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Rezension: Sachbuch : Heimkehr ungewiss

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Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen war erst 1955 möglich

          Michael Borchard: Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion. Zur politischen Bedeutung der Kriegsgefangenenfrage 1949-1955. Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte, Band 35. Droste Verlag, Düsseldorf 2000. 352 Seiten, 56,- Mark.

          Vor fünfundvierzig Jahren mussten viele deutsche Familien mit der quälenden Ungewissheit leben, ob ein aus dem Krieg nicht heimgekehrter Vater, Ehemann, Bruder oder Sohn gefallen oder in Kriegsgefangenschaft geraten und damit möglicherweise noch am Leben war. Diese Situation erklärt die Begeisterung, die im September 1955 die Bundesrepublik erfasste, als Bundeskanzler Adenauer in Moskau die Heimkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus sowjetischen Lagern vereinbarte.

          Michael Borchards Darstellung über die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion fußt auf Akten aus der Bundesrepublik und der DDR. Gleichfalls einbezogen wurden amerikanische, britische und französische Archivalien. Eine Auswertung russischer Bestände war nicht möglich. Zunächst widmet er sich den juristischen und humanitären Aspekten. In der Moskauer Deklaration vom 30. Oktober 1943 war für zulässig erklärt worden, Kriegsverbrecher in den Ländern zu verurteilen, in denen sie ihre Taten begangen hatten. Damit bot sich für die Sowjetunion ein Vorwand, gefangene Wehrmachtsangehörige dem sowjetischen Strafrecht zu unterwerfen und sie - fern aller Grundsätze der Haager Landkriegsordnung - wegen "konterrevolutionärer Tätigkeit" oder "Schädigung des Volkseigentums" zu verurteilen: in der Regel zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit.

          Borchard verschweigt nicht, dass sich unter den Verurteilten auch tatsächliche Kriegsverbrecher befanden. Darüber hinaus macht er auf die gleichfalls völkerrechtlich fragwürdige Behandlung von Kriegsgefangenen durch die Westalliierten aufmerksam. Das Besondere an der Situation in der Sowjetunion war jedoch die Bedeutung, die den Gefangenen als Faustpfand im Verhältnis zu Nachkriegsdeutschland zukam. Politische Entwicklungen, so etwa die Gründung der Bundesrepublik, hatten direkte Auswirkungen auf ihr Schicksal, wie die 1949/50 einsetzende Welle von Verurteilungen zeigt. Damit kommt Borchard zum Kern seiner These: Aus einem eigentlich humanitären Problem wurde ein zutiefst politisches, das folglich nur auf politischem Wege gelöst werden konnte. Bezeichnend war auch die unterschiedliche Behandlung des Problems in den beiden deutschen Staaten. Während in der Bundesrepublik zunächst von Protestaktionen gegenüber der Sowjetunion abgesehen wurde, um eine Repatriierung nicht zu gefährden, wurde in der DDR die Heimkehr von Gefangenen propagandistisch ausgeschlachtet.

          Eine Zäsur stellte die Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS vom 4. Mai 1950 dar, dass sich nur noch fast 13 000 "Kriegsverbrecher" in sowjetischen Lagern befänden. Da zu keinem Zeitpunkt die wahre Zahl deutscher Kriegsgefangener in der UdSSR gesichert war, konnte dies bedeuten, dass das Schicksal von bis zu 1,5 Millionen deutschen Soldaten ungeklärt bleiben würde. In der DDR wurde nach der TASS-Erklärung das Thema Kriegsgefangene bis zum Tod Stalins 1953 aus der Öffentlichkeit und den Beziehungen zur UdSSR verbannt.

          Im Westen setzten dagegen die Bemühungen um eine Entlassung der Gefangenen erst richtig ein. Dabei verfügte die Bundesregierung nur über geringe Handlungsfreiheit. Folglich lag nahe, die Westmächte oder internationale Gremien einzuschalten. Eine 1950 von den USA ausgehende Initiative, das Problem vor die Vereinten Nationen zu bringen (ein primär propagandistisch motivierter Schritt), endete 1954 erfolglos.

          Gleichfalls ohne das gewünschte Ergebnis verlief der "Moskau-Plan" des Deutschen Roten Kreuzes von 1952, der von Borchard als Beispiel für eine Initiative der Wohlfahrtsverbände ausführlich dargestellt wird. DRK-Präsident Weitz bemühte sich um Kontakte mit dem Sowjetischen Roten Kreuz. Dies brachte ihn in Konflikt mit dem Bundeskanzler. Adenauer befürchtete wohl nicht zu Unrecht, dass sich Weitz von sowjetischer Seite zu gefährlichen Aussagen bewegen lassen könnte, etwa zu der Erklärung, es handele sich bei den Gefangenen um Kriegsverbrecher. Zudem war er überzeugt, dass sich diese Frage nur auf Regierungsebene regeln lassen würde.

          Borchard legt überzeugend dar, dass Weitz nicht an der Bundesregierung, sondern an der sowjetischen Auffassung scheiterte, dass das Problem der Kriegsgefangenen kein humanitäres, sondern ein politisches sei. Erst die zunehmende Souveränität und Westbindung der Bundesrepublik durch die Pariser Verträge von 1954 bot eine Lösung an. Mit dem wachsenden Interesse der Sowjetunion an einer Konsolidierung des Status quo in Europa und damit an diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik begann das Faustpfand Kriegsgefangene an Wert zu verlieren. Adenauer schätzte dies bei seinen Verhandlungen im September 1955 richtig ein.

          Borchard entkräftet die These, dass eine frühere Freilassung der Kriegsgefangenen möglich gewesen und von Adenauer auf dem Altar der Westbindung geopfert worden sei. Die Darstellung, die sich durch große Akribie und Sachlichkeit auszeichnet, belegt, dass es wissenschaftlich ertragreich ist, ein etwas "aus der Mode gekommenes" Thema mit einer klaren Fragestellung und auf breiter Quellenbasis aufzugreifen.

          ILSE DOROTHEE PAUTSCH

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