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Rezension: Sachbuch : Der versteckte Staatsmann

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Wilhelm Kaisen: Landesvater in Bremen und Gegner von Kurt Schumachers "linkem Nationalismus"

          Karl-Ludwig Sommer: Wilhelm Kaisen. Eine politische Biographie. Herausgegeben von der Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung Bremen. Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 2000. 540 Seiten, Abbildungen, 39,80 Mark.

          Von deutschen Politikern des 20. Jahrhunderts verdienen nur wenige das Prädikat Staatsmann. Zu ihnen gehört der Sozialdemokrat Wilhelm Kaisen, Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen 1945 bis 1965. Er zählt zu den Gründungsvätern der Bundesrepublik Deutschland wie zu den Garanten ihrer Stabilisierung. Dabei steuerte Kaisen, der die "Lehren von Weimar" verarbeitet hatte, stets einen Kurs des inter- und innerparteilichen Ausgleichs, selbst wenn er damit der Linie des SPD-Vorstands entgegenlief. Er wurde zum Prototyp eines erfolgreichen, bodenverhafteten Landesvaters. Von seiner Popularität zehrte die SPD im kleinsten Land der Bundesrepublik.

          Kaisen, 1887 in Hamburg geboren, stammte aus sozialdemokratischem Arbeitermilieu. Die Ausbildung zum Facharbeiter (Stuckateur) und die Militärdienstzeit prägten ihn weniger als die Lehrzeit im Arbeiterbildungsverein, vor allem aber die Jahre 1913 und 1914 auf der Parteischule in Berlin, der "ideologischen Kaderschmiede der SPD". Hier faszinierte ihn neben der feurigen Dozentin Rosa Luxemburg die einzige Kursgenossin, Helene Schweiga, die er 1916 heiratete. Sie wurde ihm zur unentbehrlichen, zunächst durchaus links außen stehenden politischen Gesprächspartnerin, später zur wichtigsten Stütze im familiären Hintergrund.

          Die vier Jahre des Ersten Weltkriegs überlebte Kaisen als Artillerist in Frankreich. Sein steiler politischer Aufstieg begann im Sommer 1919 in Bremen, der Heimat seiner Frau. Dort gelangte der "Neue aus Hamburg" rasch zu Ansehen. Als Redakteur des "Bremer Volksblattes" (1920) und zwei Jahre später als Chefredakteur der "Bremer Volkszeitung" gehörte er seit 1920 der Bürgerschaft an und übernahm 1928 im Senat das Ressort Wohlfahrtswesen. Kaisen bezog mit seiner Frau und drei Kindern ein eigenes Haus, blieb aber trotz bürgerlich-mittelständischen Lebensstils ein "Mann der Basis". Die reibungslose Zusammenarbeit mit den Koalitionspartnern bildete die Grundlage des von ihm später praktizierten "Bündnisses von Kaufleuten und Arbeiterschaft", das zu seinem Markenzeichen wurde.

          Kaisens optimistische Prophetie von Ende 1932, "das Dritte Reich kommt niemals", war bereits zwei Monate später widerlegt. Im März 1933 schlugen die neuen Machthaber auch in Bremen zu, wobei ihnen die SPD durch Selbstausschaltung die Gleichschaltung erleichterte. Die Arbeitslosigkeit zwang Kaisen zu einem beruflichen Neuanfang. Er erwarb in der kleinen Ortschaft Borgfeld eine Siedlerstelle mit fünf Hektar Land, mied jeglichen politischen Kontakt, führte ein hartes Leben als Kleinlandwirt und gewann schließlich aus dem rustikal-bescheidenen Dasein einen neuen Lebenssinn. Diese Erfahrungen machten ihn nach 1945 zu einem Verfechter ländlichen Siedlungswesens und Förderer des Eigenheimbaus.

          Seine zweite Karriere begann unfreiwillig. Amerikanische Offiziere holten den früheren SPD-Politiker Ende April 1945 "vom Acker weg", wie die Legende überliefert, in die Bremer Stadtverwaltung. Sie übertrugen ihm sein früheres Amt als Senator für das Wohlfahrtswesen und ernannten ihn am 1. August 1945 zum Präsidenten des Senats. Damit begann die "Ära Kaisen"in Bremen. Der Regierungschef gewann das Vertrauen der Machthaber, erhielt aber schon bald die Bestätigung durch freie Wahlen, die zu Gunsten seiner Partei ausfielen.

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