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: Viele Ungereimtheiten

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Als die Warren-Kommission Ende 1964 ihre Ergebnisse zu den Ermittlungen über die Hintergründe der Ermordung von John F. Kennedy vorlegte und bestätigte, daß die Schüsse auf den Präsidenten von Lee Harvey Oswald abgefeuert worden waren, nahm die amerikanische Öffentlichkeit dies zunächst erleichtert auf.

          Als die Warren-Kommission Ende 1964 ihre Ergebnisse zu den Ermittlungen über die Hintergründe der Ermordung von John F. Kennedy vorlegte und bestätigte, daß die Schüsse auf den Präsidenten von Lee Harvey Oswald abgefeuert worden waren, nahm die amerikanische Öffentlichkeit dies zunächst erleichtert auf. Von Beginn an aber gab es Zweifler, die der Kommission vorwarfen, darauf bedacht gewesen zu sein, die Alleinschuld Oswald beweisen und politische Mittäterschaft ausschließen zu wollen. Seither ranken Verschwörungstheorien um den Mord, zumal bis heute umstritten ist, ob Oswald tatsächlich der Kennedy-Mörder war. Immerhin konnten die besten Scharfschützen auf Grund der physikalisch kaum möglichen Flugbahn der tödlichen Kugeln nicht nachspielen, was dem eher mäßigen Schützen am 22. November 1963 gelungen sein soll, nämlich Kennedy mit drei Schüssen aus einem Karabinergewehr von einem Lagerhaus aus in einer fahrenden Limousine zu erschießen.

          Wilfried Huismann, der noch 2000 in einem Dokumentarfilm des Titels "Lieber Fidel" den Tod Kennedys als eines der großen Rätsel des 20. Jahrhunderts bezeichnet hatte, geht es in seinem Buch aber gar nicht mehr um diese Frage. Die These, die er nunmehr aufstellt, lautet in Kürze: Oswald wurde von der kubanischen Regierung angeheuert, den Präsidenten zu ermorden, um auf diese Weise einen von John F. Kennedys Bruder Robert in Auftrag gegebenen Attentatsplan gegen Castro durchkreuzen zu können. Davon habe Präsident Johnson kurz nach der Ermordung Kennedys durch ein "Geheimdossier" erfahren, dies jedoch nicht öffentlich gemacht, da er ansonsten eine neue Konfrontation mit Kuba befürchtete.

          Dies klingt zunächst plausibel, und in der Tat ist es das Verdienst Huismanns, nach dreijähriger Recherchearbeit die unbestreitbare Verbindung Oswalds zum kubanischen Geheimdienst G2 mittels zahlreicher Zeitzeugen so genau ausgeleuchtet zu haben wie niemand zuvor. Dennoch bleiben einige Fragen offen. Das besagte "Geheimdossier" über die Verbindung Oswalds zum kubanischen Geheimdienst, von dem Huismann annimmt, es stamme aus den sechziger Jahren, wurde Johnson angeblich durch einen engen Vertrauten namens Martin Underwood zugespielt. Der mittlerweile verstorbene Underwood hatte 1995 vor einem amerikanischen Ausschuß aber angegeben, daß das Dokument lediglich eine Ideenskizze für einen Buchautor (kein Geringerer als Gus Russo, der Koautor des gleichnamigen Films von Huismann) gewesen sei, die er erst Anfang der neunziger Jahre verfaßt habe, also 20 Jahre nach dem Tod Präsident Johnsons. In dem Dokument heißt es, daß sich während des Attentats ein Mitarbeiter des kubanischen Geheimdiensts in Dallas aufgehalten haben soll. Noch brisanter sind die Aussagen des ehemaligen kubanischen Geheimdienstleiters Fabian Escalante, den Huismann mit dem Dokument konfrontiert, der gegenüber dem Verfasser jedoch kategorisch ausschließt, daß seine Leute Kennedy erschossen hätten, und das Dokument für eine Fälschung hält.

          Auch der zweite Kronzeuge, den Huismann präsentiert, ein kubanischer Exgeheimdienstler namens Oscar Malino, vermag die angebliche Mordverwicklung Castros nicht wirklich zu belegen. Zwar bestätigt er, daß Oswald im November 1962 vom kubanischen Geheimdienst kontaktiert wurde. Auf die entscheidende Frage, ob es einen konkreten Auftrag zum Mord gegeben habe, antwortet der Informant vage, daß man sich in Kuba lediglich den Tod des amerikanischen Präsidenten gewünscht habe. Abgesehen davon, daß damit ein Auftrag noch nicht belegt ist, steht die Frage im Raum, wer wiederum bestätigt, daß Huismanns Kronzeuge tatsächlich die Wahrheit spricht.

          Bleibt eine weitere Ungereimtheit, die sich auf die Aussage des ehemaligen FBI-Agenten Laurence Keenan bezieht. Dieser behauptet nach Huismanns Darstellung, er sei, als er 1963 in Mexiko die Kuba-Spur des mutmaßlichen Attentäters Oswald verfolgt habe, von Washington zurückgepfiffen worden, da man dort eine militärische Konfrontation mit der Sowjetunion befürchtete. Keenan hatte jedoch bereits 1976 ausgesagt, daß es keinerlei politische Einflußnahme und auch keine überzeugenden Spuren hinsichtlich einer möglichen kubanischen Tatbeteiligung während seines Aufenthalts gegeben habe, sondern daß er lediglich den damaligen Botschafter Washingtons in Havanna, Thomas Mann, über die aktuelle Sachlage informieren wollte. Ähnlich hatte er sich zudem schon in einem Memorandum geäußert, welches er unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Mexiko im Dezember 1963 verfaßt hatte.

          Zwar ist umgekehrt auch die jetzige Aussage Keenans nicht widerlegt, wonach er lediglich auf Druck von oben und auf Befehl von FBI-Chef Hoover die kubanische Tatbeteiligung in seinem Memorandum verschwiegen habe. Allerdings findet sich der angebliche Hinweis darauf mit keinem Wort in dem Dokument, ganz abgesehen davon, daß der Adressat nicht FBI-Chef Hoover gewesen ist, sondern ein unmittelbarer Vorgesetzter von Keenan. Das Buch bietet sicherlich neue interessante Einblicke in die Verbindung Oswalds zu Kuba. Es zeigt eindrucksvoll, daß Oswald geradezu der ideale Handlanger für Castro gewesen wäre, beweist aber keinesfalls abschließend, daß der kubanische Staatschef tatsächlich hinter dem vielleicht berühmtesten Mord des 20. Jahrhunderts steckt. So bleibt dieser weiterhin eines der großen Rätsel, zu dem Huismann gewiß ein weiteres Puzzlestück beigetragen hat.

          STEFAN FRÖHLICH

          Wilfried Huismann: Rendezvous mit dem Tod. Warum John F. Kennedy sterben mußte. Pendo Verlag, München 2006. 342 S., 21,90 [Euro].

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