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Rezension: Sachbuch : Der Herr der Reißwölfe

  • Aktualisiert am

Werner Großmann spinnt die Legende von Markus Wolf fort

          Werner Großmann: Bonn im Blick. Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihres letzten Chefs. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2001. 320 Seiten, 34,- Mark.

          Seinen größten Coup landete der stellvertretende Minister für Staatssicherheit, Generaloberst Großmann, erst nach dem Sturz der SED-Diktatur. Seine Offiziere rangen den DDR-Bürgerrechtlern in der "Arbeitsgruppe Sicherheit des Zentralen Runden Tisches" die Zustimmung zur größten Aktenvernichtung in der untergehenden DDR ab. Die von Großmann kommandierte Stasi-Hauptverwaltung A (HV A) durfte die gesammelten Spitzel- und Spionageunterlagen selbst vernichten und die nachgeordneten Dienststellen "eigenständig liquidieren". Großmanns Männer konnten fast drei Monate lang Papierberge verbrennen und Akten schreddern, bis die Reißwölfe heißliefen. Trotz einiger Pannen gereiche "die Vernichtung der Akten allen Beteiligten zur Ehre", schreibt Großmann jetzt.

          In der Substanz bieten die Lebenserinnerungen kaum Neuigkeiten zum Thema DDR-Spionage im Westen. Großmann füllt sein Buch durchweg mit bekannten Spionagefällen und läßt noch einmal die Bonner Maulwurftruppe Revue passieren, die in Ministerien und Westparteien der DDR-Staatssicherheit zu Diensten stand. "Das Auswärtige Amt ist von uns blendend besetzt", behauptet er im historischen Präsens, und auch der Bundesnachrichtendienst sei "gläsern" gewesen.

          Zehn Prozent der etwa 3000 westdeutschen DDR-Spione, gegen die nach der Wiedervereinigung Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden, erhielten Gefängnisstrafen. In wenigen Fällen hatte die bundesdeutsche "Siegerjustiz" für Großmanns kleine Gehilfen mehr als fünf Jahre Haft übrig. Alle spitzelnden und kiebitzenden Sekretärinnen, Bürovorsteher, Politikerreferenten oder Vortragende Legationsräte, die Großmanns Erfolgsbilanz schmücken, sind inzwischen längst wegen guter Führung wieder auf freiem Fuß. Nur in den Vereinigten Staaten wurden überführte DDR-Spione ähnlich hart verurteilt wie in Großmanns Dienstjahren Westspione in der DDR.

          Großmann selbst erwähnt den Fall des Cottbuser Kreisschulrats Horst Garau, eines Inoffiziellen Mitarbeiters (IM) der HV A, der sich bei einem Westeinsatz vom Verfassungsschutz anwerben ließ. Garau wurde nach seiner Enttarnung von einem DDR-Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Er erhängte sich 1988 in Bautzen. Großmann macht dafür die Bundesregierung verantwortlich, weil sie Garau nicht rechtzeitig gegen einige im Westen inhaftierte DDR-Spione austauschte. Als "völligen Irrsinn" bezeichnet er den von Garaus Witwe geäußerten Verdacht, ihr Mann sei umgebracht worden.

          Durch Genickschuß ums Leben gebracht wurde am 26. Juni 1981 in Leipzig Dr. Werner Teske, der als Hauptmann in Großmanns HV A gedient hatte. Teske war zuvor in einem Geheimprozeß wegen der Vorbereitung einer Spionagehandlung und Fahnenflucht zum Tode verurteilt worden. Großmann erwähnt Teske nicht. Er spinnt lieber die Legende seines Amtsvorgängers Markus Wolf fort, in der Stasi-Spionageabteilung hätten die Humanisten des Spitzelministeriums gesessen.

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