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: Überregionale Resonanz

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Als sich die Gastarbeiter in den 1970er Jahren in Deutschland niederließen, entstanden "Hinterhofmoscheen". Solange sie unsichtbar blieben, zogen sie selten öffentliches Interesse auf sich. Je mehr allerdings gut sichtbare "Zentralmoscheen" realisiert wurden, kam es zu öffentlichen Debatten. Der geplante ...

          Als sich die Gastarbeiter in den 1970er Jahren in Deutschland niederließen, entstanden "Hinterhofmoscheen". Solange sie unsichtbar blieben, zogen sie selten öffentliches Interesse auf sich. Je mehr allerdings gut sichtbare "Zentralmoscheen" realisiert wurden, kam es zu öffentlichen Debatten. Der geplante Bau einer Moschee in Köln-Ehrenfeld hatte durch die Wortmeldung von Ralph Giordano und Günter Wallraff überregionale Resonanz gefunden. In dem lesenswerten Sammelband über den "Moschee-Streit" sind jetzt 27 Beiträge unterschiedlichster Akteure dieser öffentlichen Debatte zusammengestellt worden.

          Giordano gab in einem Streitgespräch mit einem Vertreter des Bauherrn plakative Pauschalurteile ab, die er im Sammelband nun wiederholt: "Die Integration" sei gescheitert, die geplante Moschee sei ein "Zentrum integrationsfeindlicher Identitätsbewahrung, das Symbol eines Angriffs auf unsere demokratische Lebensform, ein Anspruch auf Macht und Einfluss". Sicher kann von generellem Scheitern der Integration von Zuwanderern in Deutschland gerechtfertigterweise nicht gesprochen werden (Krawalle ethnisch-sozialer Gruppen gab es in den Niederlanden, in Frankreich und in Großbritannien, aber nicht in der Bundesrepublik). Auch überzieht Giordano, wenn er sich das Verdienst zurechnet, ausgesprochen zu haben, "was vielen Deutschen auf der Seele liegt", was "regierungsamtlich sträflich verdrängt, hartnäckig geleugnet und immer wieder geschönt worden ist: die Furcht vor der schleichenden Islamisierung unseres Landes". Diese Themen sind spätestens seit der Ermordung Theo van Goghs, den Ereignissen um die Rütli-Schule in Berlin und den Krawallen in der französischen Banlieue immer wieder kontrovers diskutiert worden. Dazu bedurfte es des Beitrags Giordanos nicht.

          Ähnliches gilt für seine Forderung, die friedlich gesinnte Mehrheit der Muslime müsse ihre Friedfertigkeit öffentlich bekunden, "und zwar so oft die Lage es erfordert". Es habe zwar Proteste gegen Gewalt im Namen des Islam schon gegeben, "keineswegs aber schon in der Lautstärke, die die Voraussetzung für ihre Glaubwürdigkeit wäre". Wer allerdings - wenn nicht Giordano selbst - legt fest, wann und wie oft "die Lage es erfordert", sich öffentlich von Gewalttätern zu distanzieren? Reicht ein Selbstmordattentat in Bagdad schon aus oder muss noch eines in Sri Lanka hinzukommen? Wer legt Lautstärke und Mobilisierungsgrad fest, die "Glaubwürdigkeit" vermitteln?

          Plädiert der Kabarettist Jürgen Becker dafür, "sich an der Unterschiedlichkeit zu erfreuen", setzt sich die Architektin und Stadtplanerin Sabine Kraft kritisch mit dem architektonischen Konzept der Moschee auseinander: Der Entwurf verharre in einer Symbolsprache, die als "imperiale Geste" verstanden werde, weshalb man sich "über die Bedenken einer Mehrheitsgesellschaft hinsichtlich islamischer Herrschaftsarchitektur nicht wundern" müsse.

          Von Befürwortern und Kritikern erörtert wird auch die Rolle des Bauherrn, des Dachverbandes "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion" (Ditib). Er ist ein Organ der türkischen Regierung. Der Vorstand der Ditib wird von türkischem Botschaftspersonal angeführt. Der Verwaltungsjurist Paul Stelkens hebt hervor, dass hier juristisches Neuland betreten werde. Neu sei, dass das "Grundrecht auf Religionsfreiheit, in seinem Kern als Schutz des Einzelnen gegen den Staat gedacht, von einem ausländischen Staat durch einen Verein, der der Aufsicht dieses Staates unterliegt und der mit von diesem ausländischen Staat entsandten Beamten ausgestattet wird, geltend gemacht wird". Auch die Rolle des türkischen Staates wird unterschiedlich bewertet: Der Schauspieler Fatih Cevikkollu sieht die Ditib als Repräsentantin einer laizistischen Türkei, die Staat und Religion nicht miteinander vermische. Bekir Alboga, "Dialogbeauftragter" der Ditib, dementiert dies allerdings, wenn er den Präsidenten der staatlichen türkischen Religionsbehörde wiedergibt, wonach "die Türkei eine Neuauslegung des Verständnisses des Islam gemäß Aufklärung und Demokratie vorgenommen" habe.

          Den umfang- und inhaltsreichsten Beitrag liefert der Staatsrechtler Wolfgang Böckenförde. Der säkulare Staat als "religionsneutraler Staat" müsse hinsichtlich der verschiedenen Bekenntnisse "farbenblind" sein. Jede staatliche Ordnung, ihre Institutionen und die Rechtsordnung haben bestimmte kulturelle und religiöse Wurzeln, die sie prägen - "auch dann (noch), wenn der Staat ein säkularer, den Religionen und Weltanschauungen gegenüber neutraler Staat ist. Er muss sie um der Gleichberechtigung der Religionen willen nicht verleugnen und kann seinen davon geprägten ,ordre public' aufrechterhalten." Dazu gehöre auch eine unteilbare Religionsfreiheit. Sie schließe allerdings nicht ein, mit demokratischen Mitteln die Demokratie selbst abzuschaffen. Böckenförde hält es nicht für grundsätzlich ausgeschlossen, dass auch Islam und säkularer Staat, Islam und Religionsfreiheit prinzipiell vereinbar sein können. Die Frage sei, "ob im Islam eine parallele Entwicklung, eine Art Nachvollzug der Entwicklung, wie sie namentlich in der katholischen Kirche stattgefunden hat, ohne Selbstaufgabe möglich erscheint".

          STEFAN LUFT.

          Franz Sommerfeld (Herausgeber): Der Moschee-Streit. Eine exemplarische Debatte über Einwanderung und Integration. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 239 S., 8,95 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.04.2008, Nr. 77 / Seite 8

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