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Rezension: Sachbuch : Schicksale in grausamer Zeit

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Eine Studie beschäftigt sich mit Wehners Jahren in Schweden

          Michael F. Scholz: Herbert Wehner in Schweden 1941-1946. Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Band 70. R. Oldenbourg Verlag, München 1995. 203 Seiten, 35,- Mark.

          Im Februar 1941 reist ein hoher Funktionär der KPD mit Sonderauftrag illegal in das neutrale Schweden. Er soll den Widerstand gegen Nazideutschland reorganisieren, den bisher dafür vor Ort verantwortlichen Genossen kontrollieren. Der Mann kommt ohne jedes Gepäck und hat doch schwer zu tragen. In Moskau hat er in den zurückliegenden Jahren in der Zeit der wahnhaften Verfolgungen andere denunziert, vielleicht gar denunzieren müssen, um selbst überleben zu können, und ist so Teil einer mörderischen Maschinerie geworden, deren Führer Stalin er wie viele in Lobeshymnen und Gedichten pries. Nun, in Schweden, muß jener Druck von ihm abgefallen sein, zugleich muß seine Einsamkeit zugenommen haben. Wie sonst ist es zu erklären, daß er, der erfahrene Untergrundkämpfer, sich gegen alle Regeln der Konspiration mit der Frau eines seiner bereits verhafteten Agenten einläßt und weiter trifft, obwohl er mit deren Überwachung rechnen muß. Es geschieht, was zu erwarten war - ein Jahr nach seiner Einreise wird er von der schwedischen Sicherheitspolizei unter dem Bett der Geliebten hervorgeholt, verhaftet, zum Verhör gebracht: eine Weichenstellung für sein gesamtes weiteres Leben.

          Nein, das ist keine Episode aus Manès Sperbers großartiger Romantrilogie "Wie eine Träne im Ozean", ist vielmehr erlebte, erlittene Biographie. Der Mann, der da nach Schweden reiste, verhaftet wurde, ist Herbert Wehner. Jetzt beginnt sein schmerzlicher, mühevoller Ablösungsprozeß, an dessen Ende fünf Jahre später der Eintritt in die SPD stehen wird. Der Greifswalder Historiker Michael F. Scholz hat diesen Prozeß mit Hilfe schwedischer Akten, der Unterlagen aus dem Parteiarchiv der SED, auch Materialien aus Wehners Nachlaß so sorgfältig, so minutiös wie nur eben möglich nachgezeichnet und darüber ein nicht nur für Kenner der Materie spannendes Buch geschrieben.

          Warum? Weil wir hinter allen Phrasen der Parteiideologie lebendigen Menschen begegnen, Schicksalen in grausamer Zeit. Das Schicksal Wehners hing zunächst am seidenen Faden. Er wird nämlich nach seiner Verhaftung verdächtigt, ein Agent der Gestapo zu sein - ein höchst gefährlicher, ja tödlicher Vorwurf, den es rasch zu entkräften galt, drohte doch andernfalls die rasche Ausweisung nach Deutschland und damit die sichere Hinrichtung. Um die Zunge von Verdächtigen zu lockern, scheuten sich die schwedischen Behörden ja auch nicht - was Wehner wußte -, Gefangene auf Schiffe mit deutscher Flagge zu bringen, ihre unmittelbar bevorstehende Abschiebung vorzutäuschen. Kaum einer, der unter solchem Druck lange schwieg. Wehner jedenfalls redete rasch, gab eine Fülle von Namen und Adressen preis.

          Wurde er darüber zum "Verräter", wie sein innerparteilicher Rivale Karl Mewis bald schon nach Moskau übermittelte? Nein, meint Scholz, Wehner habe immer nur mitgeteilt, was die Polizei in Ansätzen bereits wußte, habe nur jene genannt, die außer Reichweite oder nicht in unmittelbare Gefahr zu bringen waren, und seine Unterkunft erst nach mehreren Tagen enthüllt, weil er damit rechnete, daß in der Zwischenzeit die Genossen alles Belastungsmaterial hatten verschwinden lassen können. Daß dem nicht so war, entweder, weil die Parteiverantwortlichen versagt hatten, oder aber, weil sie ein Betreten der Wohnung für zu gefährlich hielten, konnte Wehner nicht ahnen.

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