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Rezension: Sachbuch : Viel Erfolg mit drei Prozent

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Zum politischen Antisemitismus der Kaiserzeit

          Stefan Scheil: Die Entwicklung des politischen Antisemitismus in Deutschland zwischen 1881 und 1912. Eine wahlgeschichtliche Untersuchung. Beiträge zur politischen Wissenschaft, Band 107. Duncker & Humblot, Berlin 1999. 400 Seiten, 128,- Mark.

          Seit 1881 gab es in Deutschland stets eine oder mehrere kleine Parteien, die die Zurückdrängung des Judentums in den Mittelpunkt ihrer Bestrebungen stellten, und immer saßen seither auch erklärte Antisemiten im Reichstag, zunächst allerdings nur ganz wenige und bis 1887 auch noch unter konservativer Flagge. Später stieg die Zahl an, aber die Bewegung blieb doch marginal, selbst wenn man den der Deutschkonservativen Partei eng verbundenen Bund der Landwirte mit seiner eifrigen antisemitischen Agitation hinzunimmt, der ab 1898 in einigen Teilen des Reiches mit eigenen Kandidaten antrat. In ihrer besten Zeit hatte die derart definierte antisemitische Rechte 1907 nur 4 Prozent der Stimmen, mit denen sie 28 Mandate erlangte, also 7 Prozent der Sitze. Die Antisemitenparteien allein waren schwächer. Sie kamen maximal auf 5 Prozent der Mandate (1907) und 3,6 Prozent der Stimmen (1898). Scheil fragt nun, wieso eine derart beiläufige Bewegung während eines Vierteljahrhunderts in einer Reihe von Wahlkreisen die nach dem damaligen Wahlrecht für die Erlangung eines Mandats nötigen absoluten Mehrheiten erreichen konnte.

          Sympathien.

          Zunächst beschreibt der Autor das politische Spektrum der Wilhelminischen Ära und achtet dabei besonders auf die Einstellung der einzelnen Parteien zum Antisemitismus. Im Anschluss daran skizziert er die Wahlkämpfe seit 1881, wobei er notgedrungen nur die Hauptthemen nennen kann. In der Folge gibt er einen genaueren Überblick über die Ergebnisse der Parteien mit antisemitischer Ausrichtung und betrachtet insbesondere deren Hochburgen, also die 73 Wahlkreise, in denen sie einmal oder mehrfach auf mehr als 15 Prozent der Stimmen kamen. Abschließend untersucht er die antisemitische Führungsschicht. Für gut vierhundert Funktionsträger und Reichstagskandidaten nennt er die wesentlichen Stationen ihrer politischen Biographie. In dieser Liste finden sich auch diejenigen Deutschkonservativen, die ihre kritische Einstellung gegenüber den Juden öffentlich bekundeten. Dabei orientiert der Autor sich am Abstimmungsverhalten beim Antrag Manteuffel-Hammerstein, mit dem diese beiden konservativen Parlamentarier die weitere Einwanderung von Juden verhindern wollten. Im Anhang seiner materialreichen Arbeit führt Scheil auf mehr als 100 Seiten alle antisemitischen Reichstagskandidaten zwischen 1881 und 1912 mit den von ihnen erzielten Resultaten auf.

          Deutlich wird, dass der Antisemitismus bis weit in die Reihen der Konservativen hinein Sympathien fand, daneben bei den Nationalliberalen, sehr viel weniger oder kaum bei anderen Parteien. Aber selbst bei den Konservativen war nur eine Minderheit der Abgeordneten bereit, die antisemitischen Passagen des Parteiprogramms von 1892 legislativ umzusetzen. Der Antrag Manteuffel-Hammerstein scheiterte im März 1895 mit 51 : 167 Stimmen deutlich, und auch kein anderes antisemitisches Gesetzespaket fand eine Mehrheit.

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