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Rezension: Sachbuch : In mildem Lichte

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Die Sowjetunion im Kalten Krieg: Selbst Gorbatschow ist kritischer als Wilfried Loth

          Wilfried Loth: Helsinki, 1. August 1975. Entspannung und Abrüstung. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1999. 317 Seiten, 19,90 Mark.

          Der Streit um die Ursachen des Kalten Krieges ist ebenso alt wie die globale Auseinandersetzung zwischen den beiden "Supermächten" selbst. Mehrere Schulen "revisionistischer" Zeithistoriker und Politikwissenschaftler bekämpften die "traditionelle" These, die Sowjetunion habe den Konflikt durch ihre expansive Politik ausgelöst, auf die der Westen mit "containment" reagieren mußte. Nach Ansicht der Revisionisten bestanden die Konfliktursachen in den Bestrebungen der Vereinigten Staaten nach globaler wirtschaftlicher Dominanz und in der Unfähigkeit des Westens, die defensiven sowjetischen Absichten zu erkennen.

          Wilfried Loth vertritt seit mehr als 20 Jahren moderat revisionistische Positionen und hat damit nicht unwesentlich die Interpretation des Kalten Krieges mitbestimmt. Sein Buch "Helsinki" bietet einen Gesamtüberblick über die Ost-West-Auseinandersetzung, insbesondere auf dem Feld der Sicherheitspolitik bis zum Zerfall des Ostblocks. Nach wie vor erscheint die Sowjetunion bei ihm in mildem Licht als unsichere, defensiv eingestellte und weitgehend entspannungsbereite Großmacht. Immer wieder ist von "sowjetischen Entspannungsoffensiven" die Rede. Als Teil einer solchen gelten Loth die Stalin-Noten von 1952, mit denen der Generalissimus vermeintlich freie Wahlen und ein neutrales Gesamtdeutschland anbot. Die damit verbundene Preisgabe des SED-Regimes wäre allerdings nicht zuletzt ein Verrat an "heiligen Gütern" des Weltkommunismus gewesen, wie Gerhard Wettig und andere zu Recht einwenden.

          Auf noch brüchigeres Eis begibt sich Loth mit der Behauptung, der Ausbau der innerdeutschen Grenze und der Aufbau einer DDR-Armee seien als Defensivmaßnahmen Stalins zu verstehen, um die "offensichtlich nicht mehr zu verhindernde westdeutsche Armee in Schach" zu halten. Dagegen spricht die Tatsache, daß bereits unmittelbar im Gründungsprozeß der DDR mit der Bildung zentralgeleiteter und nach militärischen Gesichtspunkten organisierter Polizeiformationen begonnen wurde.

          Kennedy wird dafür gerügt, daß er 1962 den Aufbau der sowjetischen Raketenstellungen auf Kuba nicht hinnahm. Die sowjetische Aktion wertet Loth zwar als "überdimensioniert", die Kriegsgefahr sei aber "von den Angriffsabsichten der amerikanischen Militärs und ihrer Unterstützer" ausgegangen. In der Entscheidung zur Intervention des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei 1968 sieht er "weniger eine Bekräftigung der Hegemonie der Sowjetunion über die Staaten des Warschauer Paktes . . . als vielmehr einen Sieg des kommunistischen Apparates über die Politik".

          Auch die deutsch-deutschen Beziehungen werden vor dem Hintergrund sowjetischer Entspannungsbemühungen behandelt. Die dabei gebotenen Erklärungen wirken teilweise geradezu grotesk: So hätte die Bekanntgabe einiger von der SED gewährter Reiseerleichterungen der Regierung Brandt/Scheel "möglicherweise . . . über die Hürde des Mißtrauensvotums" Ende April 1972 geholfen. Vom Stimmenkauf durch das DDR-Ministerium für Staatssicherheit hat Loth noch nichts gehört.

          Für die nach dem KSZE-Gipfel konstatierten "amerikanischen Abweichungen vom Entspannungskurs" macht Loth vor allem das "ungeschickte" Vorgehen Carters verantwortlich, der sich von "düsteren Warnungen" vor einer sowjetischen Hochrüstung habe beeindrucken lassen. Selbst den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan sah die Weltöffentlichkeit laut Loth zu Unrecht als Ausweis sowjetischen Expansionsstrebens an, vielmehr sei die sowjetische Politik auch in Zentralasien eher defensiv angelegt gewesen.

          Anders als Helmut Schmidt vermutete, hätten der sowjetischen Führung Erstschlagüberlegungen im Zusammenhang mit der Stationierung von SS-20-Raketen völlig ferngelegen. Statt dessen wäre der Austausch der überalterten SS 4 und SS 5 in ihren Augen ein "ganz normaler Vorgang" gewesen. Sogar Gorbatschow beschönigt in seinen "Erinnerungen" die Aufrüstungsentscheidung Breschnews sehr viel weniger: ein "unter dem Druck des militärisch-industriellen Komplexes" zustande gekommenes "unverzeihliches Abenteuer" ohne vorherige "Analyse der politischen und strategischen Folgen".

          Reagan wird von Loth auf sicherheitspolitischem Gebiet "geringe Sachkenntnis", verbunden "mit ausgesprochener Neigung zu öffentlicher Selbstdarstellung", bescheinigt. Kontrastiert mit dem finsteren kalifornischen Cowboy, erscheint Gorbatschow natürlich als Lichtgestalt, vor allem, wenn man außer acht läßt, daß die vom sowjetischen Parteichef proklamierte "Freiheit der Wahl" nur für die anderen Ostblockstaaten, nicht aber für die kolonialen Erwerbungen Sowjetrußlands galt. Auch von der politischen Verantwortung Gorbatschows für die blutigen Aktionen seiner Sondertruppen im Baltikum ist keine Rede.

          STEFFEN ALISCH

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