“, wie die Literaturwissenschaftlerin Christiane Zintzen in ihrem unlängst veröffentlichten Buch „Von Pompeji nach Troja“ bemerkt. Selbst als alter, abgeklärter Mann, dessen Italien-Reise ein Menschenalter zurücklag, gewährte Goethe der Ruinenstadt Worte der Begeisterung. Aber auch er vermißte erhabene Dimensionen und fand die pompejanische Villa „mehr Modell und Puppenschrank als Gebäude“.

Andere Reisende, die staunend vor dem im Moment erstarrten Leben standen, sahen in der Ruinenstadt ein beziehungsvolles Memento mori. Jede angebrochene Mahlzeit, jeder im Alltagsleben erstickte Haushalt wurde zur Hülle einer Geschichte, mit der die Nachgeborenen sich die letzten Tage von Pompeji erklärten und ihnen vermöge der Erzählung einen Sinn verliehen - so wie die in der festen Asche zurückgebliebenen Umrisse der vom Tod ereilten Menschen später mit Gips ausgegossen wurden, damit man ihre Gewänder, ihren Schmuck und ihre letzte Geste erkenne.

Théophile Gautier gehörte zu denen, die Pompejis tote Steine romantisch belebten: „Der Tod einer Geliebten oder eines Freundes hätte ihn nicht tiefer erschüttern können“, schrieb er in seinem Roman „Arria Marcella“ von 1852, „und als Max und Fabio sich abwandten, fiel eine um zweitausend Jahre verspätete Träne auf den Fleck, an dem diese Frau, nach der er sich mit einer rückwirkenden Leidenschaft sehnte, von der heißen Asche des Vulkans überwältigt worden war.“

Götter und Faune haben Pompeji verlassen

Der Hang zur erzählenden Rekonstruktion, der vor allem im neunzehnten Jahrhundert gepflegt wurde, machte dann anderen Ideen Platz. Sigmund Freud verglich Pompejis Untergang mit der „Verschüttung durch Verdrängung“ und die Arbeit der Archäologen mit der „Ausgrabung durch die Analyse“. Derweil beschäftigten sich die Touristen mit dem pompejanischen Alltag, in dem sie den Komfort des späten neunzehnten Jahrhunderts gespiegelt sahen. Heizungsrohre, Kanalisation, fließend Wasser: alles hatte es schon in der Antike gegeben. Und heutzutage finden unsere mit einem großen „Hallo“ bedruckten Fußmatten ihr pompejanisches Pendant in dem Mosaik in einigen Hausfluren, das die Gäste mit einem „Have“ begrüßte.

In seinem 1879 erschienenen Roman „Auch Einer“ ließ Theodor Vischer seinen Helden aus Pompeji berichten, er befasse „sich jetzt profund mit der Frage, ob die Griechen und Römer auch Hühneraugen gehabt haben“. Eine Generation später waren es genau diese Fragen, die Wilhelm Jensens Touristen allenfalls beschäftigten. „Oh, sieh mal“, sagt eine junge Frau in Jensens Erzählung „Gradiva“ von 1907, „das hatten sie praktisch, solchen Speisewärmer wollen wir uns doch auch anschaffen.“ - „Ja, aber für die Gerichte, die meine Frau kocht, muß er aus Silber gemacht sein.“ Zwar war es dem schweigenden Helden bei diesen Worten, als ob er „von verdünntem Hönig angegossen würde“, aber der Autor gönnt seiner Figur den verächtlichen Spott nicht mehr so recht: Im zwanzigsten Jahrhundert sind wir alle Bildungsbürger. Götter und Faune haben Pompeji verlassen. Statt ihrer finden wir dort uns selbst: wie wir, angetan mit einer römischen Tunika, das Leben wohlhabender Pompejaner führen. Und wir fragen uns, ob es uns zur Römerzeit auch bequem genug gewesen wäre.

Straße der Bordelle

Die Borniertheit hat ihren Vorzug: Pompejis Bewunderer haben im Lauf der Zeit gelernt, nicht nur die historische Bedeutung der Tempel, sondern auch die der Aborte in der Küche zu würdigen. Ein früher Niederschlag dieser Tendenz findet sich in einem Kriminalroman. Bei Christiane Zintzen lesen wir von Wilkie Collins' „The Law and the Lady“ aus dem Jahr 1875: Es gilt, einen kompromittierenden Brief zu finden. Aber alle Mühe ist vergebens, bis die zufällige Erinnerung an eine Fahrt nach Pompeji den Suchenden die Idee eingibt, den häuslichen Abfallhaufen zu durchwühlen, wo sie das Schriftstück dann auch tatsächlich entdecken: „Spaten und Siebe waren von nun an verbotene Geräte. So unangenehm die Aufgabe auch war, wurden bei der weiteren Durchforstung des Haufens doch nur die Hände benutzt.“

Anrüchig war Pompeji, wohin man blickte: Alle Welt hat über die herrschenden Sitten die Nase gerümpft, besonders über die sexuelle Freizügigkeit der Römer, die einem anderen Kodex gehorchte als das Biedermeier. Da gab es eine Straße der Bordelle, und über den Türen der winzigen, nur durch einen Vorhang abgetrennten Cubicula zeigten Bildchen an, was die Kundschaft sich alles wünschen konnte. Das „Lupanar“, wo sich diese Fresken finden, ist bei den Touristen besonders beliebt, oft ist der Andrang für das kleine Gebäude zu groß. Da kommt es vor, daß ein Wärter einer Mädchenklasse die Tür verbietet, um kurz darauf verschwörerisch grinsend ein paar Schulbuben hineinzuwinken. Es versteht sich, daß zu Goethes Zeiten der Zutritt für Frauen verboten war.

Wahlpropaganda, Werbesprüche, Liebesschwüre

Als Zeugnisse der Amoral wurden auch die Sgraffiti an den Häuserwänden gelesen. Die wenigsten sind heute noch zu erkennen. Aber alle, die Pompejaner selbst und die Ausgräber, haben sich darüber beschwert, so wie die Leute sich heutzutage über Graffiti erregen. Wahlpropaganda, Werbesprüche, Liebesschwüre und Verwünschungen: alle möglichen Botschaften schmierten die Pompejaner an die Häuserwände, darunter auch dreimal denselben Stoßseufzer, ein Distichon: „Ich bewundere dich, Mauer, daß du noch nicht in Trümmer gefallen bist, weil du so vieler Inschriften lästige Langeweile ertragen mußt.“

Daß die Mauern dann verschüttet wurden, hat die Nachwelt naturgemäß als Zeichen verstanden: Die Dekadenz, das charakteristische Laster alter Völker, sei mit dem Ausbruch des Vesuvs bestraft worden. Seitdem die Welt über Niedergang und Fall des römischen Imperiums spekulierte, fand man in der Stadt Gründe genug dafür, daß der Untergang verdient war. Wer auf so kleinen Schlafstätten ohne abgeschlossene Türen hurte, hatte keine Ehre mehr im Leib. Wer so wonnevoll dem Falerner und dem Lesbierwein zusprach, konnte kein guter Soldat mehr sein.

Abenteurer und Gentleman-Archäologen

„In der tollen, doch korrumpierten Art, darauf los zu leben“, heißt es in Edward Bulwer-Lyttons Roman „Die letzten Tage von Pompeji“ von 1834, „in der überfeinerten, doch lasterhaften Gesellschaft erblickte man gewissermaßen ein Modell, einen Abguß des ganzen Kaiserreiches. Es war ein Tand, ein Spielzeug, ein Guckkasten, in welchen die Götter zu ihrem Vergnügen ein Reflexbild des größten Reiches auf Erden getan hatten.“

Kaum daß der Vesuv sich beruhigt hatte und der heiße Boden abkühlte, sind jene Bewohner, die beizeiten geflüchtet waren, zu dem riesigen Grab zurückgekehrt, das ihre Stadt gewesen war. Asche und Bimsstein lagen lose. Unter dem siebeneinhalb Meter hoch liegenden Geröll gruben die Überlebenden Bruchstücke ihres Besitzes wieder aus, kostbare Statuen aus den heimischen Gärten und den Marmor, den man wiederverwenden wollte: aus den drei Theatern wurden die oberen Sitzbänke herausgerissen, aus einigen Tempeln die Säulen geborgen. Dann blieb der graue Schutthaufen sich selbst überlassen.

Erst im achtzehnten Jahrhundert machten Abenteurer und Gentleman-Archäologen sich in Scharen darüber her, auf der Suche nach Kunstschätzen, nach erhabenem Nippes für Europas Salons. Auch Fürsten und Könige zeigten sich interessiert. Für sie brachten die neapolitanischen Beamten König Ferdinands, die einem Experten wie Winckelmann den Zutritt zu den Ausgrabungen am liebsten verweigert hätten, ein mühseliges Spektakel zur Aufführung. Der Germanist Wolfgang Leppmann hat es in seinem Buch über „Literatur und Leben“ in Pompeji beschrieben: „Man deckte einfach ein gerade aufgefundenes Haus, das vorsorglich mit Kunstwerken oder antiken Münzen versehen worden war, wieder mit Asche ein, um es in Gegenwart des hohen Gastes unter wohlsimulierten Überraschungsrufen ein zweites Mal zu entdecken. Einige der derart Gefoppten durchschauten zwar das böse Spiel, machten aber, wie Joseph II., gute Miene dazu.“

Entzücken und stiller Schauder

Seitdem der österreichische Kaiser sich lächelnd zum Hanswurst machen ließ, ist Pompeji in der Literatur unablässig zugeschüttet und wieder ausgegraben worden. Die Ewigkeit der Kunst und der jähe Tod bildeten eine aparte Allianz, in der waches Entzücken und stiller Schauder sich mischten. In Jensens Erzählung „Gradiva“ verliebt sich der Held, von Beruf Archäologe, in ein Mädchen, weil er sie für eine Erscheinung aus dem Reich der Toten hält, die durch die pompejanischen Steinlandschaft schreitet wie eine, die unter Lilien weidet. „Daß jemand erst sterben muß, um lebendig zu werden“, resümiert sie am Ende der Geschichte seinen Irrtum. An dieser Stelle hat Sigmund Freud „schön“ an den Rand geschrieben. Das war einer der letzten Kommentare, die Alteuropa über Pompeji gemacht hat.

Durch Romane und Ausgrabungsberichte instruiert, vermochten Freuds Zeitgenossen Pompeji in ihrem wirklichen Leben wiederzufinden. So erging es auch dem jungen Autor Felix Hartlaub, auf dessen Talent Wolfgang Leppmann große Stücke hielt. Hartlaub, der am Archäologischen Institut in Heidelberg volontiert hatte, befand sich unter den Soldaten, die 1940 in Paris einmarschierten. Sein Trupp besetzte ein verlassenes Amtsgebäude: „Die Zimmer zu Hunderten an langen Gängen. Jede Tür aufgebrochen, jeder Schrank, jeder Schreibtisch geknackt. Kläglich hängen die Schubladen aus den pompösen Bureaux d'acajou. Ströme von Briefen haben sich zur Erde ergossen, der Zug blättert in Fotoalben, Staub liegt schon einen halben Finger dick. Pompejanische Effekte: die Kalender zeigen alle den 14. Vl. 40“, notiert er in sein „Tagebuch aus dem Kriege“, das 1955, postum, veröffentlicht wurde.

Steingewordene Mahnung

Felix Hartlaub hat den Krieg nicht überlebt. Für die Übriggebliebenen zerbrach die Ehe zwischen Tod und Schönheit, die so viele Jahrhunderte lang gehalten hatte. Die Atombomben haben dann auch den Rest des alten Pompeji-Bildes zersprengt. Hiroshima und Nagasaki nahmen der Stadt den kulturellen Überwurf, der zuvor ihre tiefere Bedeutung ausgemacht hatte. Malcolm Lowry hat von der „Migräne der Fremdheit“ geschrieben, die die Ruinen von Pompeji erzeugen, von dem „Gefühl, daß man sieht, ohne wirklich zu sehen, daß einem alles geistig unter den Händen zerrinnt, daß man nichts daraus machen kann; und hinter sich, tausend Meilen weit, meint man sein wirkliches Leben seinem Verhängnis entgegenstampfen zu hören“. Leblos und doch kein Sinnbild einer Totenstadt mehr, war Pompeji ein unerklärter Ort geworden, der sich abgewandt hatte und auf keinen Namen mehr antwortete. Und die alten Statuen mit ihren oxydierten Leibern, die letzten Wächter der Stadt, wurden durch Replikate ersetzt.

Die pompejanische Leere als solche wahrzunehmen erfordert allerdings eine Begabung, wie Malcolm Lowry sie hatte. Die übrigen Besucher sind in Wahrheit besser dran, denn sie begeben sich in muntere Gesellschaft. Wer wäre nicht gern in der Antike zu Gast, auch wenn man ihr vornehmlich in den Dingen begegnet, die sie von unser aller Alltag unterscheiden? Die Frage nach dem wirklichen Leben bleibt darüber ungelöst. Der junge britische Schriftsteller Nick Hornby hat sie, 1995, fast vierzig Jahre nach Lowrys Tod, in „High Fidelity“ auf seine Weise verhandelt:

„Hier ist ein Beispiel dafür, wie man seine Karriere nicht plant: a. trenne dich von deiner Freundin; b. schmeiß das College; c. arbeite als Verkäufer in einem Plattenladen; d. bleib da für den Rest deines Lebens. Du schaust dir die Bilder von den Leuten in Pompeji an, und du denkst, wie komisch das ist: ein kurzes Würfelspiel nach dem Tee - und du bist versteinert. Und so bleibst du den Leuten in den nächsten paar tausend Jahren im Gedächtnis. Mal angenommen, es war dein allererstes Würfelspiel? Vielleicht hast du nur mitgemacht, um deinem Freund Augustus Gesellschaft zu leisten? Vielleicht hattest du gerade ein herrliches Gedicht vollendet oder so was? Wäre es nicht ärgerlich, als Würfelspieler in die Geschichte einzugehen?“ Auch das ist Pompeji: eine steingewordene Mahnung. Seltsam, wie diese Stadt sogar Jungschriftsteller zu Moralisten macht.

Literatur zu Pompeji

Johann Gottfried Seume - „Spaziergang nach Sykarus”

Johann Wolfgang Von Goethe - „Italienische Reise”

Carl Gustav Jung - „Reise durch Deutschland, Italien und die Schweiz im Jahre 1828“

Christiane Zintzen - „Von Pompeji nach Troja“

Théophile Gautier - „Arria Marcella”

Theodor Vischer - „Auch Einer“

Wilhelm Jensen - „Auch Einer”

Wilkie Collins - „The Law and the Lady”

Edward Bulwer-Lytton - „Die letzten Tage von Pompeji”

Wolfgang Leppmann - „Literatur und Leben“

Felix Hartlaub - „In den eigenen Umriss gebannt”

Nick Hornby - „High Fidelity”

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