http://www.faz.net/-gqz-6qdph

Rezension: Sachbuch : "In ordnungsgemäßer und humaner Weise"

  • Aktualisiert am

Die Vertreibungen am Ende des Zweiten Weltkriegs

          Heinz Nawratil: Schwarzbuch der Vertreibung 1945 bis 1948. Das letzte Kapitel unbewältigter Vergangenheit, Universitas Verlag, München 1999. 248 Seiten, 34,- Mark.

          Die Gelehrten verschiedener Fachrichtungen debattieren noch, ob es sich bei der Vertreibung aus Ostdeutschland und Ostmitteleuropa bei Ende des Zweiten Weltkrieges und in den unmittelbar folgenden Jahren mit über 2 Millionen Todesopfern "nur" um einen Demozid (Massenmord; so Gunnar Heinsohn) oder um einen Genozid (Völkermord; so Felix Ermacora) gehandelt hat. Unbestritten ist, daß die von der UdSSR, von Polen, der CSR, Jugoslawien und Ungarn ins Werk gesetzte und von den damaligen westlichen Alliierten mitzuverantwortende Zwangsdeportation von insgesamt wohl über 15 Millionen Menschen das größte Verbrechen dieser Art in der überlieferten Geschichte darstellte. Trotzdem besteht in weiten Teilen der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten eine erhebliche Unsicherheit bei Einordnung und Bewertung dieser Ereignisse, die dazu geführt hat, daß über die Vertreibung der Deutschen totale Unkenntnis und Ahnungslosigkeit bestehen, sofern das Geschehen nicht überhaupt als quasi naturgesetzliche, zwangsläufige Folge der NS-Herrschaft relativiert, kleingerechnet, gar gerechtfertigt wird.

          Dabei gehören, man vermutet es kaum, Vertreibung und Vertreibungsverbrechen zu den bestdokumentierten, aber am schlechtesten publizierten Massenverbrechen der Geschichte, wie Nawratil feststellt. 13 Millionen Seiten umfaßt nach einer Schätzung allein der Bestand "Ostdokumentation" des Bundesarchivs. Noch wesentlich umfangreicher, darauf weist Nawratil hin, ist die "Gesamterhebung zur Klärung des Schicksals der deutschen Bevölkerung in den Vertreibungsgebieten" des Kirchlichen Suchdienstes in München. Der Fülle der seit Jahrzehnten vorliegenden Dokumentationen und Literatur zum Geschehen entspricht die Präsenz im öffentlichen Bewußtsein in keiner Weise. Dabei besteht die Bundesbevölkerung heute objektiv zu rund einem Viertel aus Vertriebenen oder ihren Nachkommen. Die Zeit wird es mit sich bringen, daß dieser Anteil noch steigt. Bei einer Befragung im Jahr 1996 rechneten "sich selber oder jemanden aus der Familie" aber subjektiv nur zehn Prozent der 30 bis 49 Jahre alten und nur acht Prozent der unter 30 Jahre alten zu den Heimatvertriebenen. Über die Hälfte der Jüngeren weiß offenbar nichts vom eigenen ostdeutschen familiären Hintergrund. Das ist ein bemerkenswertes Ausmaß an Verdrängung. Warum das so ist, macht Heinz Nawratil neben Faktographie und Erforschung der Motive der Vertreiber zum Gegenstand seiner Studie, die erstmals 1982 unter dem Titel "Vertreibungsverbrechen an Deutschen" erschien und nunmehr in 4. überarbeiteter Auflage als "Schwarzbuch" erschienen ist. Darin gelingt aktualisiert ein Gesamtüberblick zur Vertreibung der Deutschen, der diesen Teil unserer Geschichte auch dem bisher Unkundigen im Zusammenhang plastisch und sachlich zugleich erläutert.

          Als Jurist und Notar stellt Nawratil an den Beginn seiner Studie die Darstellung des "Tatbestands" in den einzelnen Vertreibungsgebieten, in die immer wieder Zeitzeugenberichte, namentlich aus dem Bestand des Bundesarchivs, der sich heute im Bayreuther Lastenausgleichsarchiv befindet, eingestreut sind. Diese Erlebnisberichte machen selbst dort, wo sie in Andeutungen steckenbleiben, das Buch zusammen mit dem Bildteil zu einer furchtbaren Lektüre, der man sich aber nicht entziehen darf. Die Schilderungen insbesondere des Schicksals der Frauen, die der Roten Armee in die Hände fielen, oder der hunderttausendfachen Deportation aus den Oder-Neiße-Gebieten, aber auch aus Rumänien und Ungarn zur Zwangsarbeit in die hinterste Sowjetunion sind grauenhaft. Der Massenterror gegen die Zivilbevölkerung stellt sich nicht als Vielzahl individueller Exzesse dar, sondern als Mittel der Kriegführung bis lange nach dem Krieg und als Voraussetzung der schließlichen Zwangsausweisung.

          Weitere Themen

          So erinnern Briten an Weltkriegstote Video-Seite öffnen

          Schönes Symbol : So erinnern Briten an Weltkriegstote

          Sie sind ein Zeichen der Erinnerung an die Toten des Ersten Weltkriegs und späterer Einsätze der britischen Armee. Rote Mohnblüten am Revers sind ein verbreiteter Anblick in Großbritannien im Herbst.

          Der letzte Weltkriegsveteran des Senegals Video-Seite öffnen

          Abdoulaye Ndiaye : Der letzte Weltkriegsveteran des Senegals

          600.000 Soldaten wurden während des Ersten Weltkriegs von Frankreich aus seinen Kolonien rekrutiert. Der Senegalese Abdoulaye Ndiaye kämpfte als Scharfschütze, nach dem Krieg kehrte er heim in sein Dorf, wo heute eine löchrige Dorfstraße an ihn erinnert.

          Topmeldungen

          Migranten aus Mittelamerika klettern am 29. Oktober auf den Anhänger eines Lastwagens, während eine Karawane von Menschen ihren langsamen Marsch zur amerikanischen Grenze fortsetzt.

          Flüchtlingstreck nach Amerika : Endstation Mexiko?

          Tausende Menschen schieben sich aus Honduras durch Mexiko in einer langen Karawane Richtung Amerika. Doch Donald Trumps Drohung zeigt bei den ersten Flüchtlingen Wirkung.
          Quirinale: Sitz der italienischen Regierung.

          Euro-Tief : Italien schwächt den Euro

          Der Wechselkurs der Gemeinschaftswährung fällt auf den niedrigsten Stand seit Juni 2017. Am Markt herrscht Einigkeit: Schuld daran ist Italien. Und das Verhalten der populistischen Regierung in Rom verheißt auch für die Zukunft nichts Gutes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.