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Veröffentlicht: 12.04.2014, 10:50 Uhr

Politische Romantik Vom Nutzen und Nachteil der Leidenschaften für die Politik

Eine romantisch inspirierte Politik führte Deutschland in zwei katastrophale Kriege. Heute fehlt die Visionskraft im politischen Betrieb. Eine Frankfurter Konferenz fragt, was Politik mit Gefühl zu tun haben sollte.

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© AP Politik im Zeichen der Leidenschaften: Blick auf den Kiewer Unabhängigkeitsplatz während des Protests

Die Zeit der politischen Aufbrüche ist in mitteleuropäischen Breiten  vorbei. Man bewegt sich heute in einer Arena ausgekühlter Leidenschaften, befestigt in solide abgesteckten nationalen Grenzen. Das politische Temperament entfacht sich an Gegenständen moderaten Streitwerts wie dem Anspruch auf kostenloses Kopieren oder dem Protest gegen einen Bahnhof, bei dem die verfahrensmäßige Ausnüchterung des Politischen und der Anspruch auf politische Emotionen der eigentliche Konfliktherd waren. Themen, die geeigneter wären, die politischen Energien zu bündeln, wie die Finanzkrise oder der Überwachungskomplex, werden seltsam kompromissbereit zur Kenntnis genommen.

Thomas Thiel Folgen:

Die politischen Leidenschaften wehen aus anderen Ländern herüber, der Ukraine oder den Ländern der arabischen Rebellion, wo junge Völker aufbegehren und sich der Einzelne heldenmütig für die größere Sache opfert. Der politische Eros des Aufbruchs und der offenen Entscheidungen steht hier unmittelbar neben Ressentiment und Gewalt.

Ist der Abschied vom Heroischen deshalb ein Zeichen politischer Reife oder ein Symptom der Versteinerung? Dass die politische Temperatur der Bundesrepublik ruhig etwas höher sein könnte, steht als frommer Wunsch hinter einer hochkarätig besetzten Konferenz der deutschen Kulturstiftung zur politischen Romantik, die bis zum Samstag in Frankfurt am Main stattfindet.

Den unmittelbaren Anlass gibt das Gedenken an den Ersten Weltkrieg, der noch ganz im Zeichen des Übersprungs romantischer Ansprüche auf das Politische stand. Am Ende der romantischen Versuchung standen zwei fatale Kriege. Es bleibt die Frage, ob eine Politik, die sich nicht in der Verwaltung des Sachzwangs erschöpft, ohne den Wärmestrom und die Visionskraft romantischer Ideen auskommt, ob also das romantische Temperament in der Politik mehr als gefährlicher Illusionismus ist.

Faszination des Unbedingten

Politische Romantik ist zunächst eine prekäre Wortverbindung, weil der unbedingte Impuls der Romantik im Konflikt zum Vermitteln und Aushandeln demokratischer Politik steht. Carl Schmitt hat das schärfste Urteil über sie gesprochen, als er sie eine Hybris des Subjekts auf Kosten des Allgemeinen nannte. Der politische Romantiker, so Schmitt, flieht aus der Wirklichkeit in die Ekstasen stimmungsmäßigen Erlebens. In seinen hochfliegenden Phantasien sucht er nur sich selbst, haltlos und ohne Sicherungen, und deshalb immer anfällig für Verirrungen: in Religion, in Staat, in Volk, in Ideologie. Dieses Urteil fällte Schmitt im Jahr 1919. Nicht viel später erlag er mit seiner Parteinahme für den NS-Staat selbst der romantischen Versuchung. 

Peter Sloterdijk trat in Frankfurt als erster ans Podium, um das romantische Verführungspotential in der Politik aus den tieferen Ursprüngen von Antike und Mittelalter herzuleiten. Der römischen Volkstribun Cola di Rienzo, der das mittelalterliche Rom zu alter Größe führen wollte, diente Sloterdijk als Archetyp einer politischen Improvisationskunst, bei der alle romantischen Momente zusammenkommen: niedere Geburt, flamboyante Selbstinszenierung, politischer Größenwahn und tragischer Absturz. Ein Faszinosum für Richard Wagner, der ihm eine Oper widmete, und später für Hitler, den beim Hören dieser Oper nach eigenen Worten die Ahnung späterer Größe ergriff. Den problematischsten Fall nannte Sloterdijk den des Intellektuellen, der die Tuchfühlung mit der politischen Realität sucht. Siehe Schmitt, siehe Heidegger.

Max Webers Ermahnungen

Ein anderer Kritiker politischen Schwarmgeistes war Max Weber, über den seine Biographen Joachim Radkau und Jürgen Kaube diskutierten. Zweifellos war Weber selbst ein von starken Leidenschaften getriebener Denker. Sein Werk über den Ursprung des Kapitalismus aus der protestantischen Ethik ist etwa von einer Romantik des Anfangs inspiriert. Seine Studien zur charismatischen Herrschaft zitieren ein romantisches Motiv. Dagegen stand Webers Einsicht in die notwendige Rationalität von Wissenschaft und Politik.

Jürgen Kaube, Leiter des Geisteswissenschaftsressorts dieser Zeitung, sah in Weber mehr den Analytiker der rationalisierten Gesellschaft, auch wenn Webers Diagnose seinem eigenem wissenschaftlichen Temperament widersprach. Der Bielefelder Sozialhistoriker Radkau, der Webers Nervenkrankheit und exzentrischer Sexualität in seiner Biographie großes Gewicht gibt, ging von einem engeren Zusammenhang von körperlicher Leidenschaft und intellektuellem Eros aus. Er versuchte Weber für einen positiveren Romantikbegriff in Anspruch zu nehmen, der das Romantische als Sinn für übergreifendes, ganzheitliches Denken gegen den Illusionismusverdacht in Schutz nimmt.

Revolte ohne Leser

Der Konstanzer Historiker Sven Reichardt unterzog schließlich den letzten romantischen Aufbruch in der Bundesrepublik, die linksalternative Bewegung der sechziger und siebziger Jahre, im Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler und ehemaligen K-Gruppen-Mitglied Helmut Lethen einer statistischen Entzauberung, ohne dabei ihre Breitenwirkung bestreiten zu wollen. Die in ihren Auflagen ohnehin überschaubare linksalternative Presse las ein erheblicher Anteil der Leser - wegen der Kleinanzeigen. Dass die Bewegung trotzdem einer freieren Subjektivität zum Durchbruch verhalf, lag in Lethens sympathisierend-distanzierten Sicht an dem Mut ihrer Beteiligten, in der Selbstentblößung das Risiko der Lächerlichkeit einzugehen und damit Freiheiten zu erkämpfen, die wir heute ganz selbstverständlich genießen.

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Der Wunsch nach mehr politischer Leidenschaft war im bisherigen Verlauf der Konferenz ein latenter Podiumsgast, aber kein Funke, der übersprang. Der ukrainische Schriftsteller und Aktivist Serhij Zhadan, der jüngst auf dem Majdan von Charkiw von Schlägertruppen zusammengeschlagen wurde, starrte in die Leere, während Karl-Heinz Bohrer im Nebensaal vor vollbesetzten Rängen über Friedrich Schlegel sprach.

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