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Politische Sprache in der Kritik Das hilft dem Schiff nicht mehr

 ·  Das Wort „Stabilitätsanker“ hat eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. Bei weitem nicht die einzige Unsinnskoppelung in der politischen Sprache der Gegenwart.

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© dpa Nach dem Verteidigungsminister und dem Bundesbankpräsidenten sprach auch er vom „Stabilitätsanker“: Wolfgang Schäuble bei seinem Eröffnungsvortrag zum Thema „Der Euro als Stabilitätsanker“ an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik am 8. Dezember 2011

Im Sommer 2011 fand der Stabilitätsanker in die politische Sprache. Bis dahin hatte er ein unauffälliges Dasein in technischen Handbüchern geführt. Das Wort brachten Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière und Bundesbankpräsident Jens Weidmann in Verkehr. In einem Interview hatte de Maizière gesagt, Saudi-Arabien spiele eine wichtige Rolle als „Stabilitätsanker in der Region“. Das geschah, nur wenige Wochen nachdem die Saudis den Aufstand der schiitischen Bevölkerungsmehrheit in Bahrein militärisch unterdrückt hatten. Weidmann hatte (nicht zum ersten Mal) die Zentralbanken als Stabilitätsanker bezeichnet.

Die Nüchternheit der Redner begründete die Annahme, dass der von ihnen als sprachlich geprüft scheinende Stabilitätsanker sehr bald bei anderen Rednern Anklang finden würde. Seit dem Sommer 2011 hat ein Google Alert über 200 weitere Stabilitätsanker in Deutschland und aus der ganzen Welt gemeldet.

Stabilitätsanker sind in der Bundesregierung die FDP und die CSU. Außerdem der Yen, Landrat Schröter und sein Vize Hamelow in Ost-Prignitz Ruppin, Rainer Brüderle, McDonald’s, die VR China, das VW-Gesetz, Tansania, Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate, die Tarifpolitik der IG Metall, Edmund Stoiber, Panama, das internationale Reifengeschäft, die Sparkasse Hanau, Nigeria, Kenia, die UN-Truppe Kfor im Kosovo und immer wieder: Deutschland, Deutschland, Deutschland.

Stabilität in Bewegung?

Was lernen wir über das Wort, das die FDP, die CSU und Deutschland als Stabilitätsanker bezeichnet? Was sagt das über die Idee einer gleichbleibenden Bedeutung eines Wortes, über die mutmaßliche Äquivalenz seiner Verwendung?

Am Anfang steht die Frage: Was ist ein Stabilitätsanker? Hat der Begriff überhaupt etwas mit der Seefahrt zu tun? Wenn das der Fall wäre, können wir uns die in Deutschland so hochgelobte Stabilität als ein Schiff vorstellen? Nur was passiert mit der Stabilität, wenn sie sich in ein Schiff verwandelt? Sie sticht in See. Sie kann von einer Monsterwelle verschluckt werden, mit einem Eisberg zusammenstoßen, eine Ölpest auslösen, von einem russischen U-Boot gerammt oder von Piraten geentert werden.

Wer die Stabilität verankern will, nimmt vielleicht an, dass sie sich in Bewegung setzen könnte. Wenn allerdings die deutsche Stabilität in Bewegung geriete, dann kämen so gewaltige Kräfte ins Spiel, dass auch der größte und schwerste Anker der Welt sie nicht mehr aufhalten könnte und jede Ankerkette reißen müsste. In dem Wort erklingen zwei gegenläufige psychologische Beweggründe: eine Beschwörung und eine Selbstermächtigung.

Stabilität ist Gesetz

Der Begriff wiegt in Sicherheit und erweckt den Eindruck von Macht. Das Wort ist rhetorisch ein klassisches Beispiel für eine Katachrese, das missbräuchliche Zusammenfügen von zwei Worten. Es unternimmt eine paradoxe Intervention: Stabilität verankern zu wollen heißt, weder der Stabilität noch dem Anker zu trauen.

Das erste Mal stach der Irrsinn des Stabilitätsankers im Bericht einer französischen Zeitung über einen Artikel von Jens Weidmann ins Auge. Die französischen Journalisten übersetzten den deutschen Stabilitätsanker als „piliers de stabilité“. Sie verwandelten den Anker in Tragpfeiler. Die rationalen Franzosen witterten im Wortungetüm einen deutschen Irrationalismus, verteilten die Last der Stabilität, wie jeder guter Statiker es tun würde, auf Tragpfeiler. Auf so etwas Solides gestellt, treibt nichts weg, schon gar nicht die Stabilität.

In Deutschland ist Stabilität so wichtig, dass es seit Juni 1967 sogar ein Stabilitätsgesetz gibt. Der erste Satz des Stabilitätsgesetzes lautet: „Bund und Länder haben bei ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Maßnahmen die Erfordernisse des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beachten.“ Die Väter und Mütter dieses Gesetzes haben Stabilität besser verstanden als diejenigen, die sie heute mit einem Anker an die Kette legen wollen. Stabilität ohne Gleichgewicht verwandelt sich in Unwucht. Wird Stabilität absolut gesetzt und abgekoppelt vom politischen Ziel des Gleichgewichts, dann hilft sie nicht mehr, Probleme zu lösen. Dann verwandelt sie sich in ein Problem, weil sie keine Lasten ausgleicht.

Gemeint ist der Totmannanker

Viele Jahrzehnte führte der Stabilitätsanker ein nützliches und rhetorisch völlig unauffälliges Dasein in der Bau- und Pioniertechnik. Bei Kränen dient er als Gegengewicht zur Last am Kranarm. Landesbauordnungen regeln das. Sogenannte fliegende Bauten wie Karussells, Riesenräder oder Achterbahnen müssen durch solche Anker unterirdisch abgesichert werden. Auch zur Rettung in schwierigem Gelände braucht man Stabilitätsanker als Gegengewicht. In der Fachsprache nennt man das den Totmannanker. Der Totmannanker wird in der Totmanngrube versenkt.

Das Bild des Stabilitätsankers scheint insofern, mehr oder weniger unbewusst, genau die Sachverhalte zu erfassen, die die politischen Sprecher in Sorge versetzen. Der Fachbegriff beschreibt zutreffend die politischen Unwuchten im Mittleren Osten und die volatile Achterbahnraserei der Finanzmärkte. Das politische Ziel der Stabilität kann der Stabilitätsanker nur schlecht bis gar nicht erfüllen. Denn nach Maßgabe der Technik zappelt die Gegenseite des Stabilitätsankers über dem Abgrund. Wer vom Stabilitätsanker redet, darf von der Totmanngrube nicht schweigen. Kein politischer Redner würde es wagen, Deutschland als Totmannanker Europas zu bezeichnen. Stabilitätsanker klingt schöner, bezeichnet aber das selbe. Alle anderen europäischen Länder sollen sich ändern, damit Deutschland so bleiben kann, wie es ist.

Anker und Lokomotive sind wirklich beliebt

Der Stabilitätsanker war noch ein Frischling in der politischen Sprache, als ihm zwei Monate später eine dicke Schwester an die Seite gestellt wurde: die Wachstumslokomotive. Infolge der zahlreichen Gipfeltreffen zur Euro-Krise erkannten die Redner die politische Unwucht im eigenen Reden und sahen sich aufgrund der Kritik aus den in der Luft zappelnden Ländern in der Pflicht nachzuladen: Wachstum musste her, beschworenes Wachstum.

So kam es zur Karriere der Wachstumslokomotive. Die Wachstumslokomotive wurde im September 2011 dem Stabilitätsanker beigesellt. Seither stolpert das schräge Katachresen-Paar durch fast alle Reden der Bundeskanzlerin, des Bundesfinanzministers und des Bundeswirtschaftsministers.

Beide Wörter sind Unsinnskoppelungen. Das eine hängt die Stabilität an eine Ankerkette und verkehrt die politische Idee der Stabilität in eine kontinentale wirtschaftliche Unwucht. Das andere koppelt eine riesige Lokomotive an einen Zug, von dem die meisten Waggons schon aus dem Gleis gesprungen sind oder über dem Abgrund baumeln.

Die Wachstumslokomotive ist ein Bild des rasenden Stillstands. Sie rückt das Selbstbild des Exportweltmeisters ins Licht und blendet die Kehrseite aus: die aufgetürmten Defizite bei den bisherigen Kunden in Südeuropa. Auch sie ist eine Beschwörungsfigur.

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