http://www.faz.net/-gqz-6qdby

Rezension: Sachbuch : Mord als Arbeit

  • Aktualisiert am

Herkunft und Hintergrund eines KZ-Mottos

          Wolfgang Brückner: "Arbeit macht frei". Herkunft und Hintergrund der KZ-Devise. Otto-von-Freising-Vorlesungen der Katholischen Universität Eichstätt, Band 13. Leske + Budrich, Opladen 1998. 141 Seiten, 24,80 Mark.

          Infolge der immer mehr zunehmenden Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit kennt heute jeder das Bild von dem beschaulich geschwungenen eisernen Spruchband über dem Eingangstor des Konzentrationslagers Auschwitz. Woher stammt dieser Spruch? Diente er der Tarnung der schrecklichen Funktion des Lagers oder der zynischen Verhöhnung der Opfer, oder zeugt er von einer Zeit, als man mit den Konzentrationslagern noch weniger schreckliche Ziele verfolgte? Der längst überfälligen Auskunft über diese Fragen hat sich der Volkskundler Wolfgang Brückner angenommen.

          Zunächst geht Brückner der unmittelbaren Herkunft des Spruchbandes nach. Der Spruch dürfte zum ersten Mal bei der Erweiterung des Konzentrationslagers Dachau in den Jahren 1937/38 angebracht und von dort in das von Dachau aus begründete Konzentrationslager Flossenbürg und 1939 in das als "Musterlager" geltende Konzentrationslager Sachsenhausen übernommen worden sein. 1934 holte sich Heinrich Himmler aus dem Jugendbund "Artam" Rudolf Höß nach Dachau. Er wurde 1938 als Adjutant an das KZ Sachsenhausen beordert. 1940 wurde er Aufbau-Kommandant des KZ Auschwitz und hat in dieser Eigenschaft die Anbringung des Spruchs auch dort veranlaßt.

          Der Autor präsentiert überraschende Entdeckungen. In Schweizer Privatbesitz fand er ein Widmungsalbum einer Turndame aus Wien mit eingeklebten Beitragsmarken des österreichischen "Deutschen Schulvereins" von 1922 mit der Aufschrift "Arbeit macht frei!", bemerkenswerterweise schon in Verbindung mit dem Hakenkreuz. Den ersten Beleg für den Spruch liefert eine unter diesem Titel erschienene Erzählung von Lorenz Diefenbach, die 1872 in Fortsetzungen in der Wiener "Presse" erschien.

          Aber mit diesen wörtlichen Vorläufern gibt sich der Autor nicht zufrieden. Er durchmustert alle vorausgegangenen Devisen ähnlichen Inhalts. Dabei stößt er auf die Sentenz "Arbeit ist des Bürgers Zierde" aus Schillers "Lied von der Glocke". Auf einem Foto vom Kontor einer Leipziger Firma von 1908 hat er die Parole "Arbeit besiegt alles" gefunden; sie kehrte zwei Jahrzehnte später in lateinischer Fassung als "Omnia Vincit Labor" auf der Fassadenuhr einer jüdischen Firma wieder. Einen weiteren Vorläufer sieht er in Thomas Carlyles Uminterpretation von Goethes Gedicht "Symbolon", in der er die Schlußzeile "Wir heißen Euch Hoffen" durch die Worte "Work and despair not" ersetzte.

          Die deutsche Übersetzung "Arbeiten und nicht verzweifeln" machte der Verlag Langewiesche zum Titel einer in mehr als 150 000 Exemplaren verbreiteten deutschen Werkauswahl. Das Titelsignet dieses Buches zeigt in der Tat eine gewisse Ähnlichkeit mit der späteren Beitragsmarke des Deutschen Schulvereins. Unmittelbarer Vorläufer der Aufkleber dürfte aber die Zeile "Arbeit macht die Völker frei!" in Heinrich Seidels nach der Jahrhundertwende veröffentlichter "Hymne der Arbeit" sein. Bei dieser Gelegenheit erfährt man, daß Heinrich Seidel nicht nur der Schwiegervater von Ina Seidel, sondern außerdem Erfinder der berühmten Dachkonstruktion des Anhalter Bahnhofs in Berlin und der Schöpfer der literarischen Figur des "Leberecht Hühnchen" war.

          Brückner untersucht die Geistesgeschichte des Arbeitsbegriffs und macht darauf aufmerksam, daß der Begriff "Arbeitskraft" eine deutsche Besonderheit ist. Er stößt auf die "Arbeitshäuser" als polizeiliche Maßnahme gegen Arbeitsscheu und Landstreicherei im früheren Recht und die Zeile "Arbeit macht das Leben süß" in Gottlob Wilhelm Burmanns "Kleinen Liedern für kleine Mädchen und Jünglinge" von 1777. Das Abzeichen des Reichsarbeitsdienstes trug die Inschrift "Arbeit adelt"; dieser Spruch fand sich auch auf einigen Lagertoren des Arbeitsdienstes. Brückner ermittelt auch alle weiteren Phrasen nach dem Schema ". . . macht frei" wie "Stadtluft macht frei", "Bildung macht frei" oder "Wissen macht frei".

          Angesichts dieser Fülle von Gedanken und Verbindungslinien verschwimmt die Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Zweck der Verzierung des Eingangstores von Auschwitz. Brückner sieht darin blanken, gezielten Zynismus, zitiert aber auch Martin Broszat, nach welchem der für die Anbringung verantwortliche Rudolf Höß sie in seiner beschränkten Denk- und Empfindungsweise bis zu einem gewissen Grade ernst gemeint habe. An anderer Stelle sagt er, daß sich hinter der Devise "Arbeit macht frei" das ursprüngliche Ziel für den Himmel auf Erden der germanischen Herrenmenschen in der SS verberge. "Aus dem modernen Mythos des schließlich für spezifisch deutsch gehaltenen Arbeitsgeistes erwuchs eine der Vernichtungsstrategien des Völkermords."

          FRIEDRICH-CHRISTIAN SCHROEDER

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Szenarien : Londoner Finanzmarkt zittert

          Die Ungewissheit über den EU-Austritt Großbritanniens treibt die Anleger um. Finanzexperten warnen vor Spekulationen auf die unterschiedlichen Szenarien – vom weiteren Wertverlust des Pfunds ist die Rede.

          Zwan­zig Jah­re ISS : Lego im Weltall

          Vor zwan­zig Jah­ren be­gann der Bau der ISS, der In­ter­na­tio­nal Space Sta­ti­on. Das größ­te be­mann­te Raum­fahrt­pro­jekt ist zu­gleich das, bei dem bis­her am we­nigs­ten schief­ging.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.