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Rezension: Sachbuch : Grausame Kampagnen

  • Aktualisiert am

Ein wenig überzeugender Versuch, die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs in China darzustellen

          Dieter Kuhn: Der Zweite Weltkrieg in China. Duncker & Humblot, Berlin 1999. 385 Seiten, 98,- Mark.

          19 Millionen Tote? 95 Millionen Flüchtlinge? Die Zahlen sind, wie so oft, umstritten; unzweifelhaft ist indes, dass der chinesisch-japanische Krieg zu den größten Katastrophen zählt, die China im zwanzigsten Jahrhundert heimsuchten. Die Vorgeschichte dieses Krieges, als dessen Beginn der so genannte "Mukden-Zwischenfall" am 18. September 1931 anzusehen ist, reicht bis in das 19. Jahrhundert zurück. Nach den Auseinandersetzungen in Shanghai 1932 und der Gründung des Marionettenstaates Manchukuo trat der Konflikt in eine etwas ruhigere Phase ein, die jedoch weiterhin von einer Ausdehnung des japanischen Einflusses vor allem auf die (Innere) Mongolei und Nordchina geprägt war. Mit dem "Zwischenfall" an der Marco-Polo-Brücke am 7. Juli 1937 begann eine weitere, mehr als ein Jahr dauernde heiße Phase des Krieges, die vor allem durch das von den Japanern mit äußerster Brutalität durchgeführte "Nanking-Massaker" traurige Berühmtheit erlangte. Die chinesische Regierung unter Tschiang Kai-schek wich nach Tschungking im Südwesten aus; Städte wie Peking, Schanghai, Wuhan und Kanton sowie wichtige Eisenbahnlinien standen unter japanischer Kontrolle.

          Ab 1939 kam es zwar immer wieder zu Kampagnen, Schlachten und verheerenden "Vergeltungsmaßnahmen" der Japaner, zum Beispiel als Reaktion auf kommunistische Überfälle, doch änderte sich die Gesamtlage kaum, abgesehen von der japanischen "Ichigo-Offensive" 1944. Endgültig mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour am 7. Dezember 1941 bildete der chinesische Kriegsschauplatz einen Bestandteil des nunmehr tatsächlich globalen Zweiten Weltkriegs. Aber nicht nur mit internationalen Ereignissen stand der Krieg in Verbindung; wichtige Wechselwirkungen ergaben sich mit innerchinesischen Konflikten, die während der gesamten Zeit in wechselnder Intensität stattfanden und als deren bedeutendster der zwischen Nationalisten und Kommunisten anzusehen ist.

          In Europa, gerade auch in Deutschland, ist der Kriegsschauplatz China kaum im Bewusstsein der Bevölkerung, sieht man vielleicht einmal vom "Nanking-Massaker" ab. Eine Darstellung des Gesamtgeschehens, überdies in deutscher Sprache, wäre also grundsätzlich zu begrüßen. Das aus Vorlesungsmanuskripten und Seminarvorbereitungen hervorgegangene Buch des Würzburger Sinologen Dieter Kuhn erfüllt jedoch die Erwartungen nicht. Zur intendierten Vermittlung von "Ereignisgeschichte" und "Zusammenhängen und Wirkungen" verwendet er ausschließlich gedruckte Quellen und vor allem Sekundärliteratur, in beiden Fällen eine teilweise unverständliche und unzulängliche Auswahl. So fällt bei der Durchsicht des Literaturverzeichnisses auf, dass nur ein chinesischer Zeitschriftenartikel verwendet, aber auch bei der westlichen Literatur weitgehend auf diese Textgattung verzichtet wurde. Eine chinesische Fachzeitschrift zum Thema ("KangRi zhanzheng yanjiu - The journal of studies of China's resistance war against Japan") wird beispielsweise nicht erwähnt. Hinzu kommt, dass auch zahlreiche Bücher fehlen, darunter Spezialstudien und Literatur zum Umfeld des Themas.

          Das Problem beschränkt sich jedoch nicht auf die verwendete Literatur. Kuhns Darstellung fehlt die Ausgewogenheit: Die Zeit vor dem 7. Juli 1937, der für den Autor ohne eingehende Begründung den Beginn des Zweiten Weltkriegs in China markiert, wird in wenigen Zeilen abgehandelt. Dagegen werden den für den Krieg eher marginalen Ausrichtungskampagnen und Literaturdiskussionen im kommunistischen Yenan mehrere Seiten gewidmet - ohne dass Impulse der neueren Forschung aufgegriffen würden. Einzelne Schlachten werden en detail dargestellt; die "Tientsin-Krise", die schon Mitte 1939 zu einem britisch-japanischen Krieg hätte führen können, fehlt. Selbst die amerikanische China- und Japan-Politik, einer der zentralen Faktoren für das Geschehen, wird kaum auch nur ansatzweise ihrer Komplexität gebührend behandelt, von der entsprechenden britischen oder sowjetischen Politik ganz zu schweigen.

          Widersprüche und Fehler verschlechtern den Eindruck. Zuerst heißt es, "dass die Niederlage Japans nicht in China besiegelt wurde, sondern im Pazifischen Krieg gegen die Vereinigten Staaten"; fünf Seiten später: "Obgleich die chinesische Kriegsführung zum Sieg über Japan führte . . ." Als einen der Gründe für die "Ichigo-Offensive" 1944 führt Kuhn an, "dass die Bomber von General James Doolittle nach ihren Angriffen auf Ziele in Japan immer wieder chinesische Flugplätze anflogen". Tatsächlich handelte es sich um einen einzigen Luftangriff auf Tokio am 18. April 1942 unter dem Kommando von Oberstleutnant Doolittle; die "Vergeltung" erfolgte kurz darauf in Form der japanischen "Chekiang-Kiangsi-Offensive" im Sommer 1942. Obwohl diese wiederum mit erheblicher Grausamkeit geführte Kampagne mutmaßlich eine Viertelmillion Chinesen das Leben kostete, wird sie im vorliegenden Buch nicht erwähnt.

          Mit diesem Buch bleibt Kuhn, der etwa zur chinesischen Technikgeschichte international anerkannte Beiträge geleistet hat, von dem im Vorwort gestellten Ziel einer "kritischen Beurteilung der Ereignisgeschichte des Zweiten Weltkriegs in China" weit entfernt. Bedauerlicherweise ist auch kein Ansatz zu erkennen, um die teilweise dem Thema innewohnenden und von Kuhn durchaus erkannten Schwierigkeiten, wie etwa die oft von politischen Positionen geprägte bisherige Geschichtsschreibung, zu überwinden oder zu umgehen. Eine verlässliche Darstellung und fundierte Erklärung und Bewertung der Geschehnisse auf dem Kriegsschauplatz China zwischen 1931 und 1945 wird weiter schmerzlich vermisst.

          FREDDY LITTEN

          Der Zweite Weltkrieg in China

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2000, Nr. 113 / Seite 12

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