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Rezension: Sachbuch : Streitschrift für das Deutsche Reich

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Herbert Czaja will vorerst die Grenzen von 1937 wiederherstellen

          Herbert Czaja: Unterwegs zum kleinsten Deutschland? Marginalien zu 50 Jahren Ostpolitik. Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main 1996. 1010 Seiten, 88,- Mark.

          Nein, das sind keine Marginalien, dem Umfang nach nicht und auch nicht dem Anspruch nach. Das ist eine Generalabrechnung mit der Ostpolitik der Bundesrepublik und ihrer Regierungen. Das Buch nimmt sich zwar aus wie eine Darstellung, beeindruckt durch die Fülle der Anmerkungen und Belege, die vom Wissen des Verfassers, seiner Belesenheit zeugen. Czaja hat den Text angereichert mit Einblendungen aus seiner Erinnerung, der Wiedergabe von Gesprächen mit Politikern und den Erfahrungen mit Gefährten. Nicht umsonst war er CDU-Bundestagsabgeordneter, lange mit eigenem Wahlkreis, war er ein Vierteljahrhundert lang Präsident des Bundes der Vertriebenen. Und dennoch: Sein Buch gehört weder zu den darstellenden Abhandlungen noch zu den Memoiren. Was da im Gewand einer Monographie daherkommt, ist ein politisches Pamphlet, eine eminent politische Streitschrift, eine Anklage gegen die Politiker und die Medien der Bundesrepublik, gegen die politische Klasse und die öffentliche Meinung. Czaja bezichtigt sie alle des Ausverkaufs von 104000 Quadratkilometern des Deutschen Reiches. Sie haben unverzeihlich, unrechtmäßig und unnötig darauf verzichtet, das Deutsche Reich, das für ihn nach wie vor existiert, in seinen Grenzen von 1937 wiederherzustellen. Sie haben, statt dessen, die deutschen Ostgebiete jenseits von Oder und Neiße, auch die (allerdings weniger erwähnten) im Sudetenland aus der Hand gegeben und nichts dafür getan, sie wiederzuerhalten. Sie haben, klagt der Autor sie an, Ostdeutschland und die Vertriebenen vergessen.

          Die Vorwürfe sind abstrus. Aber Czaja sieht eine dritte Chance herannahen, die Oder-Neiße-Linie zu überwinden, und zwar in der kommenden Ost-Erweiterung der Nato. Die Chancen dafür sind, der Autor bemerkt es resigniert, allerdings nicht sehr groß. Es gab und gibt in der Bundesrepublik kein nennenswertes revanchistisches Potential. Der Bund der Vertriebenen, dessen Präsident Herbert Czaja von 1970 bis 1992 war, hat zwar manches Ärgernis, aber kein großes politisches Aufsehen erregt. Dementsprechend tief sitzt die Frustration. Sie wird verstärkt durch die Erinnerung an die bitteren Streitigkeiten unter den Vertriebenen-Funktionären selbst, allen voran mit dem unbotmäßigen Herbert Hupka. Sechzig Seiten hat Czaja den verbandsinternen Streitereien und der Behinderung der Vertriebenenarbeit durch Medien und Ministerien gewidmet.

          Daß ihm außer einer Handvoll Standhafter keine namhaften Deutschen auf dem Rückweg in nationales Besitzdenken gefolgt sind, kann Czaja nur verschwörungstheoretisch deuten. Eine unheilige Allianz von "Radikalliberalen" und "Achtundsechzigern" sieht er am Werke. Damit bezeichnet er nicht etwa die aufmüpfigen Studenten an den Universitäten und die intellektuellen Linken. Nein, zu den Radikalliberalen und Achtundsechzigern gehören die katholische Kirche und die EKD, die Prominenz der CDU wie Rita Süssmuth und Richard von Weizsäcker, Heiner Geißler und Karl Lamers, gehören natürlich Willy Brandt und Egon Bahr.

          Im Zentrum dieser Gruppierung von Extremisten aber sieht Czaja die FDP und das Auswärtige Amt, jene "Kaderschmiede", die den Ausverkauf des Deutschen Reiches betrieben hat. Im Kern dieses Kerns wiederum steckt der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Diese "Anpasser und Verzichtler" haben mit ihrer Politik der Aussöhnung und Entspannung das ganze nationale Unheil heraufbeschworen, das "kleinste Deutschland" übriggelassen, das es je gegeben hat.

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