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: Vertreibung als nationale Mission

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Der zweite Band der Dokumentation "Odsun - die Vertreibung der Sudetendeutschen", den das Sudetendeutsche Archiv zehn Jahre nach dem ersten vorlegt, reicht von der Errichtung des Protektorats im März 1939 bis zum offiziellen Abschluss der Vertreibung Ende 1946. Er beginnt mit Eintragungen aus dem ...

          Der zweite Band der Dokumentation "Odsun - die Vertreibung der Sudetendeutschen", den das Sudetendeutsche Archiv zehn Jahre nach dem ersten vorlegt, reicht von der Errichtung des Protektorats im März 1939 bis zum offiziellen Abschluss der Vertreibung Ende 1946. Er beginnt mit Eintragungen aus dem Tagebuch Thomas Manns über seine Begegnung mit Edvard Benes in Chicago während der Tage im März 1939, als Hitler die Zerschlagung der Tschechoslowakei vollendete ("Menschenjagd und Selbstmordwelle in Prag. Dreck-Romantik mit ,Heiligem Römischen Reich'"), und endet mit der Ansprache "Die ersten Weihnachten ohne Deutsche", die Benes am 24. Dezember 1946 hielt. Wie der erste Band, der von 1848 bis zur Errichtung des Protektorats reicht, folgt auch dieser dem Grundsatz deutsch-tschechischer Zweisprachigkeit und enthält nicht nur Quellen erster Ordnung wie Verträge, Gesetze und Protokolle, sondern auch deutsche und tschechische Zeitungsartikel, die den Zeitgeist nicht selten noch deutlicher hervortreten lassen. Eine dieser Edition vergleichbare Dokumentation gab es bisher nicht. Sie eröffnet einen Einblick in die böhmisch-mährische Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts, über den bisher nur der kleine Kreis der mit den einschlägigen Archiven vertrauten Historiker verfügte.

          Schon dem ersten Band war die Absicht unterstellt worden, "Beweisstücke für eine vorgefasste Geschichtsinterpretation" zu liefern und die Sudetendeutschen als bloße Opfer der Geschichte darzustellen. Geflissentlich wurde dabei etwa die Walter Hergl zugeschriebene Denkschrift vom Oktober 1936 übersehen, in der es hieß: "Letzten Endes geht der Kampf darum und um nichts anderes, wer hier übrig bleibt, der Tscheche oder der Deutsche. Nur einer wird bleiben und Herr sein können, der andere muss weichen . . . entweder durch Ausrottung oder durch Vertreibung." (Odsun I, S. 691 ff.), oder auch Rudolf Lodgman von Auens Plädoyer für eine Umsiedlung der Tschechen und der Juden vom Januar 1938 (Odsun I, S. 708 ff.). Jeder Auswahl liegen Entscheidungen zugrunde, weil eben nicht alle vorhandenen Quellen veröffentlicht werden können. Die getroffene Auswahl der Herausgeber ist allerdings repräsentativ genug, um in der Debatte um die Gründe, die zur Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei geführt haben, beide Seiten mit den erwünschten Unterlagen auszustatten.

          Seit Jahr und Tag stehen einander zwei ideologisch hoch aufgeladene Interpretationen gegenüber. Die eine wird von den Regierungen in Berlin und Prag, von der deutsch-tschechischen Historikerkommission und anderen Gremien des institutionalisierten deutsch-tschechischen Dialogs propagiert, sie findet sich in der Deutsch-Tschechischen Erklärung von 1997 und beherrscht in beiden Ländern die öffentliche Meinung. Sie erklärt die Vertreibung als die tragische, aber letztlich unausweichliche Folge der nationalsozialistischen Politik und erinnert an die ideologische und politische Gleichschaltung der Sudetendeutschen mit Hitlerdeutschland, an das Münchner Abkommen, die Zerschlagung der "Rest-Tschechei" im März 1939, den Holocaust, den Terror gegen die tschechische Intelligenz und den totalen Krieg. So gesehen sind die Vertriebenen "Hitlers letzte Opfer".

          Demgegenüber steht die Darstellung eines Großteils der sudetendeutschen Publizistik und einer Minderheit deutscher Historiker. Sie beginnt mit der Durchsetzung des nationalen Prinzips im 19. Jahrhundert und setzt sich fort mit der Entscheidung der Siegermächte, die Deutschen in Böhmen und Mähren gegen ihren Willen in den tschechoslowakischen Staat einzugliedern, der sie systematisch diskriminierte. Das Münchner Abkommen von 1938 ist in dieser Erzählung nicht die Kapitulation der Westmächte vor Hitler, sondern die Korrektur eines Unrechts, das die Deutschen in Böhmen und Mähren durch die Missachtung ihres Selbstbestimmungsrechtes erlitten. So gesehen sind die Vertriebenen Opfer eines aller rechtlichen und ethischen Fesseln entledigten tschechischen Nationalismus, den Edvard Benes personifiziert.

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