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Rezension: Sachbuch : Fußnote in der Weltgeschichte

  • Aktualisiert am

Deutsch-britische Verhandlungen über portugiesische Kolonien

          Rolf Peter Tschapek: Bausteine eines zukünftigen deutschen Mittelafrika. Deutscher Imperialismus und die portugiesischen Kolonien. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2000. 475 Seiten, 144,- Mark.

          Als das Deutsche Reich am Ende des 19. Jahrhunderts von der Welle des Hochimperialismus erfaßt wurde, trachtete es danach, auch durch die Erweiterung des eigenen Kolonialreiches zu einem der führenden Weltreiche aufzusteigen. Die Reichsleitung konnte angesichts des bereits verteilten Kuchens jedoch nur darauf hoffen, insbesondere kleineren und schwächeren Ländern Teile ihrer Kolonien abzujagen. So sollte versucht werden, aus den eigenen weit verstreut liegenden afrikanischen Besitzungen ein zusammenhängendes mächtiges Gebilde zu schaffen, das politisch, wirtschaftlich und militärisch Deutschlands Stellung in der Welt aufwertete.

          Unter dem Schlagwort "Mittelafrika" wurden von Publizisten und Politikern zahlreiche Pläne geschmiedet, wie man doch noch zu einer führenden Kolonialmacht aufsteigen könnte. Im Zentrum der Begierde stand der französische und der belgische Kongo sowie die portugiesischen Kolonien Angola und Mosambik. Tschapeks verdienstvolle Darstellung untersucht die letztlich vergeblichen Bemühungen der deutschen Diplomatie, Teile der südafrikanischen Kolonien Portugals an sich zu reißen, um so dem anvisierten großen "Mittelafrika" ein Stück näher zu kommen.

          Ansatzpunkt war die finanzielle Schwäche Portugals, die sich 1897/98 bis zum Staatsbankrott auszuweiten drohte. Das Auswärtige Amt hoffte, Lissabon über die Gewährung einer Anleihe zur Verpfändung seiner Kolonien zwingen zu können. Für diesen Fall einigten sich Großbritannien und Deutschland im August 1898 in einem Geheimvertrag über die Aufteilung Angolas und Mosambiks. Unterdessen gelang es Portugal jedoch, den Staatsbankrott abzuwenden, so daß die Annexionspläne der Großmächte Makulatur blieben.

          London hatte zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur wenig Interesse an diesen Plänen und ging rasch eigene Wege. Im Vorfeld des Burenkrieges ging es vor allem um die Isolierung Transvaals. Dementsprechend sicherte Großbritannien im Oktober 1899 Lissabon zu, dessen Kolonien gegen militärische Angriffe zu verteidigen. Umgekehrt versprach Portugal, künftig Waffentransporte für die Buren durch den Süden Mosambiks zu unterbinden. Wenngleich der Vertrag de jure nicht im Widerspruch zur deutsch-britischen Übereinkunft stand, so widersprach er zumindest dessen Geist.

          In den kommenden Jahren deutsch-britischer Entfremdung waren die portugiesischen Kolonien kein Gegenstand der Diplomatie mehr. Dies änderte sich erst nach der zweiten Marokkokrise von 1911, als Außenminister Grey und Reichskanzler von Bethmann Hollweg über eine Annäherung in "peripheren" Fragen die stark belasteten Beziehungen verbessern wollten. London hatte nunmehr weit weniger Probleme, dem Deutschen Reich einen kolonialen Zugewinn zuzugestehen, und Berlin sah die schrittweise Verwirklichung der alten Mittelafrikapläne als geeignetes Mittel zur Kompensation des gefährlich anschwellenden bürgerlich-nationalistischen Drangs zur Weltgeltung an. Daher bot sich eine Neuverhandlung des Vertrages von 1898 an.

          Tschapek kann anschaulich nachweisen, daß dieser zweite Anlauf ungleich mehr Erfolgschancen hatte als der erste. Im Oktober 1913 paraphierten Foreign Office und Auswärtiges Amt ein Abkommen, das Portugal kaum mehr Chancen beließ, seine südafrikanischen Kolonien zu behalten. Demnach sicherten sich Großbritannien und Deutschland im Falle von anhaltender Mißwirtschaft in Angola und Mosambik das Recht zu, sich diese Gebiete schrittweise einzuverleiben.

          Lissabon konnte nur durch eine kostenintensive Verbesserung seiner Kolonialverwaltung dem Vorwurf der Mißwirtschaft entgehen. Das hierfür notwendige Geld war nur in Deutschland oder Großbritannien zu beschaffen, somit in Ländern, welche die Gewährung einer Anleihe als Hebel zur Annexion verwenden wollten. Zudem hätte die Verbesserung der verhaßten portugiesischen Verwaltung vermutlich einen Aufstand hervorgerufen, der wiederum den Großmächten einen Vorwand zum Einschreiten gegeben hätte.

          Das Deutsche Reich hatte somit kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges mittelfristig gute Chancen, Teile des portugiesischen Kolonialreiches zu erwerben, zumal auch die wirtschaftliche Infiltration Fortschritte machte. Allerdings: Die öffentliche Meinung war in Deutschland zu diesem Zeitpunkt bereits derart von der Agitation vom unvermeidlichen Krieg durchsetzt, daß sie sich vom Erfolg einer schrittweisen Unterwanderung der portugiesischen Kolonien nicht hätte beruhigen lassen.

          Die Wilhelmstraße fürchtete die Kritik der nationalistischen Presse derart, daß sie die erforderliche Veröffentlichung des Vertrages aufschob. Das Abkommen konnte daher offiziell nicht in Kraft treten, obgleich es inoffiziell bereits als Leitlinie akzeptiert wurde. Bethmann Hollweg ordnete erst kurz vor Kriegsbeginn 1914 die Publikation an. Die Julikrise verhinderte dann alle weiteren Schritte. Der Reichsleitung war die Zeit davongelaufen. Letztlich kam der Erfolg des Oktober 1913 mindestens um zehn Jahre zu spät, um mehr zu sein als eine Fußnote in der Geschichte der internationalen Beziehungen.

          SÖNKE NEITZEL

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