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Rezension: Sachbuch : Die Daumen der Hardthöhe

  • Aktualisiert am

Willy Wimmer hat viel zu erzählen, aber er erinnert sich unkonzentriert

          Willy Wimmer: "Laß uns dir zum Guten dienen . . ." Der Weg der NVA in die Bundeswehr. Neusser Zeitungsverlag/Druck + Verlag Josef Wegener, Dormagen 2000. 134 Seiten, 19,80 Mark.

          Am 7. Januar 1990 trafen sich im Redaktionsgebäude der Neuss-Grevenbroicher Zeitung in Neuss der Vorsitzende der Ost-CDU, de Maizière, und der verteidigungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Vorsitzende des mitgliederstarken CDU-Bezirksverbandes Niederrhein, Wimmer. Der Zeitungsverleger hatte das Gespräch vermittelt. Als de Maizière sein Anliegen vortrug, soll - so erzählt es jedenfalls de Maizière - Wimmer das Zittern bekommen haben.

          Wimmer, der gute Kontakte zu Bundeskanzler Kohl hatte, sollte ein Gespräch zwischen den beiden Vorsitzenden vermitteln, und das sofort. Ein Gespräch, das die West-CDU bis dahin vermieden hatte. Vor allem der damalige Generalsekretär Rühe wollte mit den "Blockflöten" im Osten nichts zu tun haben. De Maizière verlieh mit einem Trick seiner Forderung Nachdruck. Er hatte bereits zu einer Pressekonferenz nach dem Gespräch eingeladen, auf der er das Scheitern der Verhandlungen zwischen beiden Parteien öffentlich machen wollte. Wimmer mußte handeln und rief Kohl an. Daraus wurde wenig später das Wahlbündnis "Allianz für Deutschland", das am 18. März die Volkskammerwahl in der DDR gewann und den Weg in die deutsche Einheit ebnete. Daraus wurde zuerst die Kooperation, dann das Zusammengehen der beiden CDU.

          Wimmer wäre nicht die rheinische Frohnatur, die er nun einmal ist, wenn er in seinen Erinnerungen der gespannten Situation zu Beginn des Treffens mehr als ein paar Nebensätze widmen würde. Dafür schreibt er, als wäre es selbstverständlich gewesen: "Der Vorsitzende der CDU Deutschland und Bundeskanzler Helmut Kohl ließ noch während des Gespräches, nachdem er von dessen Verlauf Kenntnis hatte, seine Bereitschaft zu einem ersten Gespräch mit de Maizière in der auf den 27. Januar folgenden Woche erklären." Wimmer mag hier, überrollt von der Situation, keine gute Figur gemacht haben.

          Aber er hatte das Glück, immer wieder dabeigewesen zu sein, wenn die Geschichte der deutschen Einheit an dramatische Punkte gelangte. 1987 schon sah er sich in Moskau um. Sein Besuch galt als eine Sensation, zumal er von seinen Gesprächspartnern den Eindruck mitbrachte, daß die Wiedervereinigung Deutschlands aus sowjetischer Sicht kein Tabu mehr sei.

          Als die Nationale Volksarmee aufgelöst und zu einigen Teilen in die Bundeswehr übernommen wurde, war Wimmer als Staatssekretär im Verteidigungsministerium daran beteiligt. Dieser Mann hat also viel erlebt und viel zu erzählen. Leider tut er es in seinem Buch so unkonzentriert, daß ihm der Leser zurufen möchte: Langsam und immer schön der Reihe nach.

          Ärgerlich an diesem Buch ist schon der Titel, eine nichtssagende, weil aus dem Zusammenhang gerissene Zeile aus der DDR-Nationalhymne. Warum diese Wahl? Der Untertitel nennt das Thema des Buches, aber Wimmer hat es beim Schreiben offenbar selbst vergessen.

          Er berichtet von einer Reise in die Sowjetunion, ist aber plötzlich in einer vorpommerschen Kaserne und am Ende sogar auf einer Pilgerreise durch Polen. Immer wieder kritisiert er das Verteidigungsministerium, aber diese Kritik bleibt so abstrakt, als würde Wimmer sich nur an Leute wenden, die wissen, daß sie gemeint sind. Vielleicht sind das jene "hochrangigen Vertreter des Bundesministeriums der Verteidigung", denen Wimmer nachsagt, für sie habe es "eine Art Kontaktsperre gegeben, wenn es um die Beziehungen zu denjenigen ging, die Aufschluß hätten geben können über den inneren Zustand der Nationalen Volksarmee und die Lage der DDR allgemein".

          Überhaupt enthält das Buch viele Anspielungen, die dem Leser, wenn er nicht dabei war, dunkel bleiben müssen. Die Hardthöhe sei bei seinen "intensiven Besuchen in der DDR" hin- und hergerissen gewesen "zwischen heller Aufregung und dem berühmten Daumendrücken". Das ist so ein behauptender Satz, der vermutlich viel sagen will, aber nichts sagt. Auch ärgern an dem Buch Schluderigkeiten. Zitate werden nicht durch Zeichen beendet. Im Personenregister sind die Vornamen einfach weggelassen, wenn Wimmer sie nicht wußte. Eggesin liegt nicht in Mecklenburg, sondern in Vorpommern. Nicht Dransdorf auf Rügen hat Wimmer besucht, sondern, wie er an anderer Stelle richtig schreibt, Dranske.

          FRANK PERGANDE

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