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: Vor dem Mauerbau

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Es begann, wie es endete. Keine Träne solle man den Flüchtlingen nachweinen. Dieser 1989 gesprochene Satz Honeckers galt auch in den frühen Jahren des kommunistischen Experiments in Ostdeutschland. Für die sowjetische Besatzungsmacht und die deutschen Kommunisten war die Westflucht aus der SBZ/DDR zunächst ...

          Es begann, wie es endete. Keine Träne solle man den Flüchtlingen nachweinen. Dieser 1989 gesprochene Satz Honeckers galt auch in den frühen Jahren des kommunistischen Experiments in Ostdeutschland. Für die sowjetische Besatzungsmacht und die deutschen Kommunisten war die Westflucht aus der SBZ/DDR zunächst eine erwünschte Begleiterscheinung der gesellschaftlichen Neuordnung. Damian van Melis hat die Flucht aus der SBZ/DDR vor dem Mauerbau an Hand der Regimequellen untersucht und herausgefunden, dass den politisch Verantwortlichen in Ost-Berlin erst 1952 die problematische Seite des Verschwindens von Bürgern aus ihrem Staat dämmerte. Den Anstoß gab dazu die Sowjetische Kontrollkommission durch kritische Hinweise an die "deutschen Genossen".

          Am Anfang der Westwanderung aus der SBZ/DDR stand die kalkulierte und gezielt herbeigeführte Vertreibung jener gesellschaftlichen Schichten, die nach kommunistischer Lehre als Kapitaleigner und Junker die gesellschaftliche Verantwortung für das NS-Regime getragen hatten. Aber auch die Flucht zahlreicher NS-Gegner aus der SPD, CDU und LDPD, die sich gegen die Eingliederung ihrer Parteien in das SED-Regime wandten, galt den Machthabern nicht als Problem, sondern als Erleichterung. Die Austreibung der bürgerlichen Intelligenz wurde so gesehen. Die Universitäten Rostock, Greifswald, Berlin, Halle, Leipzig und Jena hatten bis 1948 insgesamt 83 Prozent ihrer Professoren und Dozenten verloren. Einen Teil schon durch Kriegsgefangenschaft, Tod, Entnazifizierung und Zwangsdeportationen, viele aber durch die Flucht in den Westen. Der durch sowjetische Besatzungsmacht und SED erzwungene Elitenwechsel betraf nicht nur die Parteigänger des Nationalsozialismus, sondern auch Wissenschaftler, die sich einer erneuten ideologischen Gleichschaltung ihrer Universitäten widersetzten. Ein SED-Funktionär gehörte zu den Ersten, die dem DDR-Grenzregime zum Opfer fielen. Die tödliche Kugel traf diesen "aktiven" SED-Mann, als er im April 1951 gemeinsam mit aufgebrachten Bewohnern des thüringischen Grenzortes Groß-Burschla versuchte, einen kurz zuvor festgenommenen Grenzgänger aus der Polizeihaft zu befreien.

          Wie viele Menschen bis zum Mauerbau an der innerdeutschen Grenze ums Leben kamen, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Im Jahr 1952 reagierte das Regime mit einer Reihe von Maßnahmen auf die Abwanderung. Die Bestimmungen über den kleinen Grenzverkehr wurden aufgehoben, durch Regierungsverordnung eine fünf Kilometer breite Sperrzone an der Westgrenze eingerichtet und einen durch Grenztruppen überwachten 500-Meter-"Schutzstreifen". Die DDR-Verfassung von 1949 mit der Formulierung, "Jeder Bürger ist berechtigt auszuwandern", wurde durch Verordnungen und Parteibeschlüsse ausgehöhlt und gebrochen. Seit Januar 1953 war die Volkspolizei angewiesen, gegen alle wegen versuchter "Republikflucht" festgenommenen Personen Haftbefehl zu erwirken. Dazu sollten Vorwände wie kriminelle Delikte, Steuerhinterziehung, Verstoß gegen Verordnungen des innerdeutschen Zahlungsverkehrs, Verbrechen gegen die Wirtschaftsordnung und Ähnliches herangezogen werden.

          Damian van Melis' Darstellung der Regimeperspektive auf die Abwanderung von drei Millionen Menschen, die zwischen 1945 und 1961 die SBZ/DDR verließen, ist insbesondere deswegen interessant, weil sie die Realitätsferne des ideologisch verschleierten Blicks der Diktaturfunktionäre auf die eigene Gesellschaft offenlegt. Die im Anhang wiedergegebenen DDR-Dokumente illustrieren das auf profunde Weise. So erschien im SED-Zentralorgan Neues Deutschland Anfang 1953 unter der Überschrift "Republikflüchtlinge bitten die Regierung der DDR um Wiederaufnahme" ein Artikel, in dem davon die Rede war, dass bei DDR-Dienststellen "täglich Briefe von republikflüchtigen Personen" einträfen, die im Westen in "auswegloses Elend geraten" seien. Die Fluchtgründe waren laut dieser SED-Propaganda "Leichtgläubigkeit" gegenüber westdeutschen Abwerbungsversprechen. Es begann also, wie es endete. Denn noch im Sommer 1989 hielt das SED-Regime die Massenflucht aus der DDR für ein Werk der geheimen Verführer aus dem Westens.

          JOCHEN STAADT.

          Damian van Melis/Henrik Bispinck (Herausgeber): Republikflucht. Flucht und Abwanderung aus der SBZ/DDR 1945 bis 1961. R. Oldenbourg Verlag, München 2006. 276 S., 44,80 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2007, Nr. 137 / Seite 8

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