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Rezension: Sachbuch : Ehrensache

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          REICHSTAG. Für die einen war es heilige Pflicht zur Verteidigung der Ehre, für andere dagegen ein eigenmächtiger Eingriff in die bestehende Rechtsordnung. Kaum ein anderes Phänomen ist besser geeignet, die Diskrepanz zwischen Modernität und Rückständigkeit des deutschen Kaiserreiches aufzuzeigen, als das Duell. Sechs Jahre nach der wegweisenden Arbeit von Ute Frevert über den Zweikampf der "Ehrenmänner" untersucht nun eine Freiburger Dissertation die politische Dimension einer Tradition, die sich in der satisfaktionsfähigen Gesellschaft der Studenten, Akademiker und Offiziere großer Beliebtheit erfreute, außerhalb dieser Kreise aber seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts zunehmend als anachronistisch in Frage gestellt wurde. Im Zentrum der Studie von Bringmann steht die - allerdings mit manchen Längen geschilderte - parlamentarische Behandlung des Themas. Obwohl durch das Strafgesetzbuch von 1871 verboten, zählten Duelle zur Tagesordnung, so daß sich der Reichstag seit 1886 wiederholt mit dem "Duellunwesen" auseinandersetzen mußte. Einen Höhepunkt erreichte die Debatte während der von der Forschung bislang unterschätzten Affäre Kotze. Leberecht von Kotze, einer der beiden Zeremonienmeister Wilhelms II., stand unter dem Verdacht, seit Anfang der neunziger Jahre Mitglieder der Berliner Hofgesellschaft durch zahlreiche anonyme Schmähbriefe beleidigt zu haben. Kotze wurde freigesprochen, forderte den Denunzianten zu einem Pistolenduell und tötete ihn. Die Affäre weitete sich zu einer ernsten Staatskrise aus, da sich Vertreter aus der unmittelbaren Umgebung des Kaisers in aller Öffentlichkeit duelliert und dadurch dem Gesetz mit Billigung des Monarchen zuwidergehandelt hatten. Mit einer Reihe von Interpellationen im Laufe des Jahres 1896 machten vor allem Abgeordnete des Zentrums und der Sozialdemokraten deutlich, daß sie diese Mißachtung des Reichstages nicht länger hinzunehmen bereit waren, einen Durchbruch schafften sie jedoch nicht. Auch wenn Wilhelm II. durch eine Kabinettsorder vom 1. Januar 1897 die Zweikämpfe unter dem Druck der Öffentlichkeit einschränkte, blockierten sich duellfreundliche und -feindliche Parteien gegenseitig, so daß der Reichstag in der Duellfrage eine "mächtige Ohnmacht" blieb. Dies vermag Bringmann anhand vieler Details überzeugend nachzuweisen, auch wenn der Text eine abschließende sprachliche Überarbeitung erfordert hätte. (Tobias C. Bringmann: Reichstag und Zweikampf. Die Duellfrage als innenpolitischer Konflikt des deutschen Kaiserreichs 1871-1918. HochschulVerlag, Freiburg im Breisgau 1997. 496 Seiten, 92,- Mark.) RALPH ERBAR

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