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Veröffentlicht: 06.01.2013, 19:08 Uhr

Politische Sprache in der Kritik Das hilft dem Schiff nicht mehr

Das Wort „Stabilitätsanker“ hat eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Bei weitem nicht die einzige Unsinnskoppelung in der politischen Sprache der Gegenwart.

© dpa Nach dem Verteidigungsminister und dem Bundesbankpräsidenten sprach auch er vom „Stabilitätsanker“: Wolfgang Schäuble bei seinem Eröffnungsvortrag zum Thema „Der Euro als Stabilitätsanker“ an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik am 8. Dezember 2011

Im Sommer 2011 fand der Stabilitätsanker in die politische Sprache. Bis dahin hatte er ein unauffälliges Dasein in technischen Handbüchern geführt. Das Wort brachten Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière und Bundesbankpräsident Jens Weidmann in Verkehr. In einem Interview hatte de Maizière gesagt, Saudi-Arabien spiele eine wichtige Rolle als „Stabilitätsanker in der Region“. Das geschah, nur wenige Wochen nachdem die Saudis den Aufstand der schiitischen Bevölkerungsmehrheit in Bahrein militärisch unterdrückt hatten. Weidmann hatte (nicht zum ersten Mal) die Zentralbanken als Stabilitätsanker bezeichnet.

Die Nüchternheit der Redner begründete die Annahme, dass der von ihnen als sprachlich geprüft scheinende Stabilitätsanker sehr bald bei anderen Rednern Anklang finden würde. Seit dem Sommer 2011 hat ein Google Alert über 200 weitere Stabilitätsanker in Deutschland und aus der ganzen Welt gemeldet.

Stabilitätsanker sind in der Bundesregierung die FDP und die CSU. Außerdem der Yen, Landrat Schröter und sein Vize Hamelow in Ost-Prignitz Ruppin, Rainer Brüderle, McDonald’s, die VR China, das VW-Gesetz, Tansania, Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate, die Tarifpolitik der IG Metall, Edmund Stoiber, Panama, das internationale Reifengeschäft, die Sparkasse Hanau, Nigeria, Kenia, die UN-Truppe Kfor im Kosovo und immer wieder: Deutschland, Deutschland, Deutschland.

Stabilität in Bewegung?

Was lernen wir über das Wort, das die FDP, die CSU und Deutschland als Stabilitätsanker bezeichnet? Was sagt das über die Idee einer gleichbleibenden Bedeutung eines Wortes, über die mutmaßliche Äquivalenz seiner Verwendung?

Am Anfang steht die Frage: Was ist ein Stabilitätsanker? Hat der Begriff überhaupt etwas mit der Seefahrt zu tun? Wenn das der Fall wäre, können wir uns die in Deutschland so hochgelobte Stabilität als ein Schiff vorstellen? Nur was passiert mit der Stabilität, wenn sie sich in ein Schiff verwandelt? Sie sticht in See. Sie kann von einer Monsterwelle verschluckt werden, mit einem Eisberg zusammenstoßen, eine Ölpest auslösen, von einem russischen U-Boot gerammt oder von Piraten geentert werden.

Wer die Stabilität verankern will, nimmt vielleicht an, dass sie sich in Bewegung setzen könnte. Wenn allerdings die deutsche Stabilität in Bewegung geriete, dann kämen so gewaltige Kräfte ins Spiel, dass auch der größte und schwerste Anker der Welt sie nicht mehr aufhalten könnte und jede Ankerkette reißen müsste. In dem Wort erklingen zwei gegenläufige psychologische Beweggründe: eine Beschwörung und eine Selbstermächtigung.

Stabilität ist Gesetz

Der Begriff wiegt in Sicherheit und erweckt den Eindruck von Macht. Das Wort ist rhetorisch ein klassisches Beispiel für eine Katachrese, das missbräuchliche Zusammenfügen von zwei Worten. Es unternimmt eine paradoxe Intervention: Stabilität verankern zu wollen heißt, weder der Stabilität noch dem Anker zu trauen.

Das erste Mal stach der Irrsinn des Stabilitätsankers im Bericht einer französischen Zeitung über einen Artikel von Jens Weidmann ins Auge. Die französischen Journalisten übersetzten den deutschen Stabilitätsanker als „piliers de stabilité“. Sie verwandelten den Anker in Tragpfeiler. Die rationalen Franzosen witterten im Wortungetüm einen deutschen Irrationalismus, verteilten die Last der Stabilität, wie jeder guter Statiker es tun würde, auf Tragpfeiler. Auf so etwas Solides gestellt, treibt nichts weg, schon gar nicht die Stabilität.

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