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Rezension: Sachbuch : Zeilen voller Schmerz und Liebe

  • Aktualisiert am

Mit fünfzig Jahren Verspätung: Ricarda Huchs Gedenkbuch des Widerstands

          Ricarda Huch: In einem Gedenkbuch zu sammeln . . . Bilder deutscher Widerstandskämpfer. Herausgegeben und eingeleitet von Wolfgang Matthias Schwiedrzik. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 1997. 251 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 39,80 Mark.

          Ricarda Huch feierte am 18. Juli 1944 in Jena ihren 80. Geburtstag. Vom Büro des "Führers" erhielt sie ein Glückwunschtelegramm und von ihrer Heimatstadt Braunschweig den Wilhelm-Raabe-Preis. Das war der alten Dame peinlich. "Den Preis nicht in passender Form abzulehnen", empfand sie als "Flecken auf der Ehre, den ich nicht auslöschen kann". An ihrer Geburtstagsfeier nahmen nur engste Freunde und Familienangehörige teil. Unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtergreifung hatte die Dichterin und Historikerin ihren Rücktritt aus der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste erklärt, in die sie 1926 als erste Frau berufen worden war. "Was die jetzige Regierung als nationale Gesinnung vorschreibt, ist nicht mein Deutschtum. Die Zentralisierung, der Zwang, die brutalen Methoden, die Diffamierung Andersdenkender, das prahlerische Selbstlob halte ich für undeutsch und unheilvoll", schrieb sie in ihrer Austrittserklärung.

          Die Öffentlichkeit erfuhr darüber nichts. Das Regime wollte die Gegnerschaft der berühmten konservativen Schriftstellerin nicht publik werden lassen. In Jena, wo sie seit 1936 zurückgezogen lebte, versammelte sich um Ricarda Huch ein kleiner oppositioneller Kreis, Frauen und Männer, die in Anstand den Anmutungen trotzen wollten. Lose Kontakte bestanden mit dem Freiburger Kreis um Walter Eucken sowie mit Carl Goerdeler in Leipzig. Auch mit Elisabeth von Thadden, Ernst von Harnack und Helmut Gollwitzer tauschte sich Ricarda Huch aus.

          Als sie vom Scheitern des Attentats auf Adolf Hitler erfuhr und Näheres über Verhaftungen und Erschießungen durchsickerte, entschloß sie sich, ein Gedenkbuch für die Widerstandskämpfer zu verfassen. "An unsere Märtyrer" ist eines ihrer in diesen Tagen entstandenen Gedichte überschrieben, das 1944 unter den Hinterbliebenen der Hingerichteten von Hand zu Hand ging. "Ihr, die das Leben gabt für des Volkes Freiheit und Ehre. Nicht erhob sich das Volk, euch Freiheit und Leben zu retten", heißt es darin. "Wir vergessen euch nicht. Oft wird euer tragisches Opfer unser Gespräch sein, den Enkeln künftig ehrwürdige Sage."

          Es ist nicht eingetreten, was die Dichterin erhoffte. Die Enkel tun sich schwer mit der ehrwürdigen Sage, sofern sie ihnen überhaupt etwas sagt. Am Ort der Erinnerung jedenfalls, im Berliner Bendlerblock, haben sich wohlmeinende Gedenkpädagogen dergestalt ausgetobt, daß des 20. Juli 1944 inmitten einer Patchwork-Ausstellung gedacht wird, die das Besondere dieser Tat im Eintopf eines "integralen Widerstandsbegriffs" verkocht.

          Wolfgang Schwiedrzik hat Spuren eines ganz anderen Geschichtsverständnisses freigelegt. Aus Entwürfen und Fragmenten, die im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt sind, rekonstruierte er das Manuskript, das Ricarda Huch 1947 unvollendet hinterließ. Von Günther Weisenborn herausgegeben, erschien 1953 "Der lautlose Aufstand". Auf dem Einband der Erstausgabe stand zu lesen, das Buch sei "nach dem Material von Ricarda Huch" entstanden. Schwiedrzik weist nach, daß nur ein Bruchteil der Texte tatsächlich von Ricarda Huch stammte.

          Sie hatte Weisenborn im Oktober 1947 in Berlin getroffen und ihm am Rande des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses Aufzeichnungen zur "Roten Kapelle" übergeben. Den Hauptteil ihres Manuskriptes nahm sie jedoch mit, als sie in einem verplombten Eisenbahnwaggon der britischen Besatzungsmacht von Berlin aus in den Westen floh. Es war eine beschwerliche Reise bei naßkaltem Wetter, in deren Folge sie am 17. November 1947 im Alter von 83 Jahren einer Lungenentzündung erlag.

          Weisenborn, der selbst Mitglied der "Roten Kapelle" war, legte Rowohlt zunächst ein Konzept vor, das die Lektoren als stark linkslastig und überarbeitungsbedürftig einstuften. Es setze die "Rechtsgruppen des Widerstandes" in den Hintergrund, um "die Linksgruppen in den Vorgrund zu schieben", hieß es in dem entsprechenden Gutachten. Erst in zweiter Auflage erschien das Buch nach heftiger öffentlicher Kritik in einer objektiveren Fassung. Doch auch in dieser Form entsprach es nicht dem, was Ricarda Huch im Sinn hatte.

          Ihre authentischen Gedanken über den Widerstand gegen Hitler erreichen uns mit fünfzigjähriger Verspätung. Schwiedrzik hat den Band mit einer biographischen und editorischen Einleitung versehen und ihm Teile der Korrespondenz zwischen nächsten Angehörigen der Widerstandskämpfer und der Dichterin beigegeben. Den Kern des Buches bilden Porträts der Geschwister Scholl und anderer Gruppenmitglieder der "Weißen Rose" sowie Würdigungen von Verschwörern des 20. Juli. Ricarda Huch hat noch auf dem Krankenlager an ihrem Gedenkbuch für die "Märtyrer der Freiheit" gearbeitet, damit "das deutsche Volk einen Schatz besitze, der es mitten im Elend noch reich macht". Dieses Vermächtnis, Zeilen voller Schmerz und Liebe, lassen ahnen, was für sie und ihre Kreise Freiheit und Ehre bedeutet haben.

          JOCHEN STAADT

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