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: Verlorene Ehre, gewonnener Makel

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Gerd Hankel: Die Leipziger Prozesse. Deutsche Kriegsverbrechen und ihre strafrechtliche Verfolgung nach dem Ersten Weltkrieg. Hamburger Edition, Hamburg 2003. 550 Seiten, 30,- [Euro].Nach dem Zweiten Weltkrieg saßen die Sieger über die Besiegten zu Gericht. Die Nürnberger Prozesse haben sich tief in die kollektive Erinnerung nicht nur der Deutschen, sondern vieler Völker eingegraben.

          Gerd Hankel: Die Leipziger Prozesse. Deutsche Kriegsverbrechen und ihre strafrechtliche Verfolgung nach dem Ersten Weltkrieg. Hamburger Edition, Hamburg 2003. 550 Seiten, 30,- [Euro].

          Nach dem Zweiten Weltkrieg saßen die Sieger über die Besiegten zu Gericht. Die Nürnberger Prozesse haben sich tief in die kollektive Erinnerung nicht nur der Deutschen, sondern vieler Völker eingegraben. Demgegenüber ist heute nahezu vergessen, daß schon die Siegermächte des Ersten Weltkriegs bestrebt waren, sowohl den führenden politischen Exponenten des besiegten Deutschland als auch Offizieren und Soldaten, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt wurden, den Prozeß zu machen. Die Grundlage für eine strafrechtliche Verfolgung durch die Sieger wurde durch die Aufnahme entsprechender Artikel in den Friedensvertrag geschaffen - ein völkerrechtliches Novum. Artikel 227 verfügte die Einsetzung eines besonderen Gerichtshofs (fünf Richter aus dem Kreis der Siegermächte), vor dem sich Exkaiser Wilhelm II. wegen "schwerster Verletzung des internationalen Sittengesetzes und der Heiligkeit der Verträge" verantworten sollte. In Artikel 228 mußte Deutschland den Siegermächten zugestehen, die "wegen eines Verstoßes gegen die Gesetze und Gebräuche des Krieges angeklagten Personen" vor Militärgerichte zu ziehen; sie waren zu diesem Zweck auszuliefern.

          Fast wäre an diesen "Ehrenpunkten" die Annahme des Friedensvertrags gescheitert, und gleich nach dessen Unterzeichnung begann ein zähes Ringen um die Durchführung der Strafbestimmungen. Das Ziel der deutschen Seite war, es nicht zur Auslieferung deutscher Staatsbürger kommen zu lassen. Als Anfang Februar 1920 die alliierte Liste der Auszuliefernden bekannt wurde - 890 Namen, darunter Reichskanzler Bethmann Hollweg, die Generalfeldmarschälle Hindenburg und Mackensen, zahlreiche Generäle -, erhob sich in Deutschland ein Sturm der Entrüstung. Auf Tausenden von Kundgebungen manifestierte sich eine klassen- und parteiübergreifende Geschlossenheit gegen das alliierte Vorhaben. Da zudem aus Reichswehr- und Beamtenkreisen verlautete, man werde sich zur Mitwirkung bei der Auslieferung nicht bereit finden, konnte die Reichsregierung erklären, sie sehe sich außerstande, dem Auslieferungsbegehren nachzukommen.

          Schließlich lenkten die Siegermächte ein und akzeptierten den deutschen Vorschlag, Verfahren gegen die Beschuldigten in Deutschland selbst durchzuführen - allerdings mit dem Vorbehalt, auf den friedensvertraglichen Rechten zu bestehen, falls eine gerechte Sühnung der Verbrechen nicht stattfinde. Anfang Mai 1920 wurde der Reichsregierung eine sehr viel kürzere Liste von Beschuldigten überreicht; auf dieser sogenannten "Probeliste" standen nur noch 45 Namen. Gegen die Genannten und zahlreiche weitere Beschuldigte fanden in den Jahren 1921 bis 1927 Verfahren vor dem Reichsgericht in Leipzig statt, die "Leipziger Prozesse". Sie sind Gegenstand der minutiösen Untersuchung von Gerd Hankel, der als promovierter Jurist auch die völkerrechtlichen Gesichtspunkte und Aspekte intensiv berücksichtigt. Gestützt auf erst seit kurzem benutzbare Quellenbestände, gibt Hankel in erschöpfender Weise Antworten auf die Fragen nach den rechtlichen Voraussetzungen für die Durchführung der Verfahren, nach der Art der Ermittlungen, nach der Auslegung des damaligen Kriegsvölkerrechts und nach der Reaktion deutscher sowie alliierter politischer Stellen auf die Verfahren.

          Die Tatvorwürfe gegen die in der "Probeliste" aufgeführten 45 Personen - die "großen" Namen waren auf dieser Liste nicht mehr zu finden - betrafen die Begehung von "Greueltaten" (Tötung von Zivilisten beim Einmarsch in Belgien, Erschießung von gefangengenommenen oder verwundeten Soldaten), die Mißhandlung von Kriegsgefangenen, die Durchführung von Zwangsdeportationen sowie Verbrechen im Seekrieg, hier vor allem die Torpedierung von Lazarettschiffen.

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