http://www.faz.net/-gqz-8nn0i
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 23.11.2016, 19:34 Uhr

Polnische Nationalkirche Gewaltige Zitronenpresse und Pantheon

Nach mehr als hundertzwanzig Jahren verhinderter Fertigstellung wurde in Warschau der Tempel der Göttlichen Vorsehung endlich eingeweiht. Trotz Spott ist er ein Symbol für Einheit.

von Felix Ackermann, Warschau
© dpa Kein gewöhnliches Gotteshaus: Der Tempel der Göttlichen Vorsehung soll die Einheit von Volk, Staat und Kirche in Polen symbolisieren.

Nach 225 Jahren Bauzeit wurde in Warschau zum Tag der Unabhängigkeit der Polnischen Republik der Tempel der Göttlichen Vorsehung eingeweiht. In Deutschland symbolisierte zuletzt der Flughafen Berlin Brandenburg langfristige Bauverzögerungen. Das polnische Gotteshaus wurde jedoch aus gewichtigeren Gründen lange Zeit nicht fertiggestellt. Die Abgeordneten des Vierjährigen Sejms hatten 1791 nicht nur die erste geschriebene Verfassung in Europa verabschiedet, sondern auch den Bau eines Tempels als Zeichen der Dankbarkeit beschlossen.

Der Grundstein wurde noch gelegt, bevor Russland, Preußen und Österreich die Adelsrepublik Polen-Litauen aufteilten und damit auch die Fertigstellung des Projekts für mehr als hundertzwanzig Jahre verhinderten. Erst im November 1918 entstand eine Zweite Polnische Republik.Zusammen mit der Erinnerung an die Verfassung von 1791 kehrte auch das Versprechen, einen Tempel der Göttlichen Vorsehung zu errichten, zurück auf die Agenda. Das Bauwerk sollte in den zwanziger Jahren moderne Bauformen und gotische Proportionen miteinander verbinden.

Mehr zum Thema

Nach dem Tod des Staatsgründers Józef Piłsudski sah ihn ein Entwurf in der Flucht eines nach ihm benannten monumentalen Trakts im südlichen Warschau. Die Bauarbeiten begannen im Sommer 1939 – nur wenige Monate vor dem deutschen Angriff auf Polen. Im kommunistisch regierten Warschau war es noch Jahre nach Kriegsende nicht möglich, neue Gotteshäuser zu errichten. Stefan Wyszyński, der in Polen als Jahrtausendkardinal gilt, erkämpfte die erste Baugenehmigung für eine moderne Pfarrkirche der Vorsehung, die an das Versprechen von 1791 erinnern sollte. In der 1989 gegründeten Dritten Polnischen Republik dauerte es nochmals ein Vierteljahrhundert, bis ein neues Projekt für den jetzt eröffneten Tempel, seine Finanzierung und der Bau unter Dach und Fach waren. Nun erleuchten Scheinwerfer den siebzig Meter hohen Bau in Rot und Weiß.

43496175 © Frank Röth Vergrößern Hier noch eine Baustelle: Die neue Nationalkirche in Warschau.

Der quadratische Kubus hat von weitem den Charme eines Staatsbaus postsozialistischer Diktatoren wie etwa des von Alexander Lukaschenko errichteten Palastes des Volkes im nahen Minsk. Doch im Inneren folgen die klaren Linien des Schalbetons der nach oben zulaufenden Streben der Entwicklung moderner polnischer Kirchenbauten, die noch in den achtziger Jahren ihrer Zeit weit voraus waren. Diese Gotteshäuser entwickelten in Polen eine Formensprache, die nie mit der Tradition brach, aber oft beeindruckend modern war. Der fertiggestellte Tempelbau zeigt, dass es einfacher war, symbolische Bauten der Freiheit zu Zeiten der Diktatur zu errichten, als in einem freien Polen diese Tradition fortzuführen.

43505146 © AFP Vergrößern En masse: Warteschlangen vor der Eröffnung.

Der Patriotismus Gottes

Im Sockel des Tempels befindet sich ein Pantheon großer Polen. Zu diesen gehört etwa der noch von Johannes Paul II. heilig gesprochene Franziskanermönch Maksymilian Kolbe, der im Spätsommer 1941 sein Leben für einen anderen Häftling des Konzentrationslagers Auschwitz gelassen hatte. Auf dem von einem Zaun umgebenen Gelände des Zentrums der Vorsehung, das mehrere Fußballstadien groß ist, entstehen nach und nach weitere Bildungs- und Hilfsinstitutionen. Ein Museum ist Johannes Paul II. gewidmet. Verbunden werden sie durch die Idee von Polen als Messias unter den Völkern, repräsentiert durch die Lebenswege von selig- und heiliggesprochenen Polen. In Zukunft sollen sie durch spezielle Wege des Kampfes, der Freiheit, des Leidens und des Gebets verbunden werden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
Glosse

Kollegah

Von Thomas Thiel

Wer Hip-Hop nicht mag, soll seine Stimme erheben. Da steigen wir doch gern in den Ring. Mehr 2 3

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“