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Rezension: Sachbuch : Die Faust in der Tasche, den Faust im Kopf und doch mit dem Teufel paktiert

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Über Leben in zwei Diktaturen: Fritz Klein und Karl-Heinz Gerstner erinnern sich teils auf gleiche Weise, teils unterschiedlich

          Fritz Klein: Drinnen und Draußen. Ein Historiker in der DDR. Erinnerungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000. 376 Seiten, 39,80 Mark.

          Karl-Heinz Gerstner: Sachlich, kritisch, optimistisch. Eine sonntägliche Lebensbetrachtung. edition ost, Berlin 1999. 448 Seiten, 39,80 Mark.

          Fritz Klein und Karl-Heinz Gerstner waren zu DDR-Zeiten Stützen des Regimes und renommierte Persönlichkeiten des sozialistischen Lebens. Klein, leitender Historiker in der Akademie der Wissenschaften, galt als Koryphäe der Geschichtsschreibung über den wilhelminischen Imperialismus; Gerstner, bis 1989 als Chefreporter der "Berliner Zeitung" und Moderator der pseudokritischen Fernsehsendung "Prisma" tätig, zählte zur Crème des DDR-Journalismus.

          Die Autobiographien dieser Autoren weisen bei aller Verschiedenheit in Charakter und Temperament bemerkenswerte Parallelen auf. Beide entstammen bürgerlichen Familien. Beide wuchsen im Berlin der Zwischenkriegszeit auf. Gerstner Jahrgang 1912, Klein Jahrgang 1924. Beide waren bündisch orientiert. Gerstner diente dem Dritten Reich als Diplomat im Westen, Klein als Soldat im Osten. Beide waren, wie sie hervorheben, keine Anhänger der NS-Diktatur. Beide beteiligten sich nach 1945 aus Überzeugung am Aufbau des Sozialismus in Ostdeutschland, lehnten aber die stalinistische Diktatur und den Dogmatismus der SED-Führung ab. Glaubt man ihren Autobiographien, so ertrugen sie den realen DDR-Sozialismus häufig nur mit der Faust in der Tasche. Trotz Goethes Faust im Kopf reichten beide irgendwann dem Staatssicherheitsdienst die Hand zum geheimen Pakt. Klein empfing noch im August 1989 seinen Führungsoffizier zur Informationsübergabe.

          Dem Führer des Dritten Reiches dient der junge Fritz Klein im Russlandfeldzug als Funkmelder. "Ich hatte den Krieg nicht gewollt oder begrüßt, glaubte nicht an einen deutschen Sieg und wünschte ihn auch nicht. (. . .) Ich tat meinen Dienst und funktionierte wie Millionen andere." Zur Desertion fehlten ihm, wie er schreibt, der Mut und die innere Bereitschaft. Im Herbst 1943 erfuhr er auf einer Rückreise vom Heimaturlaub Genaueres über die Judenvernichtung. Als der Zug durch Polen fuhr, begann ein Soldat im voll besetzten Abteil, darüber zu sprechen. In dieser Nacht sei ihm klar geworden, dass hinter der Front "ein Volk von Deutschen umgebracht" wurde.

          Als er sich 1945 in das zerstörte Berlin durchschlug, musste Klein erfahren, dass die Rache der Sieger auch den Kreis seiner Liebsten getroffen hatte. Zwei junge Frauen aus seiner Familie waren nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen mit vorgehaltener Waffe vergewaltigt worden. In der DDR wäre eine Schilderung dieser Geschehnisse nie gedruckt worden. Klein verschweigt sie heute selbst da nicht, wo sie ihn zutiefst geschmerzt haben. Um so irritierender ist es, dass er den Einmarsch der Roten Armee euphemistisch als Befreiung bezeichnet. Er selbst begründet diese Übernahme der Opferperspektive mit seiner "Scham über das Unheil, das Deutsche über andere Völker gebracht hatten", sowie der "Bereitschaft, daraus erwachsene Ansprüche der Sieger anzuerkennen".

          So in Übereinstimmung gebracht mit der neuen Lage begann er 1945 seinen "neuen Weg". Der führte ihn bereits 1946 in die Kommunistische Partei, deren Mitglieder "am radikalsten widerstanden hatten, am schärfsten verfolgt worden waren und nun am geschlossensten die neue Linie vertraten". Im Herbst 1946 nahm Klein an der wieder eröffneten Berliner Universität sein Geschichtsstudium auf. Er blieb dem neuen kommunistischen Weltbild treu, als sich viele seiner Kommilitonen enttäuscht von der Sache abwandten, "deren undemokratische, autoritäre, ja diktatorische Züge sie für unaufhebbar hielten". Einer von denen, die damals an die Freie Universität nach West-Berlin wechselten, war Klaus Bölling, mit dem sich Klein schon 1945 im antifaschistischen Jugendausschuss Zehlendorf angefreundet hatte.

          Hornhaut auf der Seele

          Als Klaus Bölling 1981 in offizieller Mission als diplomatischer Vertreter der Bundesrepublik nach Ost-Berlin kam, nahm er alsbald Kontakt zu seinem Jugendfreund auf und lud ihn zum Abendessen ein. Klein, zu dieser Zeit inoffiziell unter dem sinnigen Decknamen "Wilhelm" Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes, gab seinem Führungsoffizier weiter, was Bölling ihm unter vier Augen anvertraute. In seinen Erinnerungen erwähnt Klein diese Berichterstattung über Bölling nicht. Er spielt seine Tätigkeit für die Stasi als einen ständigen Kontakt herunter, der zur Abwehr "von Annäherungsversuchen der CIA" gedacht war: "Ich informierte einen Verbindungsmann mündlich über Begegnungen mit Amerikanern, wobei man vor allem wissen wollte, welche Fragen mir im Laufe des jeweiligen Gesprächs gestellt worden seien." Verdienstmedaillen der Nationalen Volksarmee, die ihm der Staatssicherheitsdienst zum 60. und 65. Geburtstag verlieh, werden als DDR-typische "Auszeichnungsmanie" verbucht, der keine Bedeutung beizumessen sei. Ausflüchte dieser Art lassen ahnen, welche Hornhaut die Doppelidentität als Historiker und Spitzel auf der Selee des Autors hinterlassen hat.

          Als akademischer "Reisekader" durfte Fritz Klein die Vereinigten Staaten besuchen. Er schwärmt in seinen Erinnerungen regelrecht von der Gastfreundschaft jenseits des Atlantiks, von der "Offenheit der Menschen" und der elementaren "Verwurzelung des Demokratiegedankens in der Gesellschaft". Als "Zeichen der Toleranz in der allgemein eher konservativen Hochschule" bewertet er, dass die jungen Amerikaner, die an seinem Privatissimum über marxistische Geschichtstheorie teilnahmen, ihn am Ende des Semesters um einen Schein mit Benotung baten.

          Seine Mitwirkung an einer Zwangsgemeinschaft, die alles andere betrieb als "eine Verwurzelung des Demokratiegedankens", steht dazu in ebenso hartem wie erklärungsbedürftigem Kontrast. Klein hielt den Mauerbau für unausweichlich, da so 1961 das drohende Ende "eines für mich nach wie vor legitimen Gesellschaftsversuchs" verhindert wurde. Am Ende seines "Lebensberichtes" aber muss er als politischer Historiker konstatieren: "Was Lenin vor achtzig Jahren begann ist gescheitert, und zwar im wesentlichen an sich selbst." Statt einer Gesellschaft der Freien und Gleichen sei als Ergebnis der Oktoberrevolution "eine Gesellschaft der Reglementierung und des Zwanges" entstanden, die 1989 zu Recht untergegangen sei.

          So bewahrt der Autor schließlich doch - von manch akademisch-institutioneller Überdehnung und selbstlegitimatorischer Untertreibung einmal abgesehen - die Spannung zwischen professioneller Distanz und zeitgenössischer Nähe. Das stellt die Authentizität des biographischen Zugangs gleichrangig neben die tiefere Erklärungskraft historisch gesicherter Erkenntnisse über Irrungen und Wirrungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Am Ende seiner Geschichte ist alle historische Teleologie aufgebraucht, der kritische Mitläufer steigt atemlos aus seinem Laufrad. Zum zweiten Mal steht er ernüchtert vor den Trümmern eines totalitären Weltentwurfs und der Frage, warum er das alles mitgemacht hat. Seine professionelle Antwort lautet: "Historiker sollten wissen um die Macht und Kraft der Vergangenheit, ihre Dauerlastigkeit."

          Ganz anders als Klein und unberührt von jeder Nachdenklichkeit geht Karl-Heinz Gerstner in seiner "Lebensbetrachtung" zu Werke. Nach dem Motto "Hoppla jetzt komm' ich" erzählt er, wie er Tausendsassa immer auf der richtigen Seite stand. Erst als Roter Student, der 1933 der NSDAP beitrat, um sie von innen zu bekämpfen. Dann als NS-Diplomat in Paris, der die Résistance unterstützte. Nach 1945 als Reformsozialist, der im besseren Deutschland, immer gewusst hat, was falsch lief, 1968 mit dem Prager Frühling sympathisierte und selbstverständlich von Anfang an mit Gorbatschow.

          Wir Ostdeutschen

          Gerstner wäre nicht Gerstner, wenn er nicht auch heute genau wüsste, was falsch läuft und wo es langgeht. Über den Bundestag befindet er: "Bei aller Arroganz, mit der uns gönnerhaft Demokratie gepredigt wird, wird offenbar nicht gemerkt, dass man sich mit einer entwerteten Institution brüstet." Dabei beansprucht er selbstredend, für "die Ostdeutschen" zu sprechen: "Was uns da geboten wird, reicht nicht zur Befriedigung der lang angestauten Bedürfnisse. Viele wollen mehr. Wenn von uns Ostdeutschen verlangt wird, dass wir uns zur Demokratie bekennen und dieses Bekenntnis unter Beweis stellen, so fordern wir eine Demokratisierung der Demokratie. Wir berufen uns auf das Grundgesetz und schreiben demokratische Ideale auf unsere Fahnen." So und klotziger lesen sich auch die anderen Bekenntnisse in seinen aufdringlichen Erinnerungen.

          Zurückhaltend äußert sich Gerstner nur über seiner Rolle als Inoffizieller Mitarbeiter. Unter den Decknamen "Hans Peters" und "Ritter" hat er viele Jahre für den DDR-Staatssicherheitsdienst gearbeitet. Auf Bitte des zuständigen Politbüromitgliedes Hermann Axen will er lediglich etwas "social life" mit den ausländischen Diplomaten betrieben und "um des lieben Friedens Willen" auf Axens Wunsch auch die Stasi "über Dinge, die für die Außenpolitik der DDR relevant sein könnten", unterrichtet haben. Seine als IM "Ritter" zwischen 1975 und 1985 gelieferten Spitzelberichte füllen rund 2000 Seiten. Unterlagen über seine vorherige und spätere Geheimdienstarbeit wurden 1989 vernichtet.

          Das im Archiv der Gauck-Behörde aufbewahrte Schriftgut belegt indes einen anderen inoffiziellen Werdegang, als ihn Gerstners "sonntägliche Lebensbetrachtungen" nahe legten. Demnach wurde er 1946 aus dem Internierungslager entlassen und "von sowjetischen Freunden angeworben, um ehemalige NSDAP-Mitglieder aufzuklären und Informationen zu sammeln". Den KGB interessierten weiterhin Gerstners Auskünfte über französischen Trotzkisten und frühere Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes. Vom KGB ausgemustert, weil für unzuverlässig befunden, nahmen ihn irgendwann die Armeeaufklärung des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR und danach die Hauptverwaltung Aufklärung unter ihre Fittiche.

          Als nach dem UN-Beitritt der DDR eine diplomatische Vertretung nach der anderen in Ost-Berlin akkreditiert wurde, übergab die Stasi-Aufklärung den rührigen Journalisten in die Obhut der Abwehrabteilung. Diese Überleitung erfolgte im November 1975 in Gerstners Wohnung, wo ihm seine künftigen Führungsoffiziere vorgestellt wurden. Sein Auftrag lautet fortan, insbesondere mit den Diplomaten derjenigen Staaten Kontakte aufzunehmen, "die auf Grund ihrer politischen Aktivitäten gegen die DDR von Bedeutung sind". Namentlich wurden ihm als Zielobjekte die Vertretungen der "BRD, USA, England, Frankreich, vor allem eben Nato-Staaten", zugewiesen. Die Staatssicherheit sorgte dafür, "dass er an Empfängen in Vertretungen teilnehmen und auch entsprechende Kontakte zu Diplomaten vertiefen" konnte.

          In seinen Erinnerungen behauptet Gerstner nun, dass er "nicht das Gefühl hatte, etwas Unredliches tun zu sollen. Ich wusste sehr wohl zu unterscheiden, was vertraulich und privat war und niemanden etwas anging - und was die diplomatische ,Message' war." In seinen Berichten an die Stasi-Abwehr gab Gerstner aber nicht nur weiter, was Günter Gaus, Egon Bahr, Otto Bräutigam und andere Diplomaten ihm auf Empfängen der Ständigen Vertretung sagten. Wenn Gaus 1976 ihm gegenüber wegen der Flut von Ausreiseanträge "die politische Lage der DDR als nicht sehr stabil" einschätzte oder der indische Botschafter für die Aufnahme indischer Fachkräfte warb und forderte, "die Einwanderungspolitik müsse großzügiger gestaltet werden", so mochte das als "diplomatische Message" betrachtet werden. Nicht aber Gerstners fortwährende Mitteilungen über DDR-Bürger, die ohne offizielle Erlaubnis an Empfängen der westlichen Botschaften teilnahmen, oder die Auskundschaftung von Kontaktpersonen Wolf Biermanns, die Übergabe eines regimekritischen Textes von Wolfgang Harich oder die Information darüber, wer sich nach einem Empfang in der amerikanischen Residenz privat bei Manfred Krug einfand und was dort gesprochen wurde. An solche Berichte an den Staatssicherheitsdienst erinnert der Autor in seiner trotzig-protzigen Selbstbespiegelung nicht. Was als "sachlich, kritisch, optimistisch" deklariert wird, ist tatsächlich nur seicht, kitschig, opportunistisch und verlogen, zutiefst verlogen.

          JOCHEN STAADT

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