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Rezension: Sachbuch : Der deutsche Arbeiter, der englische Lord

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Karlheinz Weißmann beschreibt die NS-Zeit aus der Perspektive der Täter

          Karlheinz Weißmann: Der Weg in den Abgrund. Deutschland unter Hitler 1933- 1945. Propyläen Geschichte Deutschlands, Band 9. Propyläen-Verlag, Berlin 1995. 503 Seiten, Abbildungen, 248,- Mark.

          Der Autor schreibt in seinem Vorwort, einer Art von geschichtsphilosophischem Bekenntnis, in der Verurteilung des Regimes, seines Krieges und seiner Verbrechen stimmten die Historiker und die historisch interessierte Öffentlichkeit überein. Grundsätzliche Konflikte über die Interpretation des "Dritten Reiches" resultierten "vor allem aus Motiven, die jenseits der Grenzen wissenschaftlicher Geschichtsschreibung liegen".

          Diese Motive seien als "politisch-pädagogische" zu bezeichnen. Bislang habe eine "Art volkserzieherischer Konsens" geherrscht, womit "zwar der gewünschte pädagogische Effekt" erreicht worden sei, nämlich das, was der Autor "Pauschaldistanzierung von der NS-Vergangenheit" nennt. Jetzt aber gehe es um "Normalisierung unseres Geschichtsbewußtseins" und um "Historisierung des Nationalsozialismus". Mit Berufung auf Martin Broszat bedeute das "Einordnung in den Gesamtverlauf der neuzeitlichen Geschichte Deutschlands". Ferner heißt es da, die "Isolierung" der NS-Zeit sei immer weniger möglich und "ihre Einbettung in den größeren historischen Zusammenhang des zwanzigsten Jahrhunderts immer notwendiger".

          Wir haben diese (allerdings nicht immer widerspruchsfreien) methodischen Grundsätze des Autors etwas ausführlicher zitiert, weil sich daraus ableiten läßt, daß es ihm um eine Revision (tatsächlich oder angeblich) überholter Ansichten über das "Dritte Reich" geht. Man wird sich diesen Anspruch vor Augen halten müssen, wenn man an die Lektüre des umfangreichen Werkes geht. Dabei sei vorläufig dahingestellt, inwiefern die Vorwürfe des Autors an die bisherige Geschichtsschreibung überhaupt gerechtfertigt sind. Hingegen sei jetzt schon klargemacht, daß die neuen Interpretationsprinzipien von Weißmann sich eng an Auffassungen anlehnen, wie sie zum Beispiel Rainer Zitelmann zusammen mit Eckhard Jesse vor Jahren in dem Band "Schatten der Vergangenheit" verkündet hat. Seinem "Freund" Zitelmann dankt Weißmann dafür, daß er sein Werk in dessen mehrjähriger Entstehungszeit dauernd begleitet habe.

          Inwiefern und mit welchem Erfolg ist diese Programmatik im Werk von Weißmann nun wirklich umgesetzt worden?

          In einem ersten Teil "Nationalsozialismus als Epochenphänomen" versucht der Autor, die Ursprünge der NS-Ideologie im europäischen Umfeld zu orten. So unbestritten es ist, daß es faschismusähnliche Strömungen in manchen europäischen Ländern seit dem späten neunzehnten Jahrhundert gegeben hat, so fragwürdig ist es, in diesen meist ephemeren Randerscheinungen entscheidende Voraussetzungen für die Entstehung der NS-Ideologie sehen zu wollen. Die eigentlichen Ursachen sind nicht in der darwinistischen Linken in Frankreich zu finden, sondern in der nationalistischen Rechten Deutschlands, von den Alldeutschen der Kaiserzeit über die Vaterlandspartei des Ersten Weltkrieges bis zu entsprechenden Tendenzen in der Weimarer Republik. Aber gerade davon ist bei Weißmann wenig die Rede. Unverständlich ist es, in diesem Zusammenhang Frankreich als "politisches Laboratorium" zu bezeichnen. Dieses Verdienst kommt doch wohl eher Deutschland zu. So kann man der selbstgestellten Aufgabe der "Einordnung" der deutschen in die europäische Geschichte sicher nicht gerecht werden.

          Bei der Darstellung der eigentlichen NS-Periode fällt ein eklatantes Ungleichgewicht zwischen den sogenannten Friedensjahren und den Kriegsjahren auf. Jene nehmen fast drei Viertel in Anspruch, obschon die Kriegsjahre ja fast ebenso lange gedauert haben. Daraus folgt konsequenterweise eine entsprechende Unausgewogenheit, die man nur als Verzerrung der geschichtlichen Perspektive bezeichnen kann: Verschiebung der Gewichte führt zur Verschiebung der Optik, besonders wenn in der Beschreibung der "Friedensjahre" die sogenannten "positiven" Seiten der NS-Herrschaft noch besonders herausgestrichen werden. Das "weltgeschichtlich Kennzeichnende" ist aber, wie mit Recht gesagt worden ist, in der Kriegszeit geschehen. Doch der Autor legt das Schwergewicht auf den Nachweis, daß das Leben in Deutschland beziehungsweise in der "deutschen Volksgemeinschaft", wie er sich ausdrückt, eigentlich weitgehend normal verlaufen sei. Das Nebeneinander von "Ideologiestaat" und "staatsfreier Sphäre" erklärte nebst den unbestreitbaren Erfolgen des Regimes die weitgehende Akzeptanz durch die Bevölkerung. Nach Weißmann ist der NS-Staat kein "klassischer Totalitarismus" gewesen, weil eine totale Durchdringung des gesellschaftlichen Lebens ebenso gefehlt habe wie eine totale Abschottung von der Außenwelt, wie etwa im Falle der Sowjetunion. Der Verfasser betont aber die absolute und unumschränkte Macht Hitlers im "Führerstaat" und lehnt den Begriff der "Polykratie" mit Recht ab.

          Die Beschreibung dieser Normalität nimmt in Kapiteln wie "Wirtschaftswunder und Sozialstaat" und "die Volksgemeinschaft und ihre Feinde" ungefähr doppelt soviel Platz ein wie die Darstellung der "negativen" Aspekte, die der Autor keineswegs verschweigt. Doch wie er sie behandelt, abgesehen von der erwähnten Gewichtung, ist symptomatisch für das methodische Vorgehen: dort sogenannte "Empathie", also etwa Anteilnahme oder Einfühlung, hier kühle, ja fast bürokratische Sachlichkeit, um die beiden Begriffe zu gebrauchen, von denen der Autor sich leiten lassen will. Daß der Verfasser bei seinen (oft übereifrigen) Bemühungen, die Normalität des Lebens im Dritten Reich zu beschreiben, fragwürdige Urteile fällt oder auch falsche Angaben macht, wird niemand verwundern. So etwa, wenn er behauptet, die ernste Musik sei "von spürbaren Eingriffen des Regimes weitgehend frei" gewesen oder man habe bis zum Kriegsbeginn "praktisch alle ausländischen Zeitungen kaufen können". Die großen Schweizer Zeitungen jedenfalls wurden bereits 1934/35 definitiv verboten.

          Solche Überbetonung und Übergewichtung der "Normalität" im Hitler-Staat erweckt den zwiespältigen Eindruck, als ob die vom Autor angekündigte "Normalisierung des Geschichtsbewußtseins" über die Normalisierung der NS-Zeit erreicht werden sollte.

          Wie erwähnt, kehrt der Autor die negativen Seiten keineswegs unter den Teppich. Man erfährt durchaus von der Existenz von KZs, doch wie die Menschen darin gelebt oder gelitten haben, davon erfährt man nichts. Ähnliches ist von SS, Gestapo, Waffen-SS et cetera zu sagen. Immer ist es die Sicht der Täter, die dominiert. Heydrich erklärt die Aufgaben der Gestapo, Himmler läßt sich aus über SS und Polizei. Wie diese furchterregenden Instrumente des Terrors nicht nur im Organisationsschema ausgesehen haben, sondern aus der Sicht der Opfer, aus ihrem Erleben und Erleiden, davon erfährt man wenig. Nie schildert der Autor den Alltag der Ausgegrenzten oder Ausgestoßenen mit der gleichen "Empathie" wie den Alltag in der "Volksgemeinschaft". Diese ist das deutsche Volk, und ihm allein gehört die volle Aufmerksamkeit.

          Solche Beschreibung der NS-Zeit aus der Perspektive der Täter führt zu teilweise unsäglichen Passagen. So darf Goebbels bei der Schilderung der Behandlung der Juden in Polen das letzte Wort haben und nach einem Besuch im Ghetto von Litzmannstadt sagen: "Das sind keine Menschen, das sind Tiere." Und das kurze Kapitel über die Endlösung schließt der Autor mit der berüchtigten Himmler-Rede vom 4. Oktober 1943, wo der Reichsführer SS vom neuen Ehrenkodex der Herrenrasse schwärmt und sich und seinen Massenmördern bescheinigt, bei all dem "anständig geblieben zu sein". Man geht wohl kaum fehl, wenn man hier den Einfluß seines Mentors Zitelmann und dessen "neuer Sachlichkeit" erblickt, die vor allem darin besteht, daß sich der Historiker jeglichen eigenen Kommentars zu enthalten hat. Wenn man schon keinen eigenen Kommentar zu dieser Ungeheuerlichkeit abgeben will, warum dann Himmler und nicht eines der Opfer, das zufällig überlebt hat, oder einer der Augenzeugen, von denen es wesentlich mehr gegeben hat, als der Autor anzunehmen scheint?

          Die Zusammendrängung der Kriegsjahre auf engem Raum bringt es mit sich, daß neben der Schilderung der militärischen Ereignisse kaum noch Platz bleibt für die Darstellung der katastrophalen Begleitumstände der NS-Eroberungs- und -Besatzungspolitik. Dies ist um so weniger entschuldbar, als es ja gerade die Kriegsjahre gewesen sind, welche die NS-Zeit zur schlimmsten Periode der deutschen und der europäischen Geschichte gemacht haben. So gerät dieser Abschnitt mehr oder weniger zur reinen Militärgeschichte, die sich immerhin meistens auf der Höhe des Forschungsstandes bewegt. Auch hier gibt es allerdings fragwürdige Urteile, etwa dort, wo der Autor meint, die Bombardierungen Warschaus, Rotterdams und Coventrys seien militärisch gerechtfertigt gewesen, die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte dagegen nicht. Weißmann erkennt übrigens durchaus, daß die Friedensjahre der Kriegsvorbereitung gedient haben, wie er denn keinen Zweifel aufkommen läßt am unbedingten Kriegswillen Hitlers und seiner Verantwortung für die Entfesselung des Krieges. "Der Weg in den Krieg" wird durchaus objektiv dargestellt, ohne den Versuch, zu verharmlosen, wo es nichts zu verharmlosen gibt.

          Die größte Lücke besteht darin, daß der Verfasser es nicht für angebracht hielt, ein Kapitel über die deutsche Besatzung und ihre Auswirkungen in den eroberten Ländern einzuschieben. Dies gilt besonders für die Ausbeutungs- und Ausrottungspolitik in der Sowjetunion, obschon der entsprechende Charakter dieses Krieges durchaus erkannt und benannt wird. Das Standardwerk von Alexander Dallin wird zwar in der Bibliographie erwähnt, doch über dessen Forschungsergebnisse erfährt man praktisch nichts. Dafür gibt es ein Kapitel über "die Volksgemeinschaft im Krieg", wo man unter anderem vernimmt, daß Liebesbeziehungen zwischen deutschen Frauen und Kriegsgefangenen oder Fremdarbeitern nicht zu verhindern waren. Am Schicksal durch die NS-Gewaltherrschaft unterdrückten und terrorisierten Völker ist der Autor kaum interessiert. Dabei hätte er sich Dutzende von Seiten einsparen können, wenn er auf die Beschreibung der historisch doch wohl weniger relevanten Positionskämpfe von Hitlers Paladinen oder die ausführliche Darstellung der konkurrierenden Neuordnungskonzepte für Europa (von denen ohnehin keines realisiert wurde) verzichtet hätte. Geradezu gespenstisch wird es, wenn er Ley mitten im Krieg über die paradiesische Zukunft Deutschlands schwadronieren läßt. ("Der deutsche Arbeiter wird in zehn Jahren besser aussehen als heute ein englischer Lord.")

          Daß der Verfasser am Schluß seines Buches in einem "Epilog" die Leiden und Opfer des deutschen Volkes beklagt, ist sein gutes Recht. Doch der Satz "Niemals zuvor hat ein Volk so hart für die Untaten gebüßt, die es beging" hinterläßt zwiespältige Gefühle. Wie ist es denn mit Völkern, die keine Untaten begingen und trotzdem ebenso hart oder noch härter zu "büßen" hatten, zum Beispiel das polnische Volk? Ganz abgesehen vom europäichen Judentum? Wenn Herr Weißmann das Standardwerk über die deutsche Okkupationspolitik in Polen zur Hand genommen hätte, dasjenige von Czeslaw Madajczyk nämlich, dann hätte er dort nachlesen können, daß über sechs Millionen Menschen infolge dieser grausamen Besatzungspolitik allein in Polen ihr Leben verloren haben. Das sind über zwanzig Prozent der Gesamtbevölkerung, mithin mehr als die deutschen Verluste (wenn wir schon beim Aufrechnen sind). Doch solches findet der Verfasser nicht der Erwähnung wert, wohl aber, daß man von polnischer Seite das Ziel eines Großstaates angestrebt habe - auf Kosten Deutschlands natürlich. WALTHER HOFER

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