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Rezension: Sachbuch : Lauter Eichmann-Entführer

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Zvi Aharoni beansprucht den Lorbeer mit etwas mehr Recht

          Zvi Aharoni, Wilhelm Dietl: Der Jäger. Operation Eichmann: Was wirklich geschah. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1996. 304 Seiten, Abbildungen, 39,80 Mark.

          Hermann Aronheim wurde 1921 in Frankfurt an der Oder geboren. Gutbürgerliches Haus, der Vater ein bekannter Anwalt der Stadt, deutsch-nationale Gesinnung. Die Familienmitglieder fühlten sich als Deutsche, und sie waren es auch - Deutsche mosaischen Glaubens. Aber dann kam Hitler und mit ihm die Verfolgung und Entrechtung. Hermann wurde verdeutlicht, daß er kein Deutscher sei und nach Palästina gehöre. Nachdem der Vater 1937 verstorben war, gingen Hermann, sein Bruder und die Mutter, die glücklicherweise ein Einreisevisum erhielt, 1938 nach Palästina, in die alte Heimat zurück. Fortan hieß er Zvi Aharoni. Er lebte einige Jahre in einem Kibbuz, war in der Schutzorganisation "Hagana" tätig, trat in die britische Armee ein und sammelte dort Erfahrung in geheimdienstlicher Tätigkeit und Befragung Verdächtiger. Er kämpfte für die Entstehung Israels und trat dann in den neu gebildeten "Mossad" - den israelischen Geheimdienst - ein. Dort erkannte man seine Fähigkeiten, und er wurde stets mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut.

          Erstaunlicherweise suchte bis Ende der fünfziger Jahre hinein der israelische Geheimdienst nicht nach entflohenen Nazis. Es hing nicht mit Gleichgültigkeit zusammen. Bei der Abwehr aktuellerer Gefahren für den Staat und die Juden hatte der Sicherheitsdienst alle Hände voll zu tun. Aber dann, um 1958, als ein gewisser Stand der Sicherheit erreicht war, besann sich der Mossad auf seine moralische Verpflichtung, ehemalige Kriegsverbrecher ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Die Wege von Aharoni und Adolf Eichmann kreuzten sich.

          Eichmanns Rolle war bedeutender, als man gemeinhin annahm. Er hat die Verfolgung inszeniert, mit Einfallsreichtum und Härte durchgeführt; oft über die allgemeinen Anweisungen, die ihm gegeben wurden, hinaus. Er tat das aus Überzeugung, Haß und Besessenheit. Er war, gewiß, ein Teil eines Systems und doch mehr als nur ein Rädchen in der Maschinerie. Nachdem Himmler und Kaltenbrunner tot waren, war er der bedeutendste Überlebende unter denen, die den Holocaust zu verantworten hatten.

          Eichmann lebte nach 1945 in Deutschland, er verstand seine Identität zu tarnen. Katholische Organisationen halfen ihm nach Argentinien zu gelangen, wo er in einem Vorort von Buenos Aires lebte. Die Welt horchte auf, als Ben Gurion am 23. Mai 1960 vor dem israelischen Parlament in vager Sprache Eichmanns Verhaftung und Überbringung nach Israel bekanntgab.

          Seitdem beflügeln dieser Mann und vor allem die Umstände des Aufspürens seines Aufenthaltsortes, die Feststellung seiner Identität und seiner "Überbringung" nach Israel die Fantasie der Welt. Wer hat ihn eigentlich aufgespürt, seine Entführung organisiert? Viele haben sich gerühmt - auch in Büchern, die sie darüber veröffentlichten -, diejenigen gewesen zu sein, die das bewerkstelligten. Das neue Buch erhebt den Anspruch, endlich Klarheit zu schaffen, und dies, nachdem Zvi Aharoni - der eigentliche Eichmann-Jäger - endlich sein Schweigen brach.

          Das Buch enthält viele Details über die Etappen, die zum endgültigen Resultat führten. Informationen wurden zusammengetragen, Anhaltspunkten, die weiterhalfen, nachgegangen. Es folgten Rückschläge und Fehler, die der israelische Geheimdienst und andere Organisationen begangen haben. Es kam zu erneuter Anknüpfung an neue Spuren. Endlich hatte man die Gewißheit: Ricardo Clement, Garibaldistraße, ist Adolf Eichmann. Er wurde vor seinem Haus überwältigt, für einige Wochen in Buenos Aires gefangengehalten und dann mit einer El-Al-Maschine nach Israel gebracht. Alles wird sehr detailliert geschildert. Es ist faszinierend geschrieben und vor allem seitens Wilhelm Dietls, des zweiten Autors, der die Version von Aharoni ergänzt, gut recherchiert. Gleichwohl ist stets die subjektive Sicht des Jägers Aharoni dargelegt, der anderen die Leviten liest.

          Hierzulande hat 1991 Peter Malkin ein Buch, "Ich jagte Eichmann", veröffentlicht, in dem er seine Verdienste in den Vordergrund stellte. Laut Aharoni war sein Beitrag minimal. Er sollte ihn nur - nachdem Aharoni Eichmanns Identität festgestellt und sein Haus gefunden hatte - überwältigen und in einen Wagen zerren. Dabei habe Malkin versagt, und Eichmann wäre ihm fast entwischt. Während die Rolle Malkins minimalisiert wird, ist der Verfasser voller Lob für den Beitrag Wiesenthals bei der Aufspürung Eichmanns. Dabei bezieht er eine entgegengesetzte Position zu Isser Harel, dem Begründer des Mossad. Harel hat - auch erneut anläßlich einer Kontroverse um Wiesenthal - dessen Rolle als eher schädlich bewertet. Aharoni dagegen wirft Harel vor, durch die Verfolgung Eichmanns in eine "antideutsche Stimmung" versetzt worden zu sein: Er habe Unternehmungen von zweifelhaftem Charakter geplant, die sogar die Beziehungen zur Bundesrepublik unnötig hätten belasten können. Ben Gurion erzwang Harels Rücktritt, dadurch wurde größerer Schaden abgewendet.

          Das Buch ist in mehrerlei Hinsicht interessant, kämpferisch, auch polemisch. Ein hochrangiger ehemaliger Geheimdienstler meldet sich hier zu Wort, sehr darauf bedacht, daß seine Rolle nicht in Vergessenheit gerate, sehr darauf bedacht, mit anderen Veteranen abzurechnen. Er tut das in einer sehr differenzierten, aber deutlichen Sprache. Der Leser ist für den analytischen und sachlichen Teil, auch für die tiefsinnigen historischen Überlegungen dankbar. Mit Vergnügen und Genuß nimmt er Sticheleien und Kritik an anderen zur Kenntnis. Aharoni zeigt Profil, und die Insider-Informationen, über die er verfügt, sind beeindruckend. Ist damit endlich Klarheit über das Unternehmen Eichmann gegeben? Auf das nächste Buch zu diesem Thema darf man gespannt sein. NACHUM ORLAND

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