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: Verschlossene Ohren

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Dass ein Bundespräsident während seiner Amtszeit ein Buch zu einem ganzen Kontinent anregt, herausgibt und einleitet, ist ebenso ungewöhnlich wie die Liste der 41 Autoren - mehrere amtierende und frühere Staatschefs, Unternehmer, Beamte, Künstler. Mit (dem am 31. Mai zurückgetretenen) Horst Köhler teilen sie eine Leidenschaft für Afrika und oft ein Leiden an Afrika.

          Dass ein Bundespräsident während seiner Amtszeit ein Buch zu einem ganzen Kontinent anregt, herausgibt und einleitet, ist ebenso ungewöhnlich wie die Liste der 41 Autoren - mehrere amtierende und frühere Staatschefs, Unternehmer, Beamte, Künstler. Mit (dem am 31. Mai zurückgetretenen) Horst Köhler teilen sie eine Leidenschaft für Afrika und oft ein Leiden an Afrika. Alle waren eingebunden in die "Partnerschaft mit Afrika", einen Gesprächskreis, zu dem Köhler in den vergangenen Jahren lud, je zweimal nach Afrika und nach Deutschland. Köhler bemängelt, das Schicksal des Nachbarkontinents werde von vielen ausgeblendet, als ende die Welt südlich der Straße von Gibraltar. Was in Afrika misslinge, betreffe früher oder später Europa: Flüchtlinge, Schmuggel, Piraterie, Terrorismus. Er beschränkt sich nicht auf genehme Floskeln wie Partnerschaft auf Augenhöhe, sondern richtet Kritik auch an den Westen. Wichtiger als aufgestülpte Hilfe sei die Beseitigung von Ungerechtigkeiten in der Handels- und Agrarpolitik.

          Kritik in beide Richtungen äußert auch die grüne Entwicklungspolitikerin Uschi Eid. Sie wirbt für eine Partnerschaft, die mehr ist als eine Mode der politischen Rhetorik. Afrikanischen Politikern wirft sie "langes Schweigen" vor zu schweren Verfehlungen in Zimbabwe, Somalia, Darfur oder im Osten Kongos. Industrieländer ließen sich von rasch sich ändernden Themen und Lösungsansätzen leiten - gestern ländliche Entwicklung, berufliche Bildung oder Frauenprojekte, heute Aids-Bekämpfung und Dezentralisierung, morgen Klimaschutz und Sozialstandards im internationalen Handel. Die G-8-Gipfel von Gleneagles und Heiligendamm haben, schreibt sie, Afrikas Staaten von Partnern zurück zum Status von Hilfsempfängern katapultiert. Hilfe aber müsse Not- und Katastrophenfällen vorbehalten bleiben. Die politischen, auch offiziösen Beiträge im Köhler-Band werden gelockert und bereichert durch Essays und Gedichte von Künstlern, die ein anderes Bild zeigen, vor allem des modernen und städtischen Afrikas. Der nigerianische Musiker Adé Bantu, ein Pionier des deutschen Hip Hop, gibt einen wunderbaren Einblick in die afrikanische Cyberkaffee-Mentalität - ein Beispiel, wie man mit Kunst Verständnis für eine fremde und doch nahe Gesellschaft vermitteln kann. Der teils im schwedischen Schnee, teils im moçambiquanischen Sand lebende Schriftsteller Henning Mankell glaubt, Europäer hätten die Fähigkeit zum Zuhören verloren, seien ein ständig redendes Volk mit verschlossenen Ohren.

          Auf die "Partnerschaft für Afrika", die im Mittelpunkt des anregenden Köhler-Buches steht, weist auch Heinz Gustafsson in seiner umfangreichen Darstellung "Südafrika und Deutschland" hin. Er möchte das Geschichtsbild Südafrikas in "helleres Licht tauchen". Ihm geht es um Deutsche, die Südafrika als Missionare, Soldatensiedler, Randlords (Bergbaumagnaten), Forscher oder Glücksritter prägten und deren Umfeld. Mit seinem reichbebilderten und mit Zeitzeugen-Dokumenten ergänzten Band ist er eher Chronist denn Analytiker. So stieß der Kaufmann, der als Pensionär seine Liebe zu Südafrika auslebt, in Archiven auf einen Reisebericht des Mecklenburgers Albrecht von Mandelslo aus dem Jahr 1639 über das Kap und auf Schriftstücke über die Versuche, Teile von Zululand 1884 zum deutschen Protektorat zu machen.

          Gegensätzlicher wiederum könnte der Blick auf Südafrika nicht sein, den der Sammelband "Südafrika. Die Grenzen der Befreiung" bietet. Er kritisiert aus linksautonomer Sicht den ANC und beschreibt, wie die neue Regierung seit 1994 Erwartungen nicht erfüllt habe. Ob bei der Grundversorgung mit Trinkwasser und Strom, bei Frauenrechten, der Landreform oder dem Kampf gegen HIV/Aids: Überall weisen Autoren auf Versäumnisse. Nach dem Machtwechsel blieb Südafrika in der Spitze der Länder mit ungleicher Einkommensverteilung, was die Autoren der Fortführung einer neoliberalen Politik zuschreiben. So bereichernd ein anderer Blick sein kann: Es ist doch ein Beleg von Lebensferne oder Ideologie, wenn in zwei Beiträgen zur wachsenden Fremdenfeindlichkeit in den Townships die wichtigste Ursache nicht genannt wird: die Flüchtlingswelle von um die drei Millionen Zimbabwer, die aus ihrer Heimat flohen, um dem Diktator Robert Mugabe, einst ein Held der Linken, zu entkommen. Ob Heinz Gustafsson oder Jens Erik Ambacher und Romin Khan - jeder bietet einen verengten Blick auf ein Land, das, wie Breyten Breytenbach meinte, ein vergiftetes Paradies ist.

          ROBERT VON LUCIUS.

          Horst Köhler (Herausgeber): Schicksal Afrika. Denkanstöße und Erfahrungsberichte. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2010. 384 S., 12,- [Euro].

          Heinz Gustafsson: Südafrika und Deutschland. Auf der Suche nach gemeinsamen Spuren. Isensee Verlag, Oldenburg 2010. 700 S., 78,- [Euro].

          Jens Erik Ambacher/Romin Khan (Herausgeber): Südafrika. Die Grenzen der Befreiung. Assoziation A, Hamburg 2010. 264 S., 16,- [Euro].

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