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Rezension: Sachbuch : Verscharrt und aufgestapelt

  • Aktualisiert am

Stalinistische und nationalsozialistische Verbrechen

          Bogdan Musial: "Konterrevolutionäre Elemente sind zu erschießen". Die Brutalisierung des deutsch-sowjetischen Krieges im Sommer 1941. Propyläen Verlag, Berlin 2000. 351 Seiten, 16 Seiten Abbildungen, 44,- Mark.

          In den letzten Junitagen des Jahres 1941 gerieten die meisten Städte und größeren Ortschaften in den westlichen Grenzgebieten der Sowjetunion in einen Strudel von Mord und Gewalt. Nach dem deutschen Überfall versuchten die sowjetischen Machthaber, die politischen Häftlinge ins Landesinnere zu schaffen, um den Deutschen diese potentiellen Kollaborateure zu entziehen. Dies scheiterte vielerorts an Transportproblemen, Zeitnot und dem allgemeinen Durcheinander. Daher begannen die Einheiten des sowjetischen Innenministeriums (NKWD) auf Befehl Berijas, die "konterrevolutionären" Gefängnisinsassen durch Genickschüsse oder mit Maschinengewehren und Handgranaten zu töten.

          Die abziehenden Sowjets hinterließen der entsetzten Bevölkerung und der einrückenden Wehrmacht Zehntausende Leichen: Ukrainer, Polen, Weißrussen, Litauer, Balten und Juden, in den Gefängnishöfen verscharrt, in Zellen und Kellern aufgestapelt. Dieses stalinistische Massenverbrechen wurde von der deutschen Propaganda, aber auch von einheimischen Nationalisten sofort gegen den "jüdischen Bolschewismus" ausgeschlachtet. Zuweilen wurden die Leichen noch zusätzlich verstümmelt, um das Entsetzen zu steigern.

          Die Juden mußten als Sündenböcke herhalten und fanden in zahllosen Pogromen zu Tausenden den Tod, was deutscherseits teils geduldet, teils gefördert, teils verhindert wurde. Die dritte Mordwelle innerhalb weniger Tage kam mit den Einsatzgruppen, den schrecklichen Vorboten des Holocaust, die "zur Vergeltung" in vielen Orten massenhaft jüdische Männer erschossen.

          Die NKWD-Verbrechen vom Sommer 1941 sowie die Reaktionen der nichtjüdischen Bevölkerung und der deutschen Eroberer sind das Thema des Buches von Bogdan Musial. Der Historiker hatte der "Wehrmachtsausstellung" im vergangenen Jahr die peinliche Verwechslung von NKWD-Opfern und NS-Opfern nachweisen können, ein spektakuläres Nebenprodukt seiner Arbeit. Musial beschränkt sich auf das ehemalige, 1939 von den Sowjets annektierte Ostpolen, also auf westweißrussische und vor allem westukrainische Gebiete. Allein hier kosteten die Morde in Gefängnissen, Arreststuben und auf Todesmärschen bis zu 30 000 Häftlingen das Leben. Nicht viel weniger Opfer forderten die antijüdischen Pogrome dieser Tage. Die Darstellung stützt sich auf vielfältiges Quellenmaterial deutscher, sowjetischer, polnischer, ukrainischer und jüdischer Herkunft.

          Die Sprachkompetenz des Autors ermöglicht die Beleuchtung der Vorgänge aus verschiedenen Blickwinkeln und erschließt dem deutschen Leser die Ergebnisse der polnischen und ukrainischen Forschung. Sein Buch ist die erste deutschsprachige Monographie zu einem Thema, das im Westen zuvor in einigen Spezialstudien bestenfalls am Rande behandelt wurde. Er verdeutlicht, wie interessant es sein kann, den Blick gewissermaßen auch auf die andere Seite des Bugs zu richten und die Wechselwirkungen von stalinistischen und nationalsozialistischen Verbrechen zu untersuchen. Das hat nichts mit Geschichtsphilosophie à la Ernst Nolte zu tun, sondern beschäftigt sich mit konkreten Ereignissen und Fakten.

          Die NKWD-Verbrechen

          Trotz der Anregungen und Impulse, die von diesem Buch ausgehen können, birgt es einige Probleme. Musials Darstellung bleibt in vielem zu holzschnittartig, mißverständlich und widersprüchlich. Dafür seien drei Beispiele genannt.

          Musial beschreibt eingehend die ethnischen und sozialen Spannungen im ehemaligen Ostpolen, die durch den sowjetischen Terror der Jahre 1939 bis 1941 noch wesentlich verschärft wurden. Das Wüten der Besatzungsmacht traf zunächst vor allem die Polen, dann die Ukrainer, kostete aber auch Tausenden Juden das Leben. Die Sowjets bedienten sich dabei der Hilfe von Kollaborateuren aus allen Volksgruppen.

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