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Rezension: Sachbuch : Doppel- und Urdoppelstaat

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Ernst Fraenkels Bücher und Aufsätze haben nichts von ihrem Informations- und Bildungswert eingebüßt

          Ernst Fraenkel: Gesammelte Schriften. Band 2: Nationalsozialismus und Widerstand. Herausgegeben von Alexander von Brünneck. 676 Seiten, 128,- Mark. Band 3: Neuaufbau der Demokratie in Deutschland und Korea. Herausgegeben von Gerhard Göhler unter Mitarbeit von Dirk Rüdiger Schuhmann. 664 Seiten, 124,- Mark. Band 4: Amerikastudien. Herausgegeben von Hubertus Buchstein und Rainer Kühn unter Mitarbeit von Gerd Arendes und Peter Kuleßa. 1016 Seiten, 168,- Mark. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1999 und 2000.

          "Der Doppelstaat" gilt immer noch als eine einmalige wissenschaftliche Analyse des nationalsozialistischen Regimes. Ernst Fraenkel sah im Nebeneinander von "Normenstaat" und "Maßnahmenstaat" einen Schlüssel zum Verständnis des "Dritten Reiches". Diesen Zwiespalt erfuhr er am eigenen Leib: Als jüdischer Teilnehmer am Ersten Weltkrieg blieb er bis November 1938 formell gleichberechtigtes Mitglied der Anwaltschaft. Zur selben Zeit musste er jedoch ständig Schikanen der NSDAP und ihrer Organe erdulden. Unter schwierigsten Bedingungen verfasste der am 26. Dezember 1898 geborene Berliner Rechtsanwalt und engagierte Sozialist von 1936 bis 1938 sein Manuskript. Unter dem Pseudonym "Conrad Jürges" veröffentlichte er 1937 in der "Sozialistischen Warte" (Brüssel) den Aufsatz "Das Dritte Reich als Doppelstaat". Darin stellte Fraenkel klar, dass es sich um keinen echten politischen Dualismus handelte: "Die juristische Gestalt des deutschen Doppelstaates offenbart sich darin, dass die aufrechterhaltenen Gesetze des vornationalsozialistischen Rechtsstaates nur unter dem Vorbehalt einer jeweiligen Suspendierung durch den Maßnahmen-Staat ihre Wirksamkeit besitzen."

          Ein Jahr darauf konnte die Erstfassung des "Doppelstaates" von einem Diplomaten ins Ausland gebracht werden. Als Emigrant in den Vereinigten Staaten seit November 1938 widmete sich Fraenkel der amerikanischen Fassung seines Opus magnum, das um die Jahreswende 1940/41 unter dem Titel "The Dual State" erschien. Obwohl Fraenkel, seit 1953 Professor für Politische Wissenschaft an der Freien Universität Berlin, sich 1960 in einen Rundfunkvortrag noch ausdrücklich zur Idee des Doppelstaates bekannte, wehrte er sich lange Zeit gegen eine deutsche Ausgabe der Schrift. Schließlich kam das Buch Ende 1974 heraus - ein Vierteljahr vor Fraenkels Tod am 28. März 1975. Wird diese Version des "Doppelstaates" jetzt im zweiten Band der "Gesammelten Schriften" erneut publiziert, so handelt es sich bei dem ebenfalls abgedruckten "Urdoppelstaat" um eine Erstveröffentlichung.

          Auffallend ist die frühere dezidiert marxistische Position. Im "Urdoppelstaat" heißt es: "Aber nicht an ihrem Marxismus, an ihrem fehlenden Marxismus ist die Sozialdemokratie zugrunde gegangen." Nicht ganz so pointiert, jedoch sinngemäß übereinstimmend formuliert es die Zweitfassung von 1974. Im "Doppelstaat" können auch jene fündig werden, die als Gegner der Totalitarismus-Theorie das nationalistische Regime als Polykratie von rivalisierenden Machtzentren begreifen. Im "Urdoppelstaat" erklärt der Verfasser apodiktisch: "Die Annahme, dass das Dritte Reich ein totaler Staat sei, ist falsch." In der Zweitfassung steht, dass "man nicht von einem totalen Staat im weiteren Sinne des Wortes sprechen" könne.

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