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Rezension: Sachbuch : Rechtfertigung des begnadigten Sünders

  • Aktualisiert am

Der Lebensbericht des Altbischofs Gienke stimmt traurig

          Horst Gienke: Dome, Dörfer, Dornenwege. Lebensbericht eines Altbischofs. Hinstorff Verlag, Rostock 1996. 423 Seiten, 16 Abbildungen, 34,- Mark.

          Am 11. Juni 1989 feierten die Greifswalder Protestanten ein großes Fest. Nach langjährigen Bauarbeiten konnte der Dom St. Nikolai wieder eingeweiht werden. Zum Festgottesdienst erschienen auch prominente Politiker aus der Bundesrepublik und Erich Honecker. Erstmals seit Wilhelm Pieck beim Kirchentag 1951 besuchte ein Staatsratsvorsitzender der DDR einen Gottesdienst. Beim anschließenden Gespräch beschworen der Bischof der Evangelischen Landeskirche Greifswald, Horst Gienke, und der Staatsratsvorsitzende ein neues Bündnis von Thron und Altar. Gienke, der Honecker ohne Absprache mit den anderen Landeskirchen und dem Bund der evangelischen Kirchen in der DDR eingeladen hatte und auch akzeptierte, daß der berlin-brandenburgische Bischof Gottfried Forck vom Gespräch ausgeschlossen blieb, bekannte sich zur "Verantwortungsgemeinschaft von Marxisten und Christen" sowie zum "guten Miteinander aller Christen, Marxisten und Humanisten" in der DDR. Honecker bot an, die Leitung des Kirchenbundes zu einem Gespräch über das Verhältnis von Staat und Kirche zu empfangen. Fünf Wochen später tauschten Bischof und Staatsratsvorsitzender Briefe aus, in denen Gienke zur oppositionellen Kirchenpresse auf Distanz ging und Honecker die DDR-Christen zu Bündnispartnern der SED erklärte. In der protestantischen Öffentlichkeit stieß das auf vehemente Kritik. Der innerkirchliche Streit um den "pommerschen Sonderweg" führte schließlich dazu, daß die Landessynode ihrem Bischof in einem rechtlich umstrittenen Verfahren das Mißtrauen aussprach. Am 14. November 1989 trat Gienke vom Bischofsamt zurück.

          Sechs Jahre später legt er nun einen "Lebensbericht" vor, welcher der Verteidigung seiner Kirchenpolitik dienen soll. Zwar weiß der Lutheraner, daß der Mensch, ein Sünder, sich selbst nicht rechtfertigen kann. "Nie sollten Erinnerungen ein Forum eigener Rechtfertigung werden. Das letzte Urteil über jedes Leben spricht ein anderer." Gleichwohl will das erzählende Ich die staatsloyale Haltung des erzählten Ich verständlich machen. So tritt das Private zunehmend hinter Amt und Kirchenpolitik zurück.

          Es ist ein tragisches Leben in der protestantischen Provinz, das Gienke erzählt. Als Sohn eines kleinen Beamten und einer aus einfachen Verhältnissen stammenden Hausfrau wird Horst Gienke am Karfreitag 1930 in Schwerin geboren. Trotz des Krieges erlebt er eine glückliche Kindheit mit Indianerspiel und Karl-May-Lektüre. Schon der Zehnjährige möchte Pastor werden. Bombenangriffe der Amerikaner, deutsche Niederlage und Besatzungsherrschaft erfährt der national gesinnte Fünfzehnjährige als tiefen Einschnitt. Der Vater, der spät in die NSDAP eingetreten und Blockwart des NSV geworden ist, wird aus dem öffentlichen Dienst entlassen, kann nach längerer Arbeitslosigkeit aber eine Stelle in der Kirchenverwaltung finden. Die kirchliche Jugendarbeit bietet neue Geborgenheit. Schwärmerisch verehrte Pfarrer helfen dem desorientierten Gymnasiasten dazu, in den Wirren der Nachkriegszeit wieder ein klares Weltbild zu gewinnen. Die ideologischen Indoktrinationsversuche durch die Sowjets, aber auch der Moralismus vieler Pastoren führen dazu, daß eine politische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus unterbleibt. Die "deutsche Katastrophe" wird "im Glauben" verarbeitet. "Wo Feindschaft gegen den Glauben zu einer gesellschaftlichen Realität wird, kann die Zukunft nur den Untergang bringen." Dennoch gehen Gienke und andere Mitglieder der jungen Gemeinde kurze Zeit in die FDJ.

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