http://www.faz.net/-gqz-15nbl

: Will der Graf sein Tänzlein wagen?

  • Aktualisiert am

Alexandra Gerstner untersucht mit den Mitteln der neuen Ideengeschichte ein Nischenthema: aristokratische Elitekonzeptionen in der Zeit von der Jahrhundertwende bis 1933. Ihr Ziel ist es, zu ergründen, welche Rolle das Deutungsmuster "Adel" im politischen Denken von Intellektuellen spielte. Die Autorin ...

          Alexandra Gerstner untersucht mit den Mitteln der neuen Ideengeschichte ein Nischenthema: aristokratische Elitekonzeptionen in der Zeit von der Jahrhundertwende bis 1933. Ihr Ziel ist es, zu ergründen, welche Rolle das Deutungsmuster "Adel" im politischen Denken von Intellektuellen spielte. Die Autorin vertritt die Ansicht, dass aufgrund eines starken Krisenempfindens ein "Neuadelskonzept" entwickelt wurde, das sich von anderen zeitgenössischen Elitetheorien unterschied.

          Tatsächlich ist die Auferstehung des Adelsbegriffs im 20. Jahrhundert eine überraschende und bisher kaum untersuchte Entwicklung. Die bürgerliche Kritik des 19. Jahrhunderts hatte den Adel noch als einen verachtenswerten Atavismus gesehen. Sein Zustand wurde mit Verfallsmotiven umschrieben - ähnlich einer dahinsiechenden Schicht von Kranken, die blind gegenüber ihren eigenen Symptomen waren. Im 20. Jahrhundert, in den Romanen von Robert Musil, den Theaterstücken von Arthur Schnitzler oder auf englischer Seite in Evelyn Waughs elegischem "Brideshead revisted" setzte man die Beschreibung des "anämischen Adels" fort - als Motiv der Weltliteratur. Doch trotz dieser scheinbar finalen Diagnostik blieben Adel und Aristokratie "Schlüsselbegriffe der Zeit um 1900" (so Rüdiger von Bruch).

          Antibürgerlich angehauchte Intellektuelle postulierten seit der Jahrhundertwende die Schaffung eines "Neuadels". Sie übernahmen hierfür Teile des adeligen Wertekatalogs - doch ihre Konzepte waren ahistorisch und entfernten sich zunehmend von dem realen Adel. Eine elitäre Führerauslese, basierend auf Rasse und Charakter, stand im Mittelpunkt dieser gelegentlich recht nebulösen Konstrukte für einen neuen Menschentypus, "den Tatmenschen".

          Frau Gerstner stellt die Neuadelskonzepte von fünf Intellektuellen verschiedener politischer Couleur in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung. Sie zeigt dabei überzeugend und detailsicher, dass die Neuadelsvorstellungen des national-liberalen Walther Rathenau nicht Welten entfernt waren von denen des völkisch gesinnten Bernhard Koerner und des sozialistischen Publizisten Kurt Hiller. Berührungspunkte gab es auch zwischen dem Schriftsteller der "Neuen Rechten" Edgar J. Jung und dem Begründer der Paneuropa-Union, Richard Graf von Coudenhove-Kalergi.

          Mit der Entdeckung dieser - alle politischen Barrieren überschreitenden - Neuadelskonzepte hat die Autorin einen großen Trüffel gefunden. Der Fallschirmspringer unter den Historikern, der aus großer Höhe den Panoramablick auf die Vergangenheit wirft, fragt sich jedoch, inwiefern dieser "Neue Adel"' nicht doch in den größeren Kontext der zeitgenössischen Elitentheorie zu setzen ist. Waren die Propagandisten des "Neuen Adels" wirklich Welten entfernt von den Elitetheorien ihrer Zeitgenossen Vilfredo Pareto und Gaetano Mosca? Auch Pareto benutzte den Begriff der Aristokratie, und der Student Edgar Jung hörte seine Vorlesungen. Die verschlungenen Wege gegenseitiger Beeinflussung bleiben weiterhin schwer zu entwirren.

          Die Autorin stellt auch die Frage, welchen soziopolitischen Einfluss diese Konzepte hatten. Lothar Gall hat in seiner Biographie über Walter Rathenau gezeigt, wie wenig Resonanz dessen zeitkritische Schriften erhielten. Auch bei den vier anderen Intellektuellen, die Alexandra Gerstner untersucht, führten die inhärenten Widersprüche ihrer Konzepte und die Unfähigkeit, eine größere Gefolgschaft zu mobilisieren, doch zur politischen Marginalisierung. Die Studie endet 1933, bevor der Adelstopos von den Nationalsozialisten noch einmal wiederbelebt wurde. Nun entwickelte Heinrich Himmler seine giftige Adelsmelange: "Wir wollen für Deutschland eine auf Jahrhunderte hinaus immer wieder ausgelesene Oberschicht, einen neuen Adel, der sich immer wieder aus den besten Söhnen und Töchtern unseres Volkes ergänzt." Dieses pervertierte Konzept sollte bekanntermaßen die SS anpeilen. In der Praxis erwies sich die Adelssemantik als tödlich.

          KARINA URBACH

          Alexandra Gerstner: Neuer Adel. Aristokratische Elitekonzeptionen zwischen Jahrhundertwende und Nationalsozialismus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008. 585 S., 79,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2010, Nr. 44 / Seite 8

          Weitere Themen

          Auf der Zinne  der Parthey

          Parteienlandschaft : Auf der Zinne der Parthey

          Die Parteien stehen hierzulande nicht im besten Ruf. Doch neue Nachrichten aus dem politischen Archiv des Vormärz mehren die Zweifel am Mythos eines generellen deutschen Anti-Parteien-Affekts seit dem 19. Jahrhundert. Vor allem Heinrich Heine war ein kritischer Freund der Parteien.

          Topmeldungen

          Brexit-Verhandlungen : Ohne Qualen geht es nicht

          Theresa May flehte diese Woche in Berlin, Paris und Brüssel um Hilfe bei den Brexit-Verhandlungen. Die Europäer blieben hart. Aber sie gaben sich Mühe, nett zu sein.
          Erst mal shoppen in der Stadt, dann zu Hause noch bei Zalando bestellen.

          Geld in der Partnerschaft : Hilfe, meine Frau wirft das Geld raus!

          In Gelddingen zeigt sich oft die Wahrheit über eine Beziehung, sagen Paartherapeuten. Aber wer wird denn gleich an Scheidung denken, wenn die Ehepartnerin über die Verhältnisse lebt?
          Für mehr Recht und Ordnung im eigenen Land: Macron will härter gegen kriminelle Ausländer vorgehen.

          Macrons Abschiebekurs : Mit harter Hand

          Der brutale Mord an zwei jungen Frauen durch einen illegalen Einwanderer erschüttert Frankreich. Nun plant Präsident Macron konsequenter bei der Abschiebung krimineller Ausländer durchgreifen. Doch die Umsetzung gestaltet sich schwerer als gedacht.

          SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          So ein bisschen freuen sich die Sozialdemokraten über das katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl. Endlich sind sie die Union los. In der Opposition soll alles besser werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.