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Rezension: Sachbuch : Geschichten ohne Moral

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Das Herz der Dunkelheit, das Herz Afrikas

          Adam Hochschild: "King Leopold´s Ghost". A Story of Greed, Terror and Heroism in Colonial Africa. Houghton Mifflin Company, Boston, New York 1998. 366 Seiten, 26 Dollar.

          Philip Gourevitch: "We wish to inform you that tomorrow we will be killed with our families". Stories from Rwanda. Farrar, Straus and Giroux, New York 1998. 356 Seiten, 25 Dollar.

          Im Winter 1898/99 schrieb Joseph Conrad seine vielleicht berühmteste Novelle: "Heart of Darkness". Die Erzählung eignet sich für die verschiedensten Interpretationen - nicht zuletzt bildete sie eine Grundlage für Francis Ford Coppolas Vietnam-Film "Apocalypse Now" -, sie hatte jedoch einen realen und den Zeitgenossen bewußten Hintergrund: die Verhältnisse im Unabhängigen Kongostaat, die Conrad selbst auf einer Reise 1890 erfahren hatte.

          1885 hatte König Leopold II. von Belgien ein großes Gebiet in Afrika als Unabhängigen Kongostaat proklamiert, um dann als dessen alleiniger Herrscher sogleich mit der wirtschaftlichen Ausbeutung zu beginnen. Anfängliche Bestrebungen, auch der einheimischen Bevölkerung Gutes zu tun, verloren im Lauf der Jahre fast völlig an Bedeutung; der Kongostaat begann einem gewaltigen Zwangsarbeitslager zu ähneln, dessen einziges Ziel eine möglichst hohe Kautschuk- und Elfenbeinausbeute war.

          Die Verhältnisse beunruhigten nicht nur andere Mächte, sie führten auch zu einer internationalen Bewegung gegen Leopold II. und das System der Ausbeutung im Kongostaat. Der Einsatz von Menschenrechtsaktivisten wie Roger Casement und E. D. Morel, aber auch zum Beispiel Mark Twain trug dazu bei, daß schließlich 1908, kurz vor dem Tod Leopolds II., Belgien den Kongostaat als Kolonie übernahm und den schlimmsten Auswüchsen ein Ende setzte.

          Mit dieser Thematik beschäftigt sich Adam Hochschild, ein amerikanischer Journalist. Auf den ersten Blick wirkt sein Buch fachkundig, doch bei genauerem Hinsehen verflüchtigt sich der gute Eindruck. So erfährt man zwar beispielsweise, mit welchen seiner Töchter Leopold II. wann nicht mehr sprach, nichts jedoch darüber, daß bereits 1894/95 die Übernahme des Kongostaates durch Belgien geplant war, aber nicht zustande kam.

          Schwerer wiegt, daß Hochschild weitgehend kritiklos der damaligen Debatte verhaftet bleibt. Sein Buch ist keine Geschichte oder Analyse des Unabhängigen Kongostaats, nicht einmal der damaligen "Menschenrechtsbewegung"; eher ist es eine Mischung aus Moralstück und Jubiläumsschrift der "Congo Reform Association". Darüber hinaus behauptet der Verfasser, das Morden im Kongo habe seinerzeit genozidale Ausmaße angenommen - was immer man darunter verstehen soll. Abgesehen davon, daß die von ihm genannte Zahl des Bevölkerungsverlusts zwischen 1880 und 1920 (etwa 10 Millionen) aus der Luft gegriffen ist, wäre sie ohnehin nicht aussagekräftig, da die Todesursachen, der Rückgang der Geburtenrate und die Verantwortung der Kolonialverwaltung nicht erläutert werden. Nicht einmal Migration wird von Hochschild berücksichtigt. Die Folgen dieses pseudowissenschaftlichen Kapitels sind abzusehen: dem inflationären Gebrauch des Begriffs "Genozid" oder "Holocaust" wird Vorschub geleistet - der Untertitel der französischen Ausgabe lautet "Ein vergessener Holocaust" -, und die Phantasiezahl "10 Millionen" wird sich wohl für längere Zeit festsetzen. Nach dem bisherigen Kenntnisstand gab es im Kongostaat keinen Genozid, sondern ein menschenverachtendes, brutales System der Ausbeutung mit einer beträchtlichen, jedoch unbekannten Zahl an Opfern.

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