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Rezension: Sachbuch : Langer Marsch, kurze Beine

  • Aktualisiert am

Eine Edition überlässt Mao die Interpretation seiner Geschichte

          Stuart R. Schram (Herausgeber): Mao's Road to Power. Revolutionary Writings 1912-1949. Volume V: Toward the Second United Front, January 1935-July 1937. M. E. Sharpe, Armonk and New York 1999. CX, 737 Seiten, 165,- Dollar.

          Angesichts der Bedeutung, die Mao Tse-tung für die Geschichte des 20. Jahrhunderts hatte, kann am Wert einer westlichsprachigen Ausgabe seiner Texte nicht gezweifelt werden. Stuart Schram, einer der einflussreichsten Mao-Forscher im Westen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, sämtliche erreichbaren Schriftstücke, die auf Mao zurückzuführen und bis zur Ausrufung der Volksrepublik China 1949 entstanden sind, in englischer Übersetzung und mit Anmerkungen versehen herauszugeben. Mittlerweile ist dieses Vorhaben mit dem fünften Band im zweiten Drittel der dreißiger Jahre und damit beim "Langen Marsch" 1934/35, dem Xi'an-Zwischenfall Ende 1936 und den Anfängen der gegen die Japaner gerichteten "Zweiten Einheitsfront" zwischen den Kommunisten und den Nationalisten um Chiang Kai-shek angelangt.

          Die Texte sind, wie in den vorherigen Bänden, sehr verschieden, teilweise sehr speziellen Inhalts und gelegentlich banal. Es handelt sich um Gedichte, Widmungen, Briefe, Telegramme, Anweisungen, Resolutionen, Interviews und Berichte bis hin zu dem 74 Seiten umfassenden Text "Problems of Strategy in China's Revolutionary War" vom Dezember 1936. Alle lesen wird sie wohl nur ein Mao-Fetischist, aber es ist gut, sie hier versammelt und mit Hinblick auf wichtige Varianten, Namen, Orte und so weiter annotiert zu wissen.

          Was aber kann man daraus über Maos endgültigen Aufstieg zur Macht in der Kommunistischen Partei Chinas lernen, der üblicherweise mit dem Langen Marsch verbunden wird? Eigentlich nichts Neues, da die entsprechenden Dokumente in der Fachliteratur bereits verwendet wurden. Außerdem will Schram den Lesern nach eigenen Worten keine Interpretation aufzwingen, tut das jedoch automatisch in mehrfacher Hinsicht. Zum einen kann auch er nur die Texte übersetzen, die vorher die chinesischen Kommunisten über die Jahrzehnte hinweg im Rahmen einer maoistischen Geschichtspolitik ausgewählt und publiziert haben. Zusätzlich beeinflusst schon die Entscheidung, nur Texte Maos abzudrucken, die Interpretation. Beispielsweise sind in diesem Band zwei Befehle des Frontkommandos, bestehend aus Zhu De als Kommandeur und Mao als Politkommissar, vom 5. März 1935 übersetzt. Die Einrichtung dieses Frontkommandos am Tag zuvor und die beiden Befehle erwecken den Eindruck, dass Mao nunmehr in der militärischen Leitung eine Spitzenrolle einnahm. Unerwähnt bleibt, dass ähnliche Befehle in den folgenden Tagen und Wochen durchaus vorliegen - sowohl in der Quellenpublikation, die in diesem Fall von Schram benutzt wird, als auch in den Ausgewählten Werken Zhu Des -, dass sie aber entweder von Zhu De allein oder einer Kommission gezeichnet sind, der Mao offenbar nicht angehörte.

          Schließlich bietet Schram eine fast siebzigseitige Einleitung an, in der es von unmarkierten Interpretationen nur so wimmelt. Ein geradezu klassisches Beispiel ist folgender Satz: "Auf diesen Konferenzen (gemeint sind die Tongdao-Konferenz vom 12. Dezember und die Liping-Konferenz von 18. Dezember 1934, beide aus der Anfangsphase des Langen Marschs) wurden Maos Ansichten über militärische Strategie zum ersten Mal seit zwei Jahren von einer Mehrheit der Teilnehmer unterstützt." Tatsächlich gibt es in der äußerst spärlichen zeitgenössischen Dokumentation keinerlei Hinweis darauf, dass die bedeutenden Entscheidungen, die vor allem in Liping getroffen wurden und dazu führten, dass aus der "strategischen Verlegung" ein "Langer Marsch" wurde, auf Mao zurückgehen. (Ebenso wenig wissen wir über Maos militärische Vorstellungen vor allem 1934 oder die Mehrheitsverhältnisse in den Besprechungen, da es dazu keinerlei zeitgenössische Belege gibt.) Die Behauptung gehört jedoch zum Kernbestand des Mythos, Mao habe aufgrund seiner "richtigen" Ansichten die eine "falsche" Politik und Strategie vertretenden Parteimitglieder überzeugen oder ausschalten und so "natürlich" die effektive Führungsspitze erlangen können. Ähnlich unkritisch werden eine ganze Reihe weiterer Elemente des Mythos "Langer Marsch und Aufstieg Maos" übernommen, dessen Wurzeln bereits Dokumente in diesem Band durchziehen.

          Allerdings steht Schram damit nicht allein, die westliche Sekundärliteratur - Schram verweist auch auf die neuesten und sogar auf deutschsprachige Veröffentlichungen - verhält sich meist genauso. Unter der Masse der seit den achtziger Jahren veröffentlichten chinesischen Dokumente scheint kritisches Hinterfragen der zugrunde liegenden Interpretations- und Veröffentlichungsmuster weitgehend begraben worden zu sein. Wie so viele andere überlässt Schram die Geschichte im Wesentlichen Mao und dessen Parteihistorikern.

          FREDDY LITTEN

          Mao's Road to Power

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.04.2000, Nr. 93 / Seite 9

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