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Rezension: Sachbuch : Was sind das doch für infame Dokumente

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Bei Michael Voslensky wird kaum Geheimes offenbar

          Michael S. Voslensky: Das Geheime wird offenbar. Moskauer Archive erzählen. 1917-1991. Aus dem Russischen von Kurt Baudisch. Langen Müller Verlag, München 1995. 546 Seiten, 58,- Mark.

          Russische Archive stehen in den letzten Jahren hoch im Kurs. Ein Buch, das vorgibt, sie über den gesamten Zeitraum der Sowjetgeschichte erzählen zu lassen, weckt hohe Erwartungen. Michael Voslensky, der sich in Moskau als Historiker habilitierte, war bis zu seiner Ausreise aus der Sowjetunion 1972 eng mit dem Apparat des ZK der KPdSU verbunden. Im Westen wurde er durch zwei Bücher über die Nomenklatura, die herrschende Klasse der Sowjetunion, bekannt. Sein neues Buch versteht er als Vollendung dieser Studien.

          Anders als der Titel eingibt, spielt das Jahr 1917 in Voslenskys Buch keine Rolle. Das erste Kapitel ist Stalins Terror in den späten dreißiger Jahren gewidmet. "NKWD: Blut" titelt der Autor und nennt "blutige Zahlen". Dabei stützt er sich ausschließlich auf russische Presseberichte der letzten Jahre. Von den zahlreichen Veröffentlichungen russischer und westlicher Historiker und von der weit vorangeschrittenen Diskussion über die Opferzahlen im Stalinismus nimmt er keine Notiz. So berechnet Voslensky anhand von in der Tagespresse veröffentlichten Dokumenten eine Zahl von 140000 Opfern, die der NKWD während der Aktionen des "Großen Terrors" 1937/38 umbrachte. Aus den russischen Archiven wissen wir jedoch seit einiger Zeit, daß über 680000 Menschen während dieser unvorstellbaren Vernichtungsaktion erschossen wurden. "Allein in der Ukraine", so schreibt der Historiker weiter, "ließ Stalin in den Jahren der Kollektivierung etwa sechs Millionen Bauern absichtlich verhungern." Die Opferzahl der Hungerkatastrophe von 1932/1933 stimmt in diesem Fall mit den Schätzungen der Fachleute überein, allerdings waren sie nicht allein in der Ukraine, sondern auch in Teilen Rußlands und in Kasachstan zu beklagen.

          Solche Nebensächlichkeiten sind für Voslensky offenbar nicht wichtig, wenn er dem Leser "Zisternen voll Blut" (so eine weitere Kapitelüberschrift) präsentieren will. Dafür nutzt er alles, was in den letzten Jahren an sensationellen Enthüllungen durch die russische Presse ging. So etwa den Fall Katyn, wo auf Beschluß des Politbüros vom März 1940 fast 22000 polnische Kriegsgefangene vom sowjetischen Geheimdienst ermordet wurden, oder die Deportation ganzer Völker während des Zweiten Weltkriegs wie der Tschetschenen, Inguschen oder der Wolgadeutschen. Die Erklärung für den Terror, die Voslensky anführt, kommt jedoch nicht über das Niveau des Enthüllungsjournalismus der russischen Tagespresse hinaus: "Die Führer der Nomenklatura waren unersättlich", ein "krankhafter Blutrausch" hatte sie befallen, der NKWD-Chef Jeschow, ein "blutbesudelter Zwerg", zugleich ein "Monster" und "Ungeheuer", dirigierte die Aktion.

          Der Historiker, der in der DDR auch einen Doktor der Philosophie erwarb, wendet sich einem anderen vielversprechenden Thema zu: dem KGB. Daß der sowjetische Geheimdienst routinemäßig Postsendungen öffnete, in jeder Auslandsdelegation mehrere Agenten hatte, sozialistischen Parteien und Bewegungen in der Dritten Welt militärische und logistische Unterstützung zukommen ließ und daß sich unter seinen Agenten in der Russischen Orthodoxen Kirche auch zahlreiche hohe Würdenträger befanden - wer es immer noch nicht wußte, kann es bei Voslensky noch einmal nachlesen. Schließlich begibt sich der Autor auf das Terrain, in dem er sich am besten auskennt: die sowjetische Nomenklatura. Sie war streng hierarchisch in eine Nomenklatura des Politbüros, eine Nomenklatura des Sekretariats des ZK und in eine untere Ebene, die Kontrollnomenklatura des ZK, eingeteilt. Voslensky weiß, zu welcher dieser mit verschiedenen Privilegien ausgestatteten Nomenklatura-Ebenen der tadschikische Minister für Kraftverkehr oder der erste stellvertretende Stabschef der Grenztruppen des KGB gehörte. Was sich aus der seitenlangen Aufzählung solcher Beispiele ergeben soll, bleibt allerdings unklar.

          Ein kurzer Abstecher auf Voslenskys Enthüllungsreise durch die unerschöpflichen Geheimnisse der sowjetischen Nomenklatura ist der Parteikasse der KPdSU und ihren Nutznießern gewidmet. Spitzenreiter unter den Zahlungsempfängern im Ausland war hier offensichtlich die französische KP mit 24 Millionen Dollar Finanzhilfe im Zeitraum von 1981 bis 1991, dicht gefolgt von der KP der Vereinigten Staaten mit etwas mehr als 21 Millionen Dollar. Die Schulden, welche die KPdSU 1991 bei Firmen befreundeter Parteien, unter anderem bei der PDS, hatte, wurden aus "ungebundenen Valutakrediten" Südkoreas und Saudi-Arabiens beglichen.

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