29.01.2012 · An diesem Sonntag eröffnet Warschau sein neues Fußballstadion für die Europameisterschaft 2012. Der Glanzbau steht auf einem historisch überaus bedeutsamem Boden.
Von Rainer Schulze, WarschauVielleicht war einer der Architekten des neuen Warschauer Nationalstadions ja schon einmal in Nowy Tomysl. In der Kreisstadt östlich von Frankfurt an der Oder steht der mit 17,29 Meter Länge und 9,46 Metern Breite größte Weidenkorb der Welt. Fünfzig Flechter bescherten nach 55 Stunden Flechten Nowy Tomysl nicht nur ein hübsches Blumenbeet, sondern auch einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde.
Aber dass Weidenkörbe ein typisch polnisches Kulturgut seien, ist damit nicht bewiesen. Wieso also die Architekten um Volkwin Marg und Hubert Nienhoff vom Berliner Büro gmp einen Weidenkorb zum Vorbild für ihre Stadionarchitektur nahmen, bleibt unerfindlich.
Wie auch immer, dass gmp gemeinsam mit JSK Architekci, Warschau, und dem Stuttgarter Ingenieurtrio von Schlaich Bergermann und Partner 2007 den Wettbewerb für das Stadion gewann, dürfte auch am Reiz der korbartig geflochtenen Gebäudehülle gelegen haben, die den Bau freundlich, leicht und angenehm bescheiden wirken lässt. Dass die perforierten, gegeneinander verwobenen Streckmetallpaneele in den Nationalfarben Rot und Weiß leuchten, wirkt etwas dick aufgetragen, hat aber gerade nachts seine Reize.
Ein goldener Bernstein in Danzig, ein rot-weißer Weidenkorb in Warschau: mit seinen Fußballstadien muss sich Polen viereinhalb Monate vor der Europameisterschaft nicht verstecken. Mit der Danziger Arena wird die Warschauer, die wie eine Stadtkrone erhöht am rechten Weichselufer thront, die Ikone des Wettstreits sein.
Am 8. Juni trifft dort im Eröffnungsspiel der Gastgeber auf Griechenland. Doch der Bau ist mehr als eine Sportstätte, nämlich ein multifunktionaler Vergnügungspark mit einem Dach, das wie ein Regenschirm an Stahlseilen zusammengefaltet und in einer Art Garage verstaut werden kann, über vier Videowürfeln, auf denen Großaufnahmen das kleinste Foul erkennen lassen.
Exakt 58 000 rote und weiße Sitzschalen, 20 000 Quadratmeter Büroflächen unter den Tribünen, ein Fitnessklub, vier Restaurants, 965 Toiletten und 69 VIP-Logen - auch nach der EM soll das Stadion der Stolz von Warschau bleiben; es solle „täglich leben“, sagen seine Erbauer. Zwar ist es nicht, wie beabsichtigt, ein Jahr vor dem Turnier fertig geworden - statisch mangelhafte Fluchttreppen mussten nachträglich ertüchtigt werden.
Aber über die Schadenfreude, mit der sich westeuropäische Medien auf jeden Quadratkilometer Autobahn und jede Stufe stürzen, die in Polen Terminen hinterherhinken, kann Zbigniew Pszczulny von JSK nur lächeln. „Stadien stehen für hundert Jahre. Es ist nicht wichtig, sie so schnell wie möglich zu bauen.“
An diesem Sonntag werden angesagte polnische Bands Warschaus Stadion mit einem Konzert eröffnen. Eintritt gratis, vierzigtausend Besucher werden erwartet, sogar ein eigener Song ist dem Bauwerk gewidmet. Aber die Erinnerung, dass das Nationalstadion auf historisch bedeutsamem Grund steht, wird auch eine Rolle spielen: Wie ein Korb in einem anderen Korb ruht das Stadion in der Form des Vorgängerbaus; von außen sichtbar sitzt der Neubau auf der Krone eines Erdwalls, der einst aus Trümmern des Zweiten Weltkrieges aufgeschichtet wurde.
Er umschloss das „Stadion des zehnten Jahrestags“, 1955 aus dem Schutt der von den Nationalsozialisten zerstörten Stadt gebaut. Die Anlage wurde zu einer architektonischen Ikone im Nachkriegs-Warschau.
Anders als beim kurz zuvor vollendeten innerstädtischen Kulturpalast, Stalins vergiftetem Geschenk an die Warschauer, hatten sich die Architekten Jerzy Hryniewiecki, Zbigniew Ihnatowicz und Jerzy Soltan im Stadtteil Praga kritisch mit dem „Sozialistischen Realismus“ auseinandergesetzt - an ihrem Bau gab es wenig „Zuckerbäckerstil“.
Das eilig konstruierte Stadion, das ohne Dach und Flutlicht auskam, fasste 100 000 (stehende) Zuschauer, die als menschliches Ornament Teil der Architektur wurden. Die Umkleidekabinen waren so weit vom Spielfeld entfernt, dass Halbzeitpausen verlängert werden mussten.
Als Stätte gedacht, an der die Überlegenheit des Kommunismus sichtbar werden sollte, wurde das „Stadion des zehnten Jahrestags“ paradoxerweise zum Schauplatz fundamentaler Kritik am politischen System: Die Selbstverbrennung von Ryszard Siwiec, der sich 1968 während eines Erntefestes im Stadion aus Protest gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei mit Benzin übergoss, die Papstmesse 1983 und das Stevie-Wonder-Konzert 1989 sind als Protest-Fanale im Gedächtnis der Polen verankert.
Seit Mitte der achtziger Jahre wurde das Stadion nicht mehr als Sportarena genutzt und verfiel zur postkommunistischen Ruine. Doch damit begann eine Ära, der viele Warschauer noch heute nachtrauern: 1989 vermietete die Stadt das Stadion an ein Unternehmen, das auf dem Gelände rings um den Bau einen „Jarmark Europa“ genannten Basar veranstaltete. Vor allem vietnamesische Händler schufen ein kurioses Gassengewirr aus Wellblechhütten, in dem man zwanzig Jahre lang alles, ja wirklich alles, vom Heiligenbild mit Blinkbirnchen bis zu gefälschten Jeans, kaufen konnte.
Der „Jarmark Europa“ war ein letztes Stück „wilder Osten“, eine Stadt in der Stadt, in der eigene Regeln galten. Pioniere des Kapitalismus und Glücksjäger erzeugten eine anarchische Atmosphäre, die auch für Touristen zur Attraktion wurde.
„Dieser Ort, den es theoretisch gar nicht gab, konnte auf vielerlei Art gelesen werden: als ein asiatischer Vorort, ein Reich des Provisorischen, das kontrollierte Chaos und ein riesiger Discountmarkt, eine archäologische Ausgrabungsstätte und ein wilder Garten“, erinnert sich Joanna Warsza. Sie war die Kuratorin einer Finissage, mit der im Herbst 2007 der zum Abbruch freigegebene Jarmark von Warschauer Künstlern verabschiedet wurde.
Die vietnamesischen Händler handeln längst wieder anderswo. Im Vorort Wólka Kosowska, in Hallen groß wie Einkaufszentren, haben sie sich niedergelassen - ein letzter Rest der wilden Ostromantik ist damit befriedet. Die Erwartungen der Bürger an das neue Nationalstadion sind enorm. Es hat schon vor der Eröffnung den Ruf eines Nationalheiligtums errungen. Und es hat eine riesige Bürde an Geschichte zu tragen, die in seinem Vorgänger symbolisiert war. Aber in einem guten polnischen Korb ist ja reichlich Platz.