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Rezension: Sachbuch : Schockwirkung

  • Aktualisiert am

Einseitige Erkenntnisse über Verbrechen an deutschen Soldaten

          Franz W. Seidler: Kriegsgreuel der Roten Armee. Verbrechen an der Wehrmacht. Band II: 1942/43. Verlag Pour le Mérite, Selent 2000. 318 Seiten, 49,80 Mark.

          Der Militärhistoriker Franz W. Seidler versucht seit Jahren, dem Bild der "verbrecherischen Wehrmacht" das der "verbrecherischen Roten Armee" entgegenzusetzen. Er stützt sich dabei vor allem auf die Arbeit der "Wehrmacht-Untersuchungsstelle" im Oberkommando der Wehrmacht, die im Zweiten Weltkrieg Beweismaterial über Kriegsverbrechen der feindlichen Mächte sammelte. Auch wenn diese Einrichtung immer auch Zuträgerdienste für die Propaganda leisten sollte, sind ihre im Freiburger Militärarchiv überlieferten Ermittlungen (226 Aktenordner) eine einseitige, jedoch ernst zu nehmende historische Quelle.

          In der Untersuchungsstelle bemühte man sich um Belege, die von der Gegenseite nicht als Lüge und Manipulation entlarvt werden konnten. Die von ihr zusammengetragenen Völkerrechtsverletzungen - wie etwa die Ausschreitungen von Rotarmisten und Partisanen gegen Kriegsgefangene und Verwundete - sind meist ausreichend dokumentiert. Diese Dokumente werden außerdem durch zahlreiche Berichte in den Militärakten und Privatzeugnissen bestätigt, die ähnliche Vorgänge beschreiben. Ob die Untaten im Affekt oder auf Befehl geschahen, inwieweit sie für die Kriegführung der Roten Armee repräsentativ waren und in welchem Verhältnis Aktion und Reaktion standen, ist noch ungeklärt. Ebenso wäre zu untersuchen, wie diese Kriegsverbrechen von der Wehrmacht zur Rechtfertigung eigener Verbrechen benutzt wurden.

          Zur Beantwortung dieser Fragen trägt Seidler nichts bei. Ihm geht es vor allem um eine "Antwort" auf die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Bereits vor drei Jahren hatte er unter dem spektakulären Titel "Verbrechen an der Wehrmacht" etwa 300 Dokumente der Wehrmacht-Untersuchungsstelle aus den ersten Monaten des deutsch-sowjetischen Krieges abgedruckt - ohne die notwendige wissenschaftliche Kommentierung, wohl aber mit einer tendenziösen Einleitung. Nun legt Seidler die Fortsetzung dieser Quellensammlung vor. Wieder setzt er auf die Schockwirkung entsetzlicher Fotos und Berichte, ohne auch nur ansatzweise den Kontext der grausamen Aktionen zu erläutern. In dieser Hinsicht übertrifft er sogar die Wehrmachtsausstellung. Das schlimmste Beispiel dafür ist, dass Seidler kritiklos der Wehrmacht-Untersuchungsstelle folgt und auch die Fälle von Kannibalismus unter Rotarmisten als Kriegsgreuel präsentiert. Das führte bereits im ersten Band zur Infamie, Verbrechensopfer als Verbrecher zu diffamieren, indem Verzweiflungstaten verhungernder sowjetischer Kriegsgefangener in den unterversorgten deutschen Lagern geschildert wurden. Keine Anmerkung verwies dabei auf die Behandlung und Mangelernährung der Kriegsgefangenen durch die Wehrmacht! Auch im Fortsetzungsband finden sich wieder Beispiele von Kannibalismus, diesmal vorwiegend bei eingeschlossenen Einheiten, und wieder empört die Instrumentalisierung von Folgen der Not, wie sie nicht nur auf sowjetischer Seite vorkamen.

          Im Vorwort verabschiedet sich Seidler endgültig von der seriösen Wissenschaft. Er stilisiert sich zum aufrechten, allein der Wahrheit verpflichteten Aufklärer, der vom publizistischen "Linkskartell", von "käuflichen Historikern" und mobbenden Kollegen verfolgt wird. Dabei entlarvt sich Seidler durch zahlreiche Hinweise auf die Motive, die seine Forschungen antreiben. Die Rote Armee ist für ihn "die russische Soldateska" und die "Gefahr aus dem Osten". Dem stellt er "die Tugenden des deutschen Mannes" entgegen, Vaterlandsliebe, Ehre und Treue, vor allem auch "Opferbereitschaft für Frauen und Kinder". Dass diese Tugenden gegenüber sowjetischen Frauen und Kindern häufig außer Acht gelassen wurden, wird nicht erwähnt.

          Nach den einseitigen Erkenntnissen Seidlers gab es bei der Wehrmacht im Gegensatz zur Roten Armee "keine Aufrufe zu Haß, Mord und Vergewaltigung". Dieses geschönte Bild ignoriert den Kommissarbefehl, den Kriegsgerichtsbarkeitserlass und andere Befehle und Merkblätter, die bereits vor dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion im Juni 1941 Mord, Völkerrechtsbruch und Rechtlosigkeit vorbereiteten. Wenn Seidler durch seine Belege für die "Verbrechen an der Wehrmacht" suggerieren will, die Wehrmacht habe in ihrem harten Vorgehen nur reagiert, vertauscht er Ursache und Wirkung. Mit dieser Form von Geschichtsschreibung in der Tradition des "Antibolschewismus" der Zwischenkriegszeit ist den fragwürdigen Pauschalurteilen über die Wehrmacht nicht zu begegnen.

          JOHANNES HÜRTER

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