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Rezension: Sachbuch : "Sollen die Deutschen doch leiden"

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James Bacque über die alliierte Besatzungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg

          James Bacque: Verschwiegene Schuld. Die alliierte Besatzungspolitik in Deutschland nach 1945. Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Seebohm. Verlag Ullstein, Berlin 1995. 309 Seiten, 8 Abbildungen, 44,- Mark.

          Als der Kanadier James Bacque vor sechs Jahren durch sein Buch "Der geplante Tod" das Schicksal deutscher Kriegsgefangener in amerikanischer und französischer Hand nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ins öffentliche Bewußtsein rückte, löste er heftige Diskussionen aus. Während seinerzeit Betroffene ihm überwiegend beipflichteten, soweit es die Zustände in den Lagern - zumal auf den Rheinwiesen - und das eigene Erleben des Massensterbens anbetraf, reagierte die Wissenschaft zurückhaltender. Ihr Augenmerk galt weniger den Zustandsbeschreibungen der Lager, sondern den beiden Grundthesen Bacques: Die Gesamtzahl der in amerikanischen und französischen Lagern nach Kriegsende ums Leben gekommenen Kriegsgefangenen bezifferte er auf eine Million. Die Ursache für das Massensterben sah er in einer zielgerichteten Politik des alliierten Oberbefehlshabers Dwight D. Eisenhower. Insbesondere das Eisenhower Center der Universität New Orleans ist den Thesen nachdrücklich entgegengetreten. Der Vorwurf einer "Million-Legende" (Manfred Messerschmidt, F.A.Z. vom 1. Februar 1994) kam auf.

          Mittlerweile hat Bacque weitere Archivalien ausgewertet. Anhand Moskauer NKWD-Akten kommt er zu dem Schluß, daß in sowjetischem Gewahrsam weit weniger deutsche Kriegsgefangene gestorben sind als bislang angenommen: etwa 420000 statt über eine Million. Die bisher den Sowjets angelasteten Toten seien deshalb bei den westlichen Gewahrsamsmächten zu suchen. Darüber hinaus gilt seine Aufmerksamkeit dem Schicksal der Zivilbevölkerung in den Westzonen, den Ursachen und Folgen der akuten Lebensmittelknappheit. Etwa 5,7 Millionen Zivilisten sind nach seiner auf der Gegenüberstellung verschiedener Statistiken beruhenden Berechnung zwischen Oktober 1946 und September 1950 in allen vier Besatzungszonen umgekommen, ohne daß ihr Tod registriert worden sei. Obwohl hinreichend Nahrungsmittel zur Verfügung standen, hätten sowohl politische Planer in der Administration der Vereinigten Staaten als auch militärisch Verantwortliche in Deutschland diese regelmäßig nicht zur Versorgung der Deutschen verwendet und dadurch die Todesrate bewußt herbeigeführt. Erst das entschlossene Eingreifen des Expräsidenten Herbert Hoover, unterstützt von Harry S. Truman, habe hier Abhilfe geschaffen.

          Zur Begründung seiner Thesen hat Bacque eine Vielzahl von Quellen erfaßt und seine Funde gleich Mosaiksteinchen zusammengesetzt. Doch nicht immer füllen sie das entworfene Gesamtbild. Angelegt ist das Ganze auf den Gegensatz von "Verbrechen und Barmherzigkeit", so die wörtliche Übersetzung des englischen Originaltitels. Die Konturen sind scharf, oftmals allzu scharf; Grautöne selten: Hier die für die Nahrungsmittelknappheit und den Tod der Zivilbevölkerung Verantwortlichen, die gleichzeitig die westlichen Werte verrieten, für die sie in den Krieg gezogen waren. Dort die Verfecher von "Wahrheit und Demokratie", die Barmherzigkeit auch gegenüber dem besiegten Feind einforderten. Es ist der "Kampf zwischen Gut und Böse", den Bacque nach eigenen Worten exemplifiziert. Doch war es nicht gerade diese eigentümliche amerikanische Vorstellung, der absolute Dualismus der Weltanschauung, der dazu führte, daß der Trennungsstrich zwischen Nationalsozialisten und anderen Deutschen in den ersten beiden Jahren der Besatzungszeit oftmals nicht gezogen wurde? Auf diesem Hintergrund, der seine Verkörperung in der noch Morgenthau-Geist atmenden Direktive JCS 1067 fand, wird dann auch manche Vorgehensweise alliierter, zumal amerikanischer Besatzungsbehörden verständlich. Das entschuldigt nichts; es erklärt aber einiges.

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