http://www.faz.net/-gqz-8nn0i

Polnische Nationalkirche : Gewaltige Zitronenpresse und Pantheon

  • -Aktualisiert am

Kein gewöhnliches Gotteshaus: Der Tempel der Göttlichen Vorsehung soll die Einheit von Volk, Staat und Kirche in Polen symbolisieren. Bild: dpa

Nach mehr als hundertzwanzig Jahren verhinderter Fertigstellung wurde in Warschau der Tempel der Göttlichen Vorsehung endlich eingeweiht. Trotz Spott ist er ein Symbol für Einheit.

          Nach 225 Jahren Bauzeit wurde in Warschau zum Tag der Unabhängigkeit der Polnischen Republik der Tempel der Göttlichen Vorsehung eingeweiht. In Deutschland symbolisierte zuletzt der Flughafen Berlin Brandenburg langfristige Bauverzögerungen. Das polnische Gotteshaus wurde jedoch aus gewichtigeren Gründen lange Zeit nicht fertiggestellt. Die Abgeordneten des Vierjährigen Sejms hatten 1791 nicht nur die erste geschriebene Verfassung in Europa verabschiedet, sondern auch den Bau eines Tempels als Zeichen der Dankbarkeit beschlossen.

          Der Grundstein wurde noch gelegt, bevor Russland, Preußen und Österreich die Adelsrepublik Polen-Litauen aufteilten und damit auch die Fertigstellung des Projekts für mehr als hundertzwanzig Jahre verhinderten. Erst im November 1918 entstand eine Zweite Polnische Republik.Zusammen mit der Erinnerung an die Verfassung von 1791 kehrte auch das Versprechen, einen Tempel der Göttlichen Vorsehung zu errichten, zurück auf die Agenda. Das Bauwerk sollte in den zwanziger Jahren moderne Bauformen und gotische Proportionen miteinander verbinden.

          Nach dem Tod des Staatsgründers Józef Piłsudski sah ihn ein Entwurf in der Flucht eines nach ihm benannten monumentalen Trakts im südlichen Warschau. Die Bauarbeiten begannen im Sommer 1939 – nur wenige Monate vor dem deutschen Angriff auf Polen. Im kommunistisch regierten Warschau war es noch Jahre nach Kriegsende nicht möglich, neue Gotteshäuser zu errichten. Stefan Wyszyński, der in Polen als Jahrtausendkardinal gilt, erkämpfte die erste Baugenehmigung für eine moderne Pfarrkirche der Vorsehung, die an das Versprechen von 1791 erinnern sollte. In der 1989 gegründeten Dritten Polnischen Republik dauerte es nochmals ein Vierteljahrhundert, bis ein neues Projekt für den jetzt eröffneten Tempel, seine Finanzierung und der Bau unter Dach und Fach waren. Nun erleuchten Scheinwerfer den siebzig Meter hohen Bau in Rot und Weiß.

          Hier noch eine Baustelle: Die neue Nationalkirche in Warschau.
          Hier noch eine Baustelle: Die neue Nationalkirche in Warschau. : Bild: Frank Röth

          Der quadratische Kubus hat von weitem den Charme eines Staatsbaus postsozialistischer Diktatoren wie etwa des von Alexander Lukaschenko errichteten Palastes des Volkes im nahen Minsk. Doch im Inneren folgen die klaren Linien des Schalbetons der nach oben zulaufenden Streben der Entwicklung moderner polnischer Kirchenbauten, die noch in den achtziger Jahren ihrer Zeit weit voraus waren. Diese Gotteshäuser entwickelten in Polen eine Formensprache, die nie mit der Tradition brach, aber oft beeindruckend modern war. Der fertiggestellte Tempelbau zeigt, dass es einfacher war, symbolische Bauten der Freiheit zu Zeiten der Diktatur zu errichten, als in einem freien Polen diese Tradition fortzuführen.

          En masse: Warteschlangen vor der Eröffnung.
          En masse: Warteschlangen vor der Eröffnung. : Bild: AFP

          Der Patriotismus Gottes

          Im Sockel des Tempels befindet sich ein Pantheon großer Polen. Zu diesen gehört etwa der noch von Johannes Paul II. heilig gesprochene Franziskanermönch Maksymilian Kolbe, der im Spätsommer 1941 sein Leben für einen anderen Häftling des Konzentrationslagers Auschwitz gelassen hatte. Auf dem von einem Zaun umgebenen Gelände des Zentrums der Vorsehung, das mehrere Fußballstadien groß ist, entstehen nach und nach weitere Bildungs- und Hilfsinstitutionen. Ein Museum ist Johannes Paul II. gewidmet. Verbunden werden sie durch die Idee von Polen als Messias unter den Völkern, repräsentiert durch die Lebenswege von selig- und heiliggesprochenen Polen. In Zukunft sollen sie durch spezielle Wege des Kampfes, der Freiheit, des Leidens und des Gebets verbunden werden.

          Weitere Themen

          Streetart in XXL Video-Seite öffnen

          Kunst im Großformat : Streetart in XXL

          Das französische Streetart-Duo Ella und Pitr schafft urbane Kunst in einer neuen Dimension. Die beiden kreieren großflächige Malereien, die mit herkömmlichen Maßstäben brechen. Doch ihre Motive sind viel mehr als reine Kunst.

          Stierkampf auf dem Markusplatz

          Wiener Vorschau : Stierkampf auf dem Markusplatz

          Wien wartet mit exquisiten Auktionen auf. An zwei Tagen bieten die Auktionshäuser Kinsky und Dorotheum Alte Meister und Werke aus dem 19. Jahrhundert. Eine Blick auf das Angebot.

          Frank Kunerts surreale Miniaturwelten Video-Seite öffnen

          Fotokunst : Frank Kunerts surreale Miniaturwelten

          Frank Kunert erschafft aufwändige Miniaturwelten, verfremdet sie witzig-ironisch und fotografiert die Kulissen dann mit einer analogen Großformatkamera. Gerade hat er seinen dritten Bildband „Lifestyle“ veröffentlicht.

          Topmeldungen

          Besuch bei Trump : Macrons Mission

          Der Staatsbesuch von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Washington bringt schöne Bilder und herzliche Gesten. Hinter den Kulissen wird seit Wochen hart verhandelt – denn Macron will nicht mit leeren Händen nach Europa zurückkehren.
          Türkische Prediger in Deutschland: Im Auftrag Erdogans?

          Türkische Prediger : 350 Ditib-Imame kamen 2017 nach Deutschland

          Der Dachverband der türkischen Moscheegemeinden werde von Erdogan kontrolliert, heißt es. Im Schnitt reiste vergangenes Jahr fast ein Ditib-Imam pro Tag ein. Die Bundesregierung sei „naiv oder verantwortungslos“, kritisiert die Linke.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.