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: Stasi-Spione im AA

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Heribert Schwan/Helgard Heindrichs: Das Spinnennetz. Stasi-Agenten im Westen. Die geheimem Akten der Rosenholz-Dateien. Knaur Taschenbuch Verlag, München 2005. 350 Seiten, 12,95 [Euro].Genau besehen, hält das Buch nicht, was Titel und Untertitel suggerieren. Recherche und Darstellung beschränken ...

          Heribert Schwan/Helgard Heindrichs: Das Spinnennetz. Stasi-Agenten im Westen. Die geheimem Akten der Rosenholz-Dateien. Knaur Taschenbuch Verlag, München 2005. 350 Seiten, 12,95 [Euro].

          Genau besehen, hält das Buch nicht, was Titel und Untertitel suggerieren. Recherche und Darstellung beschränken sich auf das Agentennetz, mit dem die für Spionage zuständige Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) der DDR-Staatssicherheit das Auswärtige Amt (AA) der Bonner Republik bis 1989 überzogen hatte. In Rede stehen ein Dutzend IMs der HVA, rund dreißig Führungsoffiziere und gut ein Dutzend Instrukteure und Kuriere, die die West-Agenten im AA "betreut" haben. Zu dieser speziellen Thematik haben die Autoren, der Fernsehjournalist Heribert Schwan und die Diplompsychologin Helgard Heindrichs, allerdings ein faktenreiches, anschauliches und gut lesbares Buch vorgelegt - eine Fallstudie, in der sich Realität und Arbeitsweise eines hypertrophen Geheimdienstes widerspiegeln.

          Die Autoren bieten keine spektakulären Enthüllungen. Die meisten Namen, die sie nennen, finden sich schon bei Helmut Müller-Enbergs. Die prominenten Fälle Hagen Blau (IM "Merten"), Ludwig Pauli (IM "Adler") und Klaus von Raussendorff (IM "Brede") aus dem AA allemal.

          Also Schnee von gestern? Das mitnichten. Die beiden Autoren - das bestimmt den Wert ihrer Arbeit - zeichnen Aufstieg und Ende der Diplomaten-IM von der Werbung bis zur Enttarnung und Verurteilung detailliert nach, sie ergründen ihre Motive und bieten Einblicke in den zumeist banalen Alltag der Spionage, sie schildern die Ausbildung im Agentenfunk und in der Mikrofotografie sowie ihren konspirativen Einsatz. In einer Mischung aus Sachbuch und Reportage machen sie anschaulich, wie aufwendig, planmäßig, systematisch und auf lange Sicht kalkuliert die HVA vorging, wie zielorientiert und psychologisch einfühlsam sie Agenten "mit Perspektive entwickelt" hat, bis sie als Nachrichtenquellen sprudelten, wie mit ausgeklügelter Raffinesse Einsatzpläne entworfen und "Treffs" im In- und Ausland realisiert wurden. Konspirative Absicherung war ganz großgeschrieben. Ebendarin lag das Erfolgsgeheimnis der Stasi-Spionage. Ihre Agenten blieben zum Teil jahrzehntelang unentdeckt.

          Das illustrieren die Autoren nicht zuletzt an dem von ihnen besonders herausgehobenen Fall Lilli Pöttrich. Mit 22 Jahren, als Jura-Studentin, war die in Wiesbaden geborene, in Düsseldorf aufgewachsene Tochter aus kleinbürgerlichem Milieu 1975 als Agentin auf "ideologischer Basis" verpflichtet worden. Fünfzehn Jahre lang begleitete und beeinflusste die HVA die Karriere von IM "Angelika", die sich, eine begabte Juristin, nach ihren beiden Staatsexamina mit Erfolg im diplomatischen Dienst beworben hatte. Sie übernahm bald Aufgaben in bundesdeutschen Auslandsvertretungen. Zuletzt wurde der Legationsrätin die Leitung des Generalkonsulats in Rumänien übertragen - in Sibiu, dem früheren Hermannstadt. Unmittelbar vor Amtsantritt wurde sie mit Hilfe der "Rosenholz"-Dateien enttarnt und am 1. Dezember 1993 festgenommen. Trotz aller Ängste und Verunsicherung hatte sie sich aus eigener Kraft nie aus ihrer fatalen Verratstätigkeit zu lösen vermocht. Am 28. April 1995 wurde sie vom Oberlandesgericht Düsseldorf wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit im schweren Fall zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Auf Bewährung. Das Gefängnis blieb ihr erspart.

          Die Autoren haben in mehrjähriger Recherche für ihr Buch (und zugleich für eine Fernsehdokumentation) das "System zur Informationsrecherche der Aufklärung" (SIRA) auswerten können, worin die von den Agenten gelieferten Berichte registriert waren, ebenso die "Rosenholz"-Materialien mit der elektronischen Speicherung der HVA-Dateien F 16 (Personenkartei) und F 22 (Vorgangskartei). Ihr Report ist daher gut fundiert und macht den Verrat konkret. Natürlich zogen sie auch Dienstanweisungen und Richtlinien des MfS heran, Anklagen und Gerichtsurteile. Auf Zeitzeugen konnten sie sich weniger stützen. Lilli Pöttrich, die zu ausführlichen Interviews bereit war, ist eine seltene Ausnahme. Sie hat aus ihrem Irrweg Lehren gezogen. Alle anderen IMs aus dem AA hüllen sich in verstocktes Schweigen, bis heute. "Der Haß auf die Bundesrepublik ist ungebrochen". Nicht anders die ehemaligen HVA-Offiziere. Nur zwei waren anonym für Auskünfte zu haben.

          Die meisten Agenten im AA, so Heribert Schwans und Helgard Heindrichs' Fazit, waren Verräter aus Überzeugung. Sie bildeten sich ein, "Kundschafter des Friedens!" zu sein. Freilich sind auch Gelder geflossen, erkleckliche Summen sogar. Eine geheime Mitgliedschaft in der SED, Kampforden und Verdienstmedaillen, eine Beförderung zum Offizier im besonderen Einsatz (OibE) - das alles waren zudem Mittel, die IM's zu binden, wie die Autoren darlegen. Leider haben sie auf präzise Quellenangaben und ein Personenregister verzichtet, ihre Literaturangaben sind dürftig. Schönheitsfehler eines aufschlußreichen Buches, die vermeidbar gewesen wären.

          KARL WILHELM FRICKE

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