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Rezension: Sachbuch : Wer waren Stalins Vollstrecker?

  • Aktualisiert am

Ein russisches Handbuch über den NKWD legt den Grund für eine Täterforschung des Stalinismus

          N. K. Petrow, K. W. Skorkin: Kto rukowodil NKWD 1934-1941. Sprawotschnik. (Wer leitete den NKWD 1934-1941. Ein Handbuch.) Redaktion: N. G. Ochotin, A. B. Roginskij. Verlag Swenja, Moskau 1999, 502 Seiten.

          Sie waren die Vollstrecker eines staatlich verordneten Massenmordes. In den Jahren 1937 und 1938 wurden unter ihrer Führung in der Sowjetunion mehr als eine Million Menschen umgebracht. Nach Plänen und Quoten ließen sie Hunderttausende verhaften - als Konterrevolutionäre, Trotzkisten, Volksfeinde und Spione. In Wirklichkeit waren ihre Opfer Bauern und Arbeiter, Kommunisten und Priester, Lehrer und Generäle, Briefmarkensammler und Esperantisten, Russen, Polen, Juden, Deutsche und einfach Leute, die die "falschen" Verwandten hatten. Sie erpressten Geständnisse und Denunziationen - durch Versprechungen und Drohungen, mit Schlägen und Folter. Sie verurteilten hunderttausendfach, und ihr Urteilsspruch führte direkt in die Erschießungskeller oder in die Konzentrationslager des GULag. Der Name ihrer Organisation verbreitete Schrecken: NKWD. Doch die Geschichte von Stalins Gestapo ist noch nicht geschrieben.

          Sie konnte nicht geschrieben werden, weil die Namen der Henker verschwiegen wurden. Man wusste nicht, aus welchen Verhältnissen sie stammten, wie sie rekrutiert und ausgebildet wurden, welche Karrieren sie durchliefen.

          Biographische Daten waren nur in Bruchstücken vorhanden, oft fehlten sie vollständig. Ihre Verbreitung war ebenso unerwünscht wie eine historische und juristische Aufarbeitung des Terrors. Eine Täterforschung zum Stalinismus war nicht möglich. Nun haben die russischen Historiker Nikita Petrow und Konstantin Skorkin ein Handbuch vorgelegt, das biographische Daten zu 565 führenden NKWD-Funktionären in der Zeit vom Juli 1934 bis zum Februar 1941 enthält. Die Autoren haben ihre Informationen schon zu Sowjetzeiten zu sammeln begonnen, indem sie zeitgenössische Zeitungsartikel auswerteten. Das erregte die Aufmerksamkeit des KGB, des Nachfolgers des NKWD, der 1985 bei einem der Autoren alle Materialien beschlagnahmte.

          Nach dem Ende des Kommunismus haben die Historiker Akten in den Partei- und Staatsarchiven ausgewertet und so die Biographien der führenden Funktionäre des zentralen Apparates in Moskau und der Leiter der Gebiets- und Republiksorganisationen des NKWD zusammengetragen.

          Tschekisten

          Der NKWD war die direkte Nachfolgeorganisation der Tscheka, des ersten bolschewistischen Geheimdienstes, der kurz nach der Oktoberrevolution 1917 als "Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage" gegründet worden war. Ihr erster Leiter war bis zu seinem Tod 1926 der Pole Felix Dserschinskij. Der hatte 1917 mit 120 Mann begonnen, doch schon im Jahr des Roten Terrors 1918 wurde die Tscheka zum gefürchteten Unterdrückungsapparat mit mehreren Tausenden offiziellen und inoffiziellen Mitarbeitern. Unter den Namen GPU und OGPU hielt "das Schwert und Schild der Partei" in den zwanziger Jahren die Diktatur der Kommunisten aufrecht, zerschlug die letzten Reste der oppositionellen Parteien und bürgerlichen Schichten, half seit dem Ende der zwanziger Jahre, die Bauern in die Kolchosen zu treiben und die "Kulaken" zu enteignen und zu deportieren. Im Juli 1934 wurde die OGPU Teil des Volkskommissariats des Innern, abgekürzt NKWD. In ihm wurde die politische Polizei, die Kriminalpolizei, das System der Arbeits- und Besserungslager (GULag), die Grenztruppen, die Auslandsspionage und andere Sicherheitsdienste vereinigt. Als Super-Sicherheitsbehörde existierte der NKWD bis zum Februar 1941, als er wieder in eine Innenbehörde und die Staatssicherheit aufgeteilt wurde. Das Handbuch umfasst also die Zeit, in der Stalins Sicherheits- und Terrorapparat die größte Machtfülle und den größten politischen Einfluss besaß.

          Während des Großen Terrors vom Sommer 1937 bis zum Ende 1938 verlieh Stalin dem NKWD unter seinem Leiter Nikolaj Jeschow fast unbegrenzte Vollmachten, um den gesamten Staats- und Parteiapparat blutig zu "säubern", die Angehörigen verdächtiger Nationalitäten zu verhaften und alle "unzuverlässigen Elemente" zu vernichten. Der Diktator wollte so die von ihm gefürchtete fünfte Kolonne im eigenen Land ausmerzen.

          In dieser Zeit wandelte sich die NKWD-Führung selbst in hohem Maße, wie die Autoren anhand ihrer statistischen Auswertungen zeigen. Der Große Terror traf den NKWD selbst und führte zu einer Verjüngung, Proletarisierung und Russifizierung der Geheimdienstführung. War vor Beginn des Großen Terrors die Mehrheit der NKWD-Führer 40 Jahre und älter, so stellten zwei Jahre später die 30 bis 35 Jahre alten Tschekisten die Mehrheit. Hatten 1934 noch fast 60 Prozent ihre Ausbildung vor der Revolution erhalten, waren es 1939 nur noch vier Prozent. Entsprechend sank die Zahl derer, die aus bürgerlichen Kreisen (Angestellte, Kaufleute, Unternehmer, Kleingewerbetreibende) stammten: 1934 machten sie mehr als die Hälfte der NKWD-Führung aus, bis 1939 sank ihr Anteil auf zehn Prozent. Entsprechend stieg die Zahl der führenden Geheimdienstfunktionäre proletarischer und bäuerlicher Herkunft, von 40 Prozent im Jahre 1934 auf 80 Prozent 1939.

          Hatte Stalin schon Mitte der zwanziger Jahre im Kampf gegen die linke "jüdische" Opposition alle jüdischen Parteiführer (Trotzkij, Sinowjew, Kamenjew und andere) aus dem Politbüro und anderen führenden Parteigremien verdrängt und sie in den Jahren 1927 bis 1929 aus der Partei ausgeschlossen, so hatte er die Vormachtstellung der Juden im Geheimdienst 1934 noch nicht angetastet. Damals betrug der Anteil der Juden in der Führung des NKWD fast 40 Prozent, bei einem jüdischen Bevölkerungsanteil von etwa zwei Prozent.

          Auch in absoluten Zahlen stellten die Juden (37) vor den Russen (30) die größte Gruppe in der Führung des stalinistischen Geheimdienstes. Der russische Volksmythos vom "jüdischen NKWD" hatte also einen realen Bezug. Die Nazis, die über diese Tatsachen genau Bescheid wussten, nutzten dies für ihre Propaganda vom jüdisch-bolschewistischen Terrorregime, das es zu vernichten gelte.

          Der Große Terror brachte allerdings auch hier eine Wende: Eingestellt wurden vor allem Russen und Ukrainer. "Gesäubert" wurde der Apparat unter anderen von den Juden. Ihr Anteil in der NKWD-Führung sank von fast 40 Prozent auf etwa vier Prozent im Jahre 1939. Fand also Stalins antijüdische Wende, die sich nach dem Krieg 1948/49 in der Antikosmopolitismuskampagne manifestierte, die aber schon 1942 nachzuweisen ist, schon Mitte der dreißiger Jahre statt?

          Es gab "Feindvölker". So wurden die polnischen, lettischen und deutschen Funktionäre des NKWD verhaftet und ausnahmslos erschossen. Das war Teil der vom Politbüro 1937 und 1938 beschlossenen "nationalen Operationen" des NKWD, in deren Zug hunderttausende Sowjetbürger aus "feindlichen Nationen" verhaftet und erschossen wurden. Das alles ist in Dokumenten belegt, allerdings wurden die Juden dabei - im Gegensatz zu Polen, Deutschen, Letten, Finnen, Bulgaren und vielen anderen - nie genannt.

          Im Zuge des organisierten Massenmordes setzte sich offenbar nicht nur bei den niederen Chargen des NKWD, sondern auch in der Führung ein besonderer Charaktertyp durch, der sich durch geringe Bildung, aber besondere Rücksichtslosigkeit auszeichnete. So sank die ohnehin geringe Zahl derer, die eine Hochschulbildung hatten, in den Jahren 1937-38 von 15 auf zehn Prozent, der Anteil derer, die nur eine Grundbildung hatten, stieg um acht auf 43 Prozent - wohlgemerkt ging es hier um die 120 bis 150 führenden Funktionäre des Sicherheitsapparates des Landes. Offenbar brauchte man selbst in der obersten Führung eine große Zahl ungebildeter Vollstrecker. Nach dem Ende des blutigen Hexensabbats waren sie für die weitere Arbeit im Wege und wurden nun selbst verhaftet: Ihr Anteil sank von den erwähnten 43 Prozent binnen Jahresfrist auf 19 Prozent, in gleichem Maße stieg der Anteil der Funktionäre mit höherer Bildung von zehn auf nun 38 Prozent.

          Nicht selten waren diese Vollstrecker, so befinden die Autoren, Menschen, die eine unglückliche Kindheit hatten, während derer sie Vater, Mutter oder beide verloren hatten, auf der Straße aufgewachsen waren oder von der Schule relegiert worden waren. Hatten bis 1936 zwischen fünf und sechs Prozent eine solche Kindheit erlebt, so stieg der Anteil 1938 auf 13 Prozent, bevor er 1940 wieder den alten Wert erreichte. Offenbar hatten die Organe der "proletarischen Rache" in den Jahren des Großen Terrors eine besonders hohe Nachfrage nach Mitarbeitern mit frühkindlich bedingten psychischen Problemen. Die suchten anscheinend im rücksichtslosen Vorgehen gegen die "Feinde", in der unumschränkten Ausübung ihrer Macht ihre Defizite zu kompensieren.

          Die Autoren des Handbuchs widerlegen auch den verbreiteten Mythos von den sauberen Tschekisten der Ära Dserschinskij, mit denen die moralisch verkommenen Henker aus der Ära der Geheimdienstchefs Jeschow und Berija nichts mehr zu tun gehabt hätten. So hatten 1937 und 1938 noch 77 beziehungsweise 71 Prozent der führenden Tschekisten ihre Arbeit für den Geheimdienst zwischen 1917 und 1925, also zur Zeit Dserschinskijs, begonnen. Gerade sie führten also den Großen Terror Stalins aus. Sie fielen ihm allerdings auch zum Opfer: 1939 war nur noch knapp ein Viertel der führenden NKWD-Funktionäre aus der Dserschinskij-Ära übrig geblieben.

          Ebenso groß wie der Anteil der Tschekisten, die aus "feindlichen" Klassen und "feindlichen" Nationen stammten, war vor dem Großen Terror auch der Anteil jener, die vor 1917 zu anderen Parteien gehört hatten. 1934 betrug er in der NKWD-Führung fast ein Drittel. Sieben Prozent hatten zu den linken Sozialrevolutionären gehört, ebenso viele zu den Anarchisten, fünf Prozent zu den Menschewiki (Sozialdemokraten), drei Prozent gar zur weißen, dem Zaren treuen Bewegung. Daneben hatten fünf Prozent der zionistischen Partei "Poalej Zion" angehört, weitere drei Prozent dem jüdischen sozialistischen "Bund".

          Oppositionelle Juden

          Bedenkt man, dass auch bei den Sozialrevolutionären, den Menschewiki und den Anarchisten viele Mitglieder Juden waren und dass viele bolschewistische Juden mit der innerparteilichen Opposition Trotzkis und Sinowjews sympathisiert hatten, so zeigt sich hier ein Erklärungsstrang für die "Säuberung" der NKWD-Führung von Juden. Von allen NKWD-Führern mit einer nichtkommunistischen Vergangenheit - 1934 waren es 30 Personen gewesen - war 1939 nur ein Einziger übrig geblieben - der Volkskommissar für Staatssicherheit Lawrentij Berija selbst, einst Anhänger der nationalkaukasischen Bewegung Mussawat.

          Von 322 NKWD-Funktionären, die vom Juli 1934 bis zum September 1938 führende Posten innehatten, wurden 241 verhaftet, also fast 75 Prozent. War 1934 nach dem Kirow-Mord nur ein führender Funktionär in Leningrad verhaftet und erschossen worden, so widerfuhr das 1935 keinem einzigen. 1936 wurden zwei NKWD-Führer verhaftet, 1937 dann 71, 1938 107, 1939 57 - sie wurden fast ausnahmslos erschossen. Doch gehen die Autoren des Handbuches gegen den Mythos vor, der NKWD sei sein eigenes Hauptopfer gewesen. Die von dem ehemaligen KGB-Chef Tschebrikow 1988 in Umlauf gebrachte Zahl von 20 000 verfolgten Tschekisten ist offenbar Legende, die dazu dienen soll, das blutige Henkerskleid der "Organe" reinzuwaschen. Denn die Gesamtzahl der Tschekisten betrug 1937 etwa 25 000. Offenbar bezieht sich Tschebrikows Zahl, so schreiben die Historiker, auf alle Verhafteten, die für das Volkskommissariat des Innern arbeiteten, also auf Milizionäre, Kriminalpolizisten, Feuerwehrleute, Angehörige der Grenztruppen, Mitarbeiter der Standesämter und andere. Die Zahl der verhafteten Tschekisten betrug bis zum August 2273, davon waren 1862 wegen "konterrevolutionärer Verbrechen" verhaftet worden. Man kann also vermuten, dass etwa zehn Prozent des NKWD-Personals 1937/38 verhaftet wurden. Eine Kaderrevolution begann allerdings mit der Entlassung Jeschows Ende 1938 und der Übernahme des NKWD durch Berija. Im Laufe des Jahres 1939 wurden 7372 Angehörige des NKWD entlassen, von ihnen wurden 937 verhaftet, meist die besonders berüchtigten Vollstrecker des Massenterrors der vorangegangenen Jahre.

          Die Arbeit der Autoren, die aus der Historikergruppe der Bürgerrechtsorganisation "Memorial" stammen, ist frei von Pathos, nüchtern, fast unterkühlt verfasst, allein der Vermittlung bislang unbekannter historisch-biographischer Fakten verpflichtet. Die Interpretation wird dem Leser überlassen. Wie schon in dem unlängst erschienenen Führer zum GULag-System hätte man sich etwas weniger Zurückhaltung gewünscht, stattdessen einen einführenden und einordnenden Artikel zur Geschichte und Rolle des NKWD.

          Das kann die Leistung der russischen Historiker kaum mindern. Sie legen nicht nur ersten Grund für eine Täterforschung im Stalinismus, sondern liefern auch zum ersten Mal Material, um etwa das Führungspersonal des NKWD mit dem der Gestapo oder anderer Geheimdienste moderner Diktaturen vergleichen zu können.

          MARKUS WEHNER

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