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Rezension: Sachbuch : Der größte Sozialist der Welt

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Eine tiefschürfende Biographie Grotewohls muß noch geschrieben werden

          Markus Jodl: Amboß oder Hammer? Otto Grotewohl. Eine politische Biographie. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1997. 333 Seiten, 16 Abbildungen, eine Graphik, 19,90 Mark.

          Die Geschichte der Sieger läßt sich nicht ohne die der Verlierer begreifen. Markus Jodl hat sich mit seiner politischen Biographie über den Sozialdemokraten Otto Grotewohl einem Verlierer gewidmet, der 1946 die ostdeutsche SPD in die von den Kommunisten dominierte Sozialistische Einheitspartei geführt hat. Grotewohl wurde 1894 in Braunschweig geboren, ein richtiges Elternhaus hatte das Arbeiterkind nicht. Das auffällige "Harmoniebedürfnis, seine Sehnsucht nach sozialem Halt und festgefügten Strukturen" haben in dieser Kindheit sicher ihre Wurzeln. Das sozialdemokratische Millieu seiner Heimatstadt prägte Grotewohl, er wurde Buchdrucker, konnte sich weiterbilden, die Partei verhalf ihm zu sozialem Aufstieg. In den innerparteilichen Auseinandersetzungen vor und nach dem Ersten Weltkrieg strebte der begabte Redner immer nach einer Mittlerposition zwischen den widerstreitenden Flügeln. Das zahlte sich aus, er wurde in Braunschweig zweimal Landesminister, außerdem Reichstagsabgeordneter und Präsident der Landesversicherungsanstalt.

          Grotewohls erste gravierende politische Fehleinschätzung betraf die Nationalsozialisten, die 1933 seine Karriere als Braunschweiger Landespolitiker beendeten. 1938 nahm ihn die Gestapo fest, er wurde verdächtigt, zusammen mit Erich Gniffke und anderen Personen die sozialdemokratische Partei illegal fortzuführen. Das Verfahren wurde niedergeschlagen und Grotewohl im März 1939 aus der Untersuchungshaft entlassen. Er fand danach eine Anstellung in Berlin. Politisch hielt er sich zurück. Nach der Eroberung Berlins setzte die sowjetische Militäradministration Grotewohl am 6. Juni als Dezernenten für Finanzen und Steuern im Bezirksamt Schöneberg ein. Zusammen mit Gniffke gehört er zu dem Kreis von Sozialdemokraten, der in Berlin einen Zentralausschuß bildete, um die SPD wieder aufzubauen. In den wenigen Monaten bis zur Gründung der SED rückte Grotewohl in den Rang einer bedeutenden Person der deutschen Zeitgeschichte.

          Aber gerade für diesen Zeitraum löst Jodl seinen eigenen Anspruch, eine politische Biographie zu schreiben, nicht ein. Grotewohls Weg in die SED wird anhand bekannter Dokumente und Reden im Stil einer Seminardiskussion abgehandelt. Die Dramatik der Situation des Jahres 1945, die alliierte Besetzung, die Auflösung der deutschen Einheit, die zerstörten Städte, die moralisch-politische Katastrophe des verlorenen Krieges und der Streit um die kollektive Schuld der Deutschen an den Verbrechen der Nationalsozialisten scheinen nur gelegentlich auf. In dieser Konstellation aber begann der Neuanfang deutscher Politik, unter diesen Bedingungen agierte Grotewohl. Der Leser wird von dem Autor auf Spurensuche geschickt, um die Gründe für Grotewohls Entscheidungen zu verstehen. Zu diesen Spuren gehören die Versprechungen von Marschall Schukow hinsichtlich der künftigen Rolle der SPD für die sowjetische Besatzungsmacht. In Leipzig bekundete Grotewohl 1945 seine Bereitschaft, unter den Bedingungen alliierter Besetzung als "Befehlsempfänger" deutsche Interessen wahrzunehmen. Jodl weist auf den Einfluß hin, den der KPD-Vorsitzende Wilhelm Pieck als "väterlicher Freund" auf Grotewohl ausübte. Aber all diese Faktoren treten für Jodl zurück hinter die Auseinandersetzung mit Kurt Schumacher.

          Grotewohl galten die Westmächte als kapitalistische Konkurrenten der Deutschen auf dem Weltmarkt, und er hatte die Hoffnung, daß die sozialistische Sowjetunion der natürliche Verbündete für deutsche Sozialisten sein würde. Nach eigenem Bekunden war er zufällig an die Spitze der SPD in der SBZ "geschwemmt" worden, weil er zum richtigen Zeitpunkt in Berlin war. Nach der Vereinigung mit der KPD zeigte sich sehr schnell, daß nicht die Parteivorsitzenden Pieck und Grotewohl, sondern Walter Ulbricht die Politik der SED prägte. Grotewohl verfolgte nur mehr "illusionäre" Initiativen. Im Zusammenhang der Waldheimer Prozesse, Anfang der fünfziger Jahre, arbeitet Jodl überzeugend die Mitschuld von Grotewohl an den dort gefällten Todesurteilen heraus.

          Grotewohl wurde in der SED bald zum Kommunisten und diente dem Stalinisten Ulbricht. Nach seinem ersten Gespräch im Kreml 1947 sagte er: "Genosse Stalin ist der größte Sozialist der Welt." In der SBZ/ DDR gingen viele Menschen einen ähnlichen Weg wie Grotewohl, sie paßten sich an und dienten der Diktatur. Um die Funktionsmechanismen des SED-Regimes zu verstehen, wäre eine tieferschürfende politische Biographie über die Umerziehung des Sozialdemokraten Otto Grotewohl zum SED-Kommunismus von Bedeutung. Sie muß noch geschrieben werden. MANFRED WILKE

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