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Rezension: Sachbuch : Wie starb Robert Bialek?

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Die Biographie eines Genossen, der seinen Genossen zum Opfer fiel

          Michael Herms, Gert Noack: Aufstieg und Fall des Robert Bialek. ROTE REIHE. edition ost, Berlin 1998. 336 Seiten, 24,80 Mark.

          Als der Hauptmieter einer Wohnung in der Jenaer Straße 21 im Stadtteil Wilmersdorf, damals amerikanischer Sektor von Berlin, am Abend des 4. Februar 1956 gegen 21.30 Uhr die Toilette aufsuchte, fand er dort einen Mann am Boden liegend, bewußtlos und anscheinend volltrunken. Ahnungslos verständigte er seinen vier Tage zuvor eingezogenen Untermieter Paul Drzewiecki. Der hatte mit dem ohnmächtigen Gast zuvor seinen Einzug gefeiert, zusammen mit Herbert Hellwig, einem weiteren Bekannten, und einer etwa 30 Jahre alten blonden Frau. Sie ging daraufhin, scheinbar hilfsbereit, aus dem Haus, um "ein Taxi" zu rufen. Kurze Zeit später kam sie mit einem Fahrer zurück, der das durch ein Narkotikum betäubte Opfer gemeinsam mit Hellwig in ein Auto schleppte. Zusammen fuhren sie davon. Auch Drzewiecki verschwand zehn Minuten danach spurlos.

          Die Entführung des früheren FDJ- und SED-Funktionärs Robert Bialek in ein Ost-Berliner Gefängnis war Ereignis geworden. Gelungen war ein in monatelanger konspirativer Arbeit vorbereiteter Coup der Hauptabteilung V des MfS. Sowohl Drzewiecki (Deckname "Albert") als auch Hellwig (Deckname "Vogelsdorf") hatten als geheime Mitarbeiter der DDR-Geheimpolizei gehandelt - ebenso natürlich die bis heute unbekannte Frau und der Fahrer des Tatfahrzeugs.

          Zu den Vorzügen der vorliegenden Biographie zählt, daß die Autoren - beide "gelernte Historiker" aus DDR-Zeiten, die heute Mitarbeiter am Institut für Jugendforschung in Berlin sind - Planung und Durchführung des Verbrechens sorgfältig recherchiert und anhand von Akten und Zeugenaussagen akribisch aufgearbeitet haben. Auch Motiv und Hintergründe werden aufgehellt: Bialeks oppositionelle Kommentare und Analysen zur SED im deutschsprachigen Programm von BBC London, vom MfS als "trotzkistische Zersetzungsarbeit" apostrophiert, sowie seine Zusammenarbeit mit dem Ostbüro der SPD hatten den "Verräter" zur Zielperson einer "operativen Kombination" werden lassen.

          Bialeks Tragödie wird erst im Kontrast mit seiner Vita voll begreiflich. Geboren 1915 als Sohn einer kinderreichen Arbeiterfamilie in Breslau, aufgewachsen in einem bedrückenden sozialen Milieu, nahm der junge Robert, ein impulsiver Hitzkopf, nach der Realschule eine kaufmännische Lehre auf, die er allerdings nie beendete. Die politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit zogen ihn in ihren Bann. Schon mit dreizehn Jahren wurde er Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend. Im Vorfeld der nationalsozialistischen Machtergreifung wirkte Bialek, der inzwischen der Sozialistischen Arbeiterpartei und ihrem Jugendverband beigetreten war, eng mit der Kommunistischen Partei-Opposition und ihren Jugendgruppen zusammen.

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