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Rezension: Sachbuch : Franco als Langweiler

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Eine überflüssige und schludrige Biographie

          Claude Martin: Franco. Eine Biographie. Aus dem Französischen von Romain Baulesch und Gunther Martin. Leopold Stocker Verlag, Graz 1995. 340 Seiten, 12 Abbildungen, 49,80 Mark.

          Spaniens 1975 verstorbener Diktator Francisco Franco hat zu seinen Lebzeiten wenig Sympathien im Ausland gefunden, auch nicht bei den Historikern. Für diese war er wenn nicht ein grausamer Unterdrücker der demokratischen Freiheiten, doch eine menschlich wenig attraktive Person, ein Mann ohne große Ideen. Die Diktatur zeigte sich aber, vor allem, als sie um gutes Wetter bei den westlichen Demokraten werben mußte, interessiert an positiven Berichten und freundschaftlichen Biographien ihres obersten Mannes, des Generals Franco, der sich stolz "Caudillo Spaniens von Gottes Gnaden" nannte. Francos Regierung bezahlte zahlreiche, auch deutsche, Journalisten für ihre freundschaftlichen Berichte und fand in Deutschland einen Studienrat, der eine hymnische Biographie über den Generalissimus Francisco Franco schrieb, die dann, luxuriös in mehreren Sprachen ediert, von der Regierung vorwiegend an Ausländer verschenkt wurde.

          Der Franzose Martin hatte schon im Jahre 1959 eine apologetische Biographie Francos geschrieben, die dann etwas später unter dem Titel "Franco, Soldat und Staatsmann" ins Spanische übersetzt wurde und kurioserweise jetzt, in einer Zeit, in der kaum jemand sich für den vor zwei Jahrzehnten verstorbenen Diktator interessiert, um ein kurzes Kapitel verlängert in einem österreichischen Verlag auf deutsch erscheint. Claude Martin ist nach Angabe des Leopold Stocker Verlages französischer Journalist und lebt seit vielen Jahren in Spanien; dort ist er aber für die spanischen Politiker wie für die französischen Journalisten ein Unbekannter. Martin wiederum ist offensichtlich manches in Spanien unbekannt: etwa daß Francos Geburtsstadt El Ferrol längst und gern auf den ihr von dem Diktator verliehenen Zusatz "del Caudillo" verzichtet hat.

          Seltsamer ist da allerdings schon, daß Martin oder seine Übersetzer - ob eine französische Originalausgabe des erweiterten Textes existiert, gibt der österreichische Verlag nicht an - den Madrider Stadtteil Pozo del Tío Raimundo für eine Person halten (Seite 323). Die Bombe, die am 13. September 1974 in der Nähe der Polizeikommandantur in Madrid explodierte und elf Menschen tötete, wurde auch nicht von der Organisation FRAP gelegt. Die zahlreichen Fehler und Ungenauigkeiten in dem hinzugefügten Text zeigen, daß der Autor in den letzten Jahren des Regimes die Ereignisse in Spanien nicht mehr so genau verfolgt hat.

          Für die Zeit vorher standen ihm die regimefreundliche historische Literatur und die Propagandaschriften der Franco-Seite in und nach dem Bürgerkrieg zur Verfügung. Das eine oder andere gegenüber dem Diktator und seinem Staat kritische Buch hat er immerhin in der Bibliographie angeführt. In dem Teil über den Bürgerkrieg verfährt Martin nach der bekannten Methode: Auch auf der guten Seite - in diesem Falle der Francos - kamen Verbrechen und Mordtaten vor, doch viel weniger als bei den Bösen - das sind für ihn die Republikaner. Einigermaßen zutreffend ist die Darstellung des Treffens Francos mit Hitler im Oktober 1940 in dem spanisch-französischen Grenzstädtchen Hendaye.

          Für die politische Einstellung des Autors sind einige Äußerungen im Kapitel "Der letzte Akt" kennzeichnend. Dem Informationsminister Francos, Cabanillas - einem Mann mit "liberalen Tendenzen" - wird vorgehalten, daß er die im akademischen Ton verfaßten und ganz und gar unerquicklichen Polemiken der Christdemokraten aus der "Tacito"-Gruppe in der katholischen Zeitung "Ya" geduldet habe, außerdem zuließ, daß der zum Generalsekretär der Sozialisten gewählte junge Jurist aus Sevilla, Felipe González, von der mächtigen Sozialdemokratie der Bundesrepublik gefördert, im Correo de Andalucía Erklärungen abgeben konnte.

          Die umfassende und sicher auch bisher beste politische Biographie Francos, die von Paul Preston, ist noch nicht in deutscher Sprache erschienen. Was für einen Sinn soll es also haben, gerade jetzt eine in den historischen Ereignissen unzuverlässige Propagandaschrift übersetzen zu lassen? Martins Machwerk ist außerdem so schlecht geschrieben, daß selbst die möglichen Leser aus dem rechtsextremen Bereich in Deutschland und Österreich sich langweilen müssen. WALTER HAUBRICH

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