http://www.faz.net/-gqz-45l6

: Schöne Verschwörung!

  • Aktualisiert am

Nafeez M. Ahmed: Geheimsache 09/11. Hintergründe über den 11. September und die Logik amerikanischer Machtpolitik. Aus dem Amerikanischen von Michael Bayer und Werner Roller. Riemann Verlag, München 2003. 479 Seiten, 24,- [Euro].Hans von Sponeck/Andreas Zumach: Irak - Chronik eines gewollten Krieges.

          Nafeez M. Ahmed: Geheimsache 09/11. Hintergründe über den 11. September und die Logik amerikanischer Machtpolitik. Aus dem Amerikanischen von Michael Bayer und Werner Roller. Riemann Verlag, München 2003. 479 Seiten, 24,- [Euro].

          Hans von Sponeck/Andreas Zumach: Irak - Chronik eines gewollten Krieges. Wie die Weltöffentlichkeit manipuliert und das Völkerrecht gebrochen wird. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003. 158 Seiten, 7,90 [Euro].

          Binnen weniger Stunden nach den Terrorangriffen vom 9. September 2001 hatten sich bereits die ersten Verschwörungstheorien über die "wahren" Verantwortlichen und Drahtzieher hinter den Terroristen über das Internet verbreitet. Seither ist der Strom von Entlarvungsgeschichten nicht abgerissen. Verschwörungstheorien sind aber gar keine Theorien, sondern Hirngespinste. Oft bleiben sie harmlos, weil sie zu durchsichtig sind. Nur wer ein zwanghaftes Faible für Abseitigkeiten hat, kann sich daran erbauen. Aber es gibt auch Aufdeckungs-Reports, die lassen sich nicht so einfach zu den Akten legen - nicht weil sie weniger versponnen wären oder weil ihre Verkünder mehr politische Urteilskraft besäßen, vielmehr wegen der Griffigkeit ihrer Argumente. Dadurch werden sie für schlichte Gemüter auf jedem Niveau und in jedem Milieu attraktiv, seltsamerweise gerade auch dem akademischen. Und wenn dann noch die Argumentationsrichtung solcher Entlarvungsmoritaten mitten in einen zentralen politischen Diskurs hineinzielt, dann drohen sie sogar Teil der herrschenden Meinung zu werden und diese sozusagen von innen heraus zu kontaminieren.

          Das kann man dieser Tage besonders gut, wenn auch nicht ohne große Besorgnis studieren. Denn ähnlich wie nach der Ermordung von Präsident Kennedy gibt es nach den Terroranschlägen in New York und Washington eine blühende Industrie von Verschwörungstheorien. Sie laufen ähnlich wie damals zumeist darauf hinaus, das amerikanische Establishment habe das Verbrechen, wenn nicht selbst inszeniert, so doch zumindest billigend in Kauf genommen. Genau diese These liegt auch dem Buch von Nafeez M. Ahmed zugrunde. Er kann dabei für sich beanspruchen, eine Art Synthese aller relevanten verschwörungstheoretischen Konstrukte auf dem ganz linken sowie auf dem ziemlich weit rechten Rand des politischen Spektrums in den Vereinigten Staaten zu liefern.

          Wenn - was allerdings nichts als ein verbreitetes Vorurteil in den Geisteswissenschaften ist - Fußnotenreichtum ein Ausweis von Wissenschaftlichkeit wäre, dann hätte Ahmed eine wissenschaftliche Studie vorgelegt. Fünfunddreißig eng bedruckte Seiten mit Anmerkungen und Quellenverweisen zeigen aber nur, daß eine beträchtliche Zahl von frustrierten Detektiven, Monokausalisten und Abseits-Gurus unermüdlich damit beschäftigt waren und sind, eine Riesenmenge von Artikeln, Büchern und Diskussionspapieren zu verfassen und in ihren Netzwerken zu verteilen. Aus diesem Arsenal bedient sich Ahmed freigebig.

          Was sind die überraschenden "Befunde" der häufig als "Dokumentation" bezeichneten Schrift? Die Vereinigten Staaten tragen die Hauptverantwortung für den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979. In den Folgejahren haben sie dann in Afghanistan die islamistischen Monster gepäppelt und mit Waffen versorgt. Als die Taliban an die Macht kamen, blieben die amerikanisch-afghanischen Beziehungen herzlich, und auch Usama Bin Ladin galt als ein Freund. Außerdem haben sich die saudiarabische Regierung und die Familie Bin Ladin nie wirklich von Usama distanziert. Zur Familie Bin Ladin unterhält die Familie Bush enge Geschäftsbeziehungen. In der Hauptsache geht es bei alldem um Öl, um Pipelines und um Geldanlagen. Über die Vorbereitung mehrerer antiamerikanischer Terroranschläge, einschließlich dem vom 11. September 2001, haben die Geheimdienste in den Vereinigten Staaten präzise Informationen gesammelt. Aber sie durften sie nicht weitergeben. Es gibt sogar Hinweise, wonach die amerikanischen Streitkräfte an der Flugausbildung einiger Todespiloten beteiligt waren. Außerdem hat vor dem 11. September an den Börsen ein reger Insiderhandel stattgefunden, bei dem auf Baisse spekuliert wurde. Prominente, unter ihnen Salman Rushdie und der Bürgermeister von San Francisco, haben Warnungen erhalten, am 11. September kein Flugzeug zu benutzen. So die Behauptungen. Es fehle zwar noch ein "handfester Beweis", aber da offensichtlich sei, daß die Bush-Regierung, das Pentagon, die CIA, das FBI, die Rüstungsindustrie und die Ölkonzerne von dem Anschlag profitiert hätten, dränge sich der Schluß auf, sie hätten zu seiner Vorbereitung aktiv beigetragen.

          Ahmed fährt die Ergebnisse einer ganzen Heerschar von selbsternannten Investigateuren auf. Darunter befinden sich selbstverständlich auch die üblichen Verdächtigen, etwa Jean Ziegler, Arundhati Roy, John McMurtry, Michel Chossudovsky und Andreas von Bülow. Zum Schluß präsentiert er noch ein gemeinsam mit John Leonard verfaßtes Kapitel, in welchem die beiden "nachweisen", daß die amerikanische Politik seit der Boston Tea Party 1770 nach demselben Handlungsmuster verläuft - und dieses Muster heißt: Verschwörung. Das alles ist freilich von vorne bis hinten nichts als Unsinn. Aber wenn man sich so umhört in diesen Tagen, stellt man mit Erschrecken fest, auf wieviel Glaubensbereitwilligkeit solcher Unsinn stößt.

          Das Buch von Hans von Sponeck und Andreas Zumach unterscheidet sich beträchtlich von solchen Verschwörungstheorien. Es ist statt dessen ein von sehr starken politischen Gefühlen durchdrungenes Pamphlet gegen die Irak-Politik der Vereinigten Staaten und Großbritanniens, aber auch ganz allgemein gegen die Haltung des Sicherheitsrates in dieser Frage. Vor allem die gegen den Irak verhängten Sanktionen, für die Sponeck als deutscher UN-Diplomat verantwortlich war, bis er dann aus Protest zurücktrat, werden auf das schärfste verurteilt. Diese Sanktionspolitik habe die Lebensbedingungen der 23 Millionen Menschen im Irak, abzüglich einer kleinen Herrschaftsclique, drastisch verschlechtert, ohne ihre Ziele zu erreichen. Auch die mit dem UN-Programm "Öl für Nahrungsmittel" verbundenen Erwartungen hätten sich nicht erfüllt. Davon weiß Sponeck im Hauptteil des Büchleins, einem langen Interview, anschaulich zu berichten.

          Problematisch und ganz und gar ungerechtfertigt ist die Einseitigkeit, mit der hier die Verantwortung für das humanitäre Elend ausschließlich auf die Vereinigten Staaten und andere Staaten, übrigens auch auf Deutschland, verteilt wird. Als sich beispielsweise die Umsetzung des Programms "Öl für Nahrungsmittel" um vier Jahre verzögerte, lag das zuallererst an der Führung in Bagdad. Sponeck konzediert ihr "eine Mischung aus Stolz, Trotz und verzweifelter Hoffnung" - merkwürdige politische Kategorien für eine Diktatur, die zu "dämonisieren" die Autoren dem Westen vorwerfen. Das Buch ist ein Beispiel dafür, wie moralische Empörung, deren Berechtigung man nicht verkleinern sollte, zu arger politischer Einseitigkeit führt. Daraus kann man zwar auch lernen, aber nur, wenn man es gegen den Strich liest.

          WILFRIED VON BREDOW

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.), hier auf einer Veranstaltung in Idar-Oberstein, wollen Angela Merkel an der Parteispitze beerben.

          Zweite CDU-Regionalkonferenz : „Eine unbezahlbare Marketingshow“

          „Wir brauchen euch drei gemeinsam“, meint Julia Klöckner bei der zweiten Regionalkonferenz im Kampf um den CDU-Vorsitz. Doch die Kandidaten versuchen, sich von den Konkurrenten abzusetzen – zum Beispiel beim Migrationspakt. Mit Erfolg?

          Saudi-Arabien : Ein Kronprinz in der Defensive

          Meist geht die Welt nach der Tötung eines Regimekritikers schnell zur Tagesordnung über. Im Fall Khashoggi ist das anders – und das liegt vor allem an Muhammad Bin Salman. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.