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: Stalins Griff nach Deutschland

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Erinnern wir uns an die Szene am offenen Grab der Sowjetunion: Da standen die Trauerredner, die sie in schuldbewusstem Gedenken an Hitlers Überfall und nun in freudiger Dankbarkeit für die Wiedervereinigung mit milder Nachsicht der Geschichte überantworteten. Ihnen gegenüber wünschten diejenigen ...

          Erinnern wir uns an die Szene am offenen Grab der Sowjetunion: Da standen die Trauerredner, die sie in schuldbewusstem Gedenken an Hitlers Überfall und nun in freudiger Dankbarkeit für die Wiedervereinigung mit milder Nachsicht der Geschichte überantworteten. Ihnen gegenüber wünschten diejenigen der Sowjetunion die historische Verdammnis, die an deren Expansionsdrang erinnerten und den Russlandfeldzug zum Präventivkrieg der Wehrmacht stilisierten. Während in einer politisch-ideologisch aufgeheizten Atmosphäre den Tauben unter den Ostexperten die erkennbar offensive Militärdoktrin der Roten Armee als Vorwärtsverteidigung galt, sahen die Falken in der mit militärischer Gewalt in Südost- und Ostmitteleuropa bis an die Elbe zeitweilig etablierten Sowjetmacht den Beweis für deren Aggressionsdrang. Nach intensiven Studien in Moskauer Archiven könnte es Bogdan Musial gelingen, die entzweiten Kreml-Astrologen zu einem gemeinsamen Nekrolog auf die Sowjetunion zu bewegen. Dass der kommunistischen Revolutionstheorie ein weltrevolutionärer Impetus innewohnt, lässt sich einschlägigen Äußerungen von Marx bis Stalin entnehmen. Dass und wie dieser sich als konstitutives Element expansionistischer bolschewistischer Militärstrategie und Außenpolitik manifestierte, lässt sich nun gleichfalls nachlesen.

          Programmatischer Anspruch der Moskauer Führung und die realen Möglichkeiten klafften im bolschewistischen Russland allerdings weit auseinander. Zunächst einmal musste das Land im Inneren befriedet werden, da bis zum Spätsommer 1922 noch in zahlreichen Landesteilen und autonomen Republiken der Kriegszustand herrschte. Vor allem weite Kreise des Kulakentums (private Bauern) und nationalistische Kräfte probten über Jahre den Aufstand. Das brachte die Sowjetwirtschaft an den Rand des Ruins. Während Lenin zwecks Systemstabilisierung zeitweilig noch privatwirtschaftliche Konzessionen machte, zeigt Musial nun die ganze Brutalität der Herrschaft seines Nachfolgers Stalin, der agrarwirtschaftliche Rückschläge bis zur Hungerkatastrophe als Auswirkungen der Zwangskollektivierung in Kauf nahm, um den Rüstungskurs beizubehalten. Der katastrophale Zustand und der technologische Rückstand der Industrie setzten dem Ausbau der Roten Armee enge Grenzen. Auch schon deshalb basierten alle weltrevolutionären Rüstungsplanungen auf der Verfügbarkeit der Arbeits- und Produktivkräfte des sich nachkriegsbedingt in einem politischen und ökonomischen Schwächezustand befindlichen Deutschen Reiches. Der Schlüssel zur Weltrevolution lag in Deutschland, aber dorthin versperrte ein antirussisches und reaktionäres Polen den Weg. Diesen mit militärischen Mitteln freizumachen scheiterte 1920 an der geschickten Taktik des polnischen Generals Pilsudski.

          Da der erste militärische Zugriff auf Deutschland im Verlauf des Polenkrieges misslang, wurde er auf diplomatischem Wege über den Vertrag von Rapallo von 1922 mit der nachfolgenden geheimen deutsch-russischen militärischen Zusammenarbeit versucht. Die Rote Armee führte die deutsche Taktiklehre ein, auf dem Flugsektor und im Panzerwesen fand eine erfolgreiche Kooperation statt, und der Giftgasspezialist Stoltzenberg errichtete in Russland Produktionsstätten. Leider geht Musial auf diesen thematischen Komplex nicht ein. Dabei wäre doch von Interesse zu wissen, welchen technologischen Schub die sowjetische Aufrüstung erfuhr und welchen Nutzen die Rote Armee auf dem Sektor des militärischen Führungswesens aus diesem Zusammengehen mit der Reichswehr zog.

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