http://www.faz.net/-gqz-6qn34

Rezension: Sachbuch : Handwerkskunst des Bösen

  • Aktualisiert am

Eine profunde Analyse der Wurzeln, Aktionsformen und Netze des Terrorismus

          Bernhard Rabert: Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland 1970 bis heute. Bernard & Graefe Verlag, Bonn 1995. 400 Seiten, zahlreiche Dokumente, Faksimiledrucke, 48,- Mark.

          Für viele Medien scheinen Meldungen über Verhaftungen von Alt-Terroristen, von neuen Prozessen und internationalen Fahndungserfolgen nur noch als Nachrichtenschnipsel verwertbar zu sein. Die aktuelle Diskussion über den "Nuklear-Terrorismus" lenkt offenbar von der Frage ab, ob wir uns an den Terror von rechts und links als einen Dauertribut offener Gesellschaft gewöhnt haben. Dabei könnte der bisher erfolgreiche Abwehrkampf gegen die blutige Herausforderung dieser Republik neuen Mut machen und zur Erneuerung des antitotalitären Grundkonsenses anstiften.

          Terrorismus als systematische, planmäßige Androhung oder Anwendung von politisch motivierter und in Überraschungscoups organisierter Gewalt hat sein strategisches Kernziel in der Vernichtung des Gesellschaftssystems. Entsprechend bekämpft unsere Republik solche Bestrebungen nach dem Strafgesetzbuch und nach Paragraph 4 des Bundesverfassungsschutzgesetzes. Mit dem Maßstab der freiheitlichen demokratischen Grundordnung analysiert und beurteilt Rabert die Aktionen des Terrorismus. Eine liberal-konservative Perspektive ist dabei zuweilen auffällig.

          Historische, psychologische, gruppendynamische Zugangswege vereinend, erweist sich der biographische Erklärungsansatz als für Autor und Leser besonders ergiebig. Über die Rezeptionen der Feindbilder "BRD", "Faschismus", "Imperialismus" eröffnet der Autor die Wege zu den revolutionären Milieus, den Wahrnehmungssperren gegen die Realität, zu den Selbstultimaten des bewaffneten Kampfes. Wie bei einem Stollenvortrieb hat Rabert sorgfältig gegliedert und argumentativ abgestützt. Das dabei verbaute Material erhebt die Studie in den Rang der bislang tiefschürfendsten Paralleluntersuchung der Motive, Ziele und Organisationen des rechten wie linken Terrorismus, wobei letzterer sich 1970 mit zwanzig Anschlägen erstmals als Springflut ankündigte (1968 vier, 1969 sechs terroristische Gewalttaten).

          Rechts entstand aus latenten Konglomeraten von Rassismus, Antisemitismus und völkischer Aggressivität erst 1977 mit Michael Kühnens Aktionsfront Nationaler Sozialisten (ANS) eine nach Planung und Handlung vollgültige rechtsterroristische Gruppierung. Sie stiftete Ableger und Fusionen, aktivierte Frust zum Schlägerrassismus und dies besonders ab 1991 auf dem Gebiet der Ex-DDR. Doch der entschiedene Kampf gegen die Rechte beschränkte im großen und ganzen den Rechtsterrorismus auf Ejakulate streunender Gewaltsamkeit, fruchtbar vor allem für die Medien angesichts einer von Haßausbrüchen, Brandschatzung und Tötungsdelikten geschockten Öffentlichkeit. Gleichzeitig bewies sich rechts ein hoher legitimatorischer Leerlauf im Gegensatz zu links, wo das ideologische Bindegewebe ungemein dichter strukturiert scheint. Logistische Kompetenz und technische Entfaltungsraffinesse krimineller Energien zeigen den Linksextremismus weiter in Vorhand. Die Gewaltdosierung etwa bei den jüngsten Anschlägen auf die Wohnhäuser der CDU-Politiker Theodor Blank und Paul Breuer indizieren, daß die Antiimperialistische Zelle (AIZ) hier durchaus in der Erbfolge der RAF steht. Dies auch in ideologischer Hinsicht. Im AIZ-Grundsatzpapier vom 13. Juli 1995 wird der Staat vor Verfolgung und Einschüchterung gewarnt. Zugleich, so werden die Genossen aufgefordert, soll "militant" und "autonom" dort eine tödliche Bedrohung geschaffen werden, "wo die eliten wohnen, arbeiten und dies für sie eine unerträgliche situation zur folge hat". Gegen die Vereinigten Staaten und die EU müsse eine Gegenmacht aus allen antiimperialistischen Kräften geschaffen werden; dies auch unter Einschluß "militanter kurd/inn/en". Solche Sprache und Ziele eines internationalen revolutionären Kampfes verweisen zurück auf Quellgründe und Blutspuren der endsechziger und siebziger Jahre. Von ihnen aus verfolgt Rabert die Wege bis zur Ermordung von Bankier Herrhausen (30. November 1989) und Treuhand-Chef Rohwedder (1. April 1991) sowie bis zur Sprengung des Gefängnisneubaus in Weiterstadt im März 1993. Die Anzahl der Mordopfer und die Handwerkskunst des Bösen bestimmten weiterhin den rechten zur Komparserie des linken Terrorismus trotz des rechtsextremistischen "Gewaltjahres" 1992.

          Raberts Analyse der kriminellen Energien des Rechts- und Linksextremismus belegt mit feinsten, dicht gefügten Präparatschnitten die lange Entwicklung eines bislang vergeblichen Kampfes gegen diese Republik. Die entsprechend großen Literaturberge zum Thema hat der Autor diszipliniert bewältigt. Viele, allgemein nicht zugängliche Dossiers und Ermittlungsergebnisse wurden in die Studie eingearbeitet. Sie bietet nach Meinung des Rezensenten die größte Dichte an Selbstzeugnissen aus der Terrorismus-Szene. Damit sind die Verdienste von Aust, Backes, Jesse und anderen um die Erforschung des Terrorismus nicht geschmälert. Aber wohl nie zuvor wurden in so filigraner, feinnerviger Weise die Ideologie der RAF, ihr Aufstieg und ihre Erosion dargestellt. Auch für den parallel untersuchten Rechtsterrorismus ergibt sich eine gleichwertige Beurteilung der von Rabert geleisteten Ermittlungen. Aus ihnen gestaltet der Verfasser die bislang profundeste Analyse der Wurzeln, Aktionsformen und Netzwerke des Terrorismus als höchster Intensitätsstufe des Extremismus. Circa zweitausend Fußnoten und ein vierzigseitiger Apparat bezeugen keine Stoffhuberei, sondern vielmehr den operationalen Einsatz eines kritischen Rationalismus, der sich selbst, die Sache, den Leser und die Verantwortung für unsere res publica ernst nimmt. MANFRED FUNKE

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mays Brexit-Deal : Zumindest der Umweltminister bleibt

          Bislang zeichnet sich keine Mehrheit für Mays Brexit-Entwurf ab, doch alternative Szenarien haben noch weniger Unterstützer. Richtungsweisend könnte das angekündigte Misstrauensvotum werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.